Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- Seite 386 (sequence 2)
- Language
- German
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Dir Woche. Berlin, den 16. August. om 5. bis 10. August fand in Berlin der Weltkon greß sÄrfreies Christentum und religiösen Fortschritt statt. Da also im offiziellen Titel von'religiösem Fortschritt die Rede war, so haben auch, wir das vollste Anrecht, von jenem Kongreß Notiz zu nehmen. Freilich zunächst mit dem Ausdruck mißbilligenden Staunens und großer Verwunderung. Freies Christentum, freie Religion, das ist gewiß düs Verlangen nach freier, durch keine dogmatischen Vorurteile gehemmter Forschung, das ist gewiß das Begehren nach; völliger Trennung der Kirche vom Staat, — aber wir möchten doch meinen, in erster Linie müsse damit verknüpft sein: Gerechtigkeit gegen andere, nicht Duldung, sondern Liebe aller derer, die ernst zu ihrem Gotte beten und rnfen. Wir hätten erwartet, daß sich hier nicht gelegentlich schüchtern der Ruf vorwagte: Gerechtigkeit für alle, sondern daß dieser Ruf immer und immer wieder ausgestoßen, tausendfältig sich sortgepflanzt hätte. Hier war der Platz, daß freigesinnte Christen sich des schweren Unrechts bewußt geworden wären, das den Juden itT Deutschland geschieht durch die Ausschließung von allen Stellen, durch Lähmung in der Betätigung ihrer Kraft; hier war der Ort, wo die Vertreter von Europa, Amerika und Australien im Namen der Religion und der Freiheit protestiert hätten gegen die Greuel, die im Namen der Religion, speziell im Namen des Christentums in Rußland geübt werden, gegen die Verhöhnung des Rechtes, gegen die planmäßige Unterdrückung vieler Menschen um ihres Glaubens willen. Leider war davon nicht die Rede. Die jüdischen Redner: Emile G. Hirsch, der am 9., H. Cohen und Claude G. Montefiore, die am 10. sprachen, hatten ihre Sonderausgabe, sie sollten dartun, daß der freie Gedanke im Judentum nicht stumm sei, wie er niemals stumm gewesen, und daß diese Freiheit wie sie von Manchen Juden absichtlich ignoriert wird, so auch von den Christen unabsichtlich bei Seite geschoben wird, wie dagegen diese Entwicklung innerhalb des Judentums segenspendend sein könne auch für die übrigen Religionen. Nicht ihre Ausgabe war es, den übrigen Kongreßmitgliedern Menschlichkeit und Gerechtigkeit zu lehren. Wenn man die ausführlichen Zeitungsberichte liest, so kann man auch ein anderes Bedenken nicht unterdrücken. In zahlreichen Volksversammlungen, in zahlreicheren Gruppensitzungen sprachen Dutzende hochbedeutender, begeisterter Männer und Frauen über die verschiedensten Themata. Diese Dutzende von . Volksreden, gelehrte und geistreiche Abhandlungen, vor den heterogensten Elementen gehalten, haben sie wirklich einen Zweck? Sind die Zuhörer immer dieselben, wie können sie -eine derartige Masse in sich aufnehmen? Wechseln die Anwesenden, so naschen sie wohl das eine oder das andere, erhalten aber doch kein Verständnis für das Ganze. Für wen also hatte diese gewaltige Redeschlacht eine Bedeutung und eine Wirkung? v Ich glaube kaum, daß jemand diese Frage in günstigem Sinne beantworten wird. Und doch mag man sich freuen, daß hier so viele treffliche Kämpen sich zusammenfanden, um ihre Gedanken zum Ausdruck zu bringen; aus. Berlin und vielen deutschen Universitäten, aus Paris und London und anderen Städten Englands und Frankreichs, aus Holland, Dänemark, Schweden, Norwegen, aus Amerika und Neuseeland, ein Indier aus Kalkutta und ein Brahmane. Unter den behandelten Thematen auS den öffentlichen und Privatversammlungen seien genannt: Austritt aus der christlichen Landeskirche oder kirchliche Reform; Trennung 'von Schule und Kirche; das Christentum in der Großstadt; Toleranz und Aufklärung; Religion als öffentliche Angelegenheit und als Privatsache; Wirkung des religiösen Lebens und der Wissenschaft Deutschlands auf den Liberalismus der anderen Nationen. Dazu kam eine große Anzahl spezieller Themata über Christus, über Bibelforschung und gar manches andere. Als deutsche Staatsbürger jüdischen Glaubens mögen wiruns besonders noch freuen darüber, daß alle Nationen den mächtigen Einfluß rühmten, der von Deutschland ausgegangen sei und noch immer ausgehe. Als Freigesinnte mögen wir auch dankbar sein für manches freie Wort, besonders über Ethik und Sittlichkeit, z. B. einen Satz wie den folgenden: ,-Das Entscheidende wird künftig gesucht werden müssen in der Sittlichkeit, nicht in Dogma oder Lehre", aber wir vermissen durchaus, daß von christlicher Seite nicht laut und entschieden die Gemeinsamkeit der ethischen Anschauungen beider Religionen, ja, auch die Abhängigkeit des Christentums vom Judentum verkündet wurde, wir bedauern es lebhaft, daß nicht einmütiger Protest eingelegt wurde gegen jede Schmähung in Wort und Tat, die dem Judentum angetan, gegen jede Entrechtung, die den Juden in aller Welt zugefügt wird. Der Vortrag H. Cohens „Die Bedeutung des Judentums für den religiösen Fortschritt" hatte, einem Zeitungsbericht zufolge, diesen Gedankengang: Der religiöse Fortschritt kann-nicht auf eine einzelne Religion beschränkt sein, sondern muß die Religion überhaupt fördern. Als das allen Kulturreligionen gemeinsame Ziel dieses Fortschritts sieht er die über die Religion hinausliegende Sittlichkeit an. Zu seiner Erreichung hat das Judentum immer als geschichtliche Einheit mitgewirkt. Die Kraft war eben seine Religion. Das sucht Cohen genauer in den acht Punkten darzustellen: Der absolute geistige Monotheismus des Judentums, der . jeden Mittler in Gestalt eines höheren Menschen ausschließt, . schafft sittlichen Idealismus und Enthusiasmus. Das Ringen der Seele nach Versöhnung mit Gott, um durch sie zur Versöhnung mit sich selbst zu kommen, ist so eine durchaus selbständige Erlösungsarbeit gewesen. Der Begriff „schuldlose Sünde" (Schegaga) stammt hierher. Eine Tendenz, der die Propheten einst Bahn gebrochen haben und die neuerdings in der Christenheit unter, dem Ausdruck „Praktisches Christentum" wieder in den Vordergrund tritt'. Die Thora, da sie nicht Gesetz, sondern Lehre ist. .schließt Unwissenheit, einen besonderen geistlichen Stand und den Gegensatz von Glauben und Wissen aus. und verwirklicht so ein Reich von Priestern und ein heiliges Volk. Der Sabbat wird mit seiner doppelten. Begründung, 2. Mose und 5. Mose, zum Symbol des religiösen Fortschritts überhaupt. Neben der Ruhe und dem Gottesdienst bestimmt zur Lehre, dient er zur Durchdringung des ganzen Lebens mit einer Religion, die ihr Schwergewicht im Diesseits erhält. Durch die Begründung des Sabbätgebotes („Dein Knecht wie Du selbst") ist nicht nur die Sklaverei wenigstens im Prinzip aufgehoben, sondern das Lebensprinzip der politischen Freiheit überhaupt befestigt und als Ankergrund des gesamten religiösen Denkens festgelegt worden. -In der Idee des Messias, der, ursprünglich eine dynastische Person, zum Volk, ja zur Menschheit der Zukunft wird,-hat das Judentum seinen Gottesbegriff vollendet und. der Welt den Begriff der Menschheit und der Weltgeschichte geschenkt, deren Ziel die Welterlösüng in der Verwirklichung der Sittlichkeit auf Erden ist. Damit ist die Hoffnung aüsgepflanzt, die das Judentum auch im tiefsten Leid in unerschütterlicher Glaubenstreue , hat aushalten lassen. Auch die Konzentration deS modernen Judentums auf die Gottesidee der. Propheten weist nicht rückwärts, sondern in die Zukunft: da ist das wieder zu suchen, was die Zwischenzeit verdunkelt hat.. Mit einerN z Appell aus der Not der Zeit betont Cohen zum Schluß: „Nur in. .sozjaler, .Sittlichkeit und in weltbürgerlicher Hum anität atmet der tebenbige'Go,tt/ 'hyn.die , Propheten Israels zum Gott Israels " und. . zum'GoÜ'^r MmsWÜ 'gemachthaben?- : . < . 4»