Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 33 (19.8.1910)
- Date
- 1910-08-19
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228941--66737-3278890- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Berlin, 19. August 1910 74. Jahrgang. Nr. 33 Begründet von Rabbiner Dr. Ludwig Philipps»». Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger. Verlags-Lxpeckitlon: SerUn, Jerusalemer Strasse 46/49. Alle Zusendungen skr »edaktis« und Expedition sind an die Adresse: Verlag der .Allgem. Zeitung der Judentums", Berlin LXV., Jerusalemer Straß» zu richten. Verlag von Andolf Masse, Berlin. Diese Zeitung erscheint «üchentlich. Abonnements-preir: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch dnsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 5 M. Tfttftttlt ®in vereitelter Angriff auf Peter Rosegger. — Die Woche. — Hermann Burchardt. Von Ludwig Geiger. — Neuere Arbeiten über die Gefundheits- und Cterblichkeitsverhältniffe der Juden. Von vr. rneci.W. Hanau er-Frankfurt a. M. — Randglossen zum Artikel über „Josephus als Apologet." Von Rabbiner Dr. Kleinster er. — Karpeles Grabstein. — Vom Krefelder Konsistorium. Von S. Andorn- Krefeld. — Feuilleton: Die Klageweiber. Novelle von Joachim Friedenthal. Der Gemeindebote (Beilage zur »Allgemeinen Zeitung des Judentums") Berlin, Königsberg i. Pr., Posen, Lissa i. P , Beuthen Ob.-Schl., Hamburg, Köln, Straßburg i. E., Wien, New Port. — Von Nah und Fern. Lin oerkitktter Ungrikk auf Keter Kalegger. ine jüdische Zeitung brachte jüngst unter dem Titel „Die Rosegger-Stiftung den Juden Deutschlands zur Warnung" einen Artikel, unterzeichnet Ingenieur Stricker. Darin war auseinandergesetzt, daß man sich für die Rosegger- Stiftung auch „an die geschätzten Mitglieder mosaischer Konfession" gewendet hätte, und zugleich dargetan, daß diese Stiftung ebenso wie der Deutsche Schulverein, der früher nur liberal und deutsch gewesen sei, seit den 90 er Jahren eine entschiedene Wendung durchgemacht und alle Juden an die Luft gesetzt hätte. Es wurde ferner auseinandergesetzt, daß jetzt in der Leitung des Deutschen Schulvereins die Männer säßen, welche im österreichischen Parlament für die -Ausschließung der Juden vom Besuche der Mittel- und Hochschulen gestimmt hätten. Der Artikel schloß mit folgenden Sätzen: Diese auserlesene Gesellschaft hat jetzt den Gipfel aller Frechheit erklommen, sie unternimmt es, von den Juden Geld für ihre Schulstistung, die „Rosegger-Stiftung" zu fordern. In Oesterreich, ist sie damit nicht gut angekommen. Es muß anerkannt werden, daß in der Spenderliste nur wenig jüdische Namen verzeichnet stehen. Selbst deutschnational gesinnte Juden, die sich noch ein Restchen Selbstbewußtsein und Ehrgefühl gewahrt haben, verweigern unter Hinweis auf die hier geschilderten Vorgänge jegliche Spende. Es ist zu hoffen, daß die Juden Deutschlands die gleiche Haltung beobachten und die freche Zumutung energisch ablehnen werden. Reaktionäre Antisemiten sind die Verfasser der Bettelbriefe, die jetzt, den deutschen Juden zugehen, viscite moviti! Ich konnte mir nicht denken, daß Peter Rosegger, der berühmte Schriftsteller, dessen hohe literarische Bedeutung allgemein anerkannt ist und der zugleich als ein Mann unbedingter Gerechtigkeit und Menschenliebe gilt, antisemitische Gesinnungen unterstütze und unter falscher Flagge Juden zur Zahlung von Beiträgen auffordern könnte. Daher wandte ich mich unter Uebersendung des vorher genannten Artikels an den verehrten Mann und erhielt von ihm folgende Antwort: Sehr geehrter Herr Professor! Der Deutsche Schulverein in Oesterreich gehört als solcher keiner Partei an. Seine Aufgabe ist die Erhaltung der deutschen Sprache und Gesittung im Vaterlande, und jeder der da mittun will, ist willkommen. Daß es in'einem so großen Verein Leute aller politischen und sozialen Parteien gibt, ist ja natürlich und wenn Klerikale, Sozialdemokraten, Antisemiten in dem Verein Platz haben, so gehört auch der Jude hinein, der deutsch gesinnt ist. An diese Gesinnung wenden wir uns vor allem. Ist sie echt, dann kommt der Geld sack gerne hervor. Inwiefern die Angriffe des Herrn Stricker sich auf mich beziehen, genügt zur Antwort die Notiz in „Heimgärtners Tagebuch", die ich im Aprilheft 1910 des „Heimgartens" auf S. 536 veröffentlicht habe: In einer unserer Schutzvereins - Ortsgruppen — nicht des Deutschen Schulvereins — wollte man ein Mitglied ausschließen. Es war zwar ein geachteter Mann, gegen den nichts Schlimmes vorlag, der ja seit vielen Jahren Mitglied des Vereins gewesen und denselben vielfach unterstützt hatte. Aber es war jetzt aufgekommen, daß er — Jude ist. In dieser Angelegenheit um meine Meinung befragt, konnte ich nur folgendes antworten: Nach meiner Meinung entscheidet auch in der sittlichen Auffassung des Nationalen die Gesinnung und nicht die Rasse. Ein geborener Jude oder Slawe, der für deutsche Art und Sitte fühlt und wirkt, ist ein besserer Deutscher als ein geborener Germane, der bei jedem kleinen nationalen Opfer, das von ihm verlangt wird, hinter die Büsche kriecht. — Im übrigen, wer ist bei der Völkermenge unserer Länder seines Blutes ganz sicher? — Das, was wir meinen und wollen, liegt vor allem im deutschen Leben mit seiner Gesittung und Treue, in der deutschen Sprache mit ihrer Literatur. Jeder, der diese Güter hat und mit uns leben will, soll willkommen sein." Ich denke, geehrter Herr, daß das Ihrer freundlichen Anfrage genügt und bin Ihr hochachtungsvoll ergebener Peter Rosegger. Ich glaube, daß diese mannhafte Antwort auch unseren Lesern Freude machen wird, wie sie mir eine wirkliche Freude bereitet hat. L- G. .-