Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 387 (sequence 3)
- Language
- German
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In den führenden österreichischen Blättern und aus ihnen in jüdischen ist viel von einer Zersetzung der antisemitischen Partei die Rede. Manche Neunmalweise wissen sogar von einer Vernichtung dieser Partei zu sprechen. Wenn wir in diesen Blättern von den Redeturnieren und dem Rauschen im Blätterwalde wenig oder keine Notiz nehmen — ebensowenig wie von den Radauversammlungen der sogenannten Deutsch-Nationalen, vulgo Antisemiten im lieben engeren Vaterlande — so geschieht es aus folgendem Grunde, der durch die Erfahrung vielfach bestätigt ist: es ist wohl wahr, daß einer dieser ehrenwerten Herren den anderen öffentlich entblößt, daß manche sich von der Allgewalt des Herrn Lueger frei zu machen suchen — nun, da er nicht mehr da ist, aber geändert an Stimmung und Tätigkeit der großen antisemitischen Partei wird dadurch nicht das geringste. Es mag ja geschehen, daß einer dieser (das Hauptwort ist leicht zu ergänzen) von dem anderen abgetan wird, die Folge davon ist aber einzig und allein, daß der Angegriffene in dem Abgrund verschwindet, der Angreifer eine Weile triumphiert, bis ihn dasselbe Schicksal trifft — aber die Partei bleibt wie sie war, wenn auch ihre Führer totgemacht werden. Man hört Worte, Worte, nichts als Worte. Die Juden gewinnen nicht das geringste dadurch, daß man den anderen — denn sie bedurften dessen nicht — die Erbärmlichkeit solcher Gegner enthüllt, das einzige, was die Juden tun können, ist: redlich ztt arbeiten, treu aneinander zu halten und der Zukunft zu vertrauen, die, vielleicht, das bringen wird, was ihnen die Gegenwart vorenthält und das vernichtet, was' die Vergangenheit wohl nicht ganz ohne ihre Mitschuld gezeitigt hat. Man ist an die furchtbaren Nachrichten aus Rußland so sehr gewöhnt, daß man sich auch über die grauenhaftesten Regierungsmaßregeln nicht mehr wundert, wenn man auch im tiefsten Innern den Schmerz über diese rohe Verletzung aller Gerechtigkeit und Menschlichkeit empfindet. Diese Betrübnis wird aufs neue rege durch folgende Mitteilung der „Neuen Jüdischen Korrespondenz": Der Baüernmarschall des Kreises Andrzejew, Gouvernement Kjelzi, beantragte beim Landrat die Ausweisung der Juden aus sämtlichen Dörfern des Kreises. Der Antrag wurde .ordnungsgemäß in Bewegung gesetzt. Es sollen 800 jüdische Familien aus ihren Wohnorten, an welchem sie seit undenklicher Zeit ansässig sind, ausgewiesen werden. Bekanntlich hat der Generalgouverneur von Turkestan sämtliche Bezirkshauptleute und Gouverneure des Gebiets zirkularisch angewiesen, sämtliche buch arischen Juden aus dem Turkestan gebiete auszuweisen. Der Hauptmann des transkaspischen Distrikts, General Jewrejinow, wurde nun beim Generalgouverneur darüber vorstellig, daß diese Maßregel auch auf die afghanischen und persischen Juden, wie auch auf die „Djedids", d. h. auf die zum Islam übergetretenen bucharischen Juden ausgedehnt werden sollte. Die Bemühungen des Generals Jewrejinow wurden von Erfolg gekrönt. Dieser Tage wurde er vom Generalgouverneur mit der Aufgabe betraut, einen detaillierten Ausweisungsplan auszuarbeiten. Nach dem von General Jewrejinow bereits gesammelten Material sollen in dem transkaspischen Bezirk ausgewiesen werden: 309 Familien aus Merw, 23 aus Tachtabazar, 210 aus dem Kreise Tedjen und 31 aus dem Kaiserlichen Gut zu Murgab. Die aütochthonen jüdischen Familien erhalten eine Frist von einigen Monaten behufs Liquidation ihrer Geschäfte. Den Eingewanderten wird nur ein Monat gewährt. ' Ein Tagesbefehl des Petersburger Stadthauptmannes vom 26, Juli beauftragt die Polizei mit der Vollstreckung der Ausweisung an 12 jüdischen Handwerkern, die die bezügliche Behörde im! Laufe -»A^K V, c ~ - .. des Monats Juni aus 'der Handwerkergilde ausgeschlossen hatten weil sie angeblich ihr Handwerk nicht ausgeübt hätten. Mit Rücksicht auf die alarmierenden Gerüchte über antisemitische Umtriebe in Bulgarien, die besonders in der russischen antisemitischen Presse stark ausgebauscht wurdenwandte sich, wie das Warschauer Tageblatt „Unser Leben" berichtet, dieses an den Oberrabbiner von Sofia, Dr. Ehrenpreis um genauere Details. Dr. Ehrenpreis sandte hierauf dem Blatte folgende Erklärung: „Die Alarmnachrichten, die in allen Zeitungen erscheinen, wonach in Bulgarien eine stark antisemitische Bewegung begonnen habe, die für die Juden gefahrdrohend sei> sind vollständig unwahr und aus der Luft gegriffen. Ich betrachte die Gerüchte nicht anders als die Folge sensationslüsterner Zeitungsmäche oder als Produkt eines leichtfertigen Antisemitenhirnes, das große Lust hat, den Haß gegen die Juden selbst in jenen Ländern anzufachen, wo Juden und Christen in Frieden miteinander leben. Ich kann Sie versichern, daß für die Juden, die in Bulgarien wohnen, absolut keine Gefahr besteht. Der geringfügige Vorfall in Kistendil muß als einzelner Ausnahmsfall betrachtet werben, in welchem auch die Regierung die strengsten Maßregeln ergriffen hat? Zufolge unserer Bitte beim Minister des Innern hat die'Regierung an alle Behörden im Lande eine Zirkularnote ergehen lassen, in welcher allen in Betracht kommenden Faktoren aufgetragen wird, jet e antisemitische Agitation unverzüglich aufs schärfste zu bestrafen. Das ist alles. .y * Aus Ungarisch-Hradisch wird der -,Oesterreichi'schen Wochenschrift" berichtet, daß im kommenden Herbste, vermutlich schon im September, dort die Gemeindewahlen stattfinden, . bei denen die Fortschrittspartei'und die Klerikalen in heftigem' Wahlkampf aufeinarrdergeraten werden. Es versetzt uns geradezu in Erstaunen, daß die Juden angeblich als Hilfstruppen der Klerikalen gegen die.Fortschrittspartei kämpfen , und sich' dadurch die berechtigte Feindschaft der gesamten freisinnigen Intelligenz zuziehen wollen. Eine solche Hilfeleistung der Juden im Dienste der klerikalen Partei unter Führung des bekannten Herrn Dr. Sedläeek muß jedermann, der mit den Verhältnissen einigermaßen vertraut ist, für einen verhängnisvollen Fehler und gefährlichen Mißgriff erklären. Die Juden in Ungarisch-Hradisch haben absolut keinen vernünftigen Grund, gerade den Klerikalen die Kastanien aus dem Feuer zu holen; für uns Juden gibt es kein Bündriis mit dem Klerikalismus, der seine Direktiven von'dem sattsam bekannten Abgeordneten Mhslivec empfängt und auf die' mittelalterliche Entrechtung der Juden abzielt. Die Fortschrittspartei dagegen hat das unstreitige Verdienst, in der W Jahrzehnte hinaus die Sreuerkraft der meist ' interessierten Juden gefährlich bedrohenden Spitalssrage den Schlag, zu welchem die Klerikalen ausholten, noch rechtzeitig abgewendet' zu haben. Ohne daS ehrliche und energische Auftreten der Freisinnigen im Gemeinderate, gegen die' maßlosen unkontrollierten Bauspekulationen der SedlScek-Partei stünden wir heute schon vor einer unabwendbaren Finänzkatästrophe« Und zum Danke für diese redliche Wahrung dev Interessen der Steuerträger sollen die Juden, im Bunde mit den Klerikalen die freisinnige Partei bekämpfen? Die Mehrzahl der einsichtsvollen Juden sollte wenigstens soviel Verständnis für ihr eigenes Zukunftsinteresse und soviel Korrektheit erweisen, um sich nicht für die Klerikalen zum Schaden der jüdischen Gesamtheit und zu ihrem eigenen , größten Schaden zu exponieren.: - - -