Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
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Einnahmen abführt, und tritt mit den anderen Provinzialkässen,die die gleichen Zwecke verfolgen, zu gemeinsamer Arbeit in Verbindung. Die Provinzialkasse hat bei ihrer gesamten Tätigkeit das jüdische Ritualgesetz zu beachten, insbesondere ist darauf zu achten, daß bei der Abfertigung der Armen eine Sabbatentweihung nicht stattfindet. Die humane Handhabung dieser Bestimmungen^ ist als erster Grundsatz aufzustellen." y. Kolb erg, 7. August. Zum Bestendes hiesigen jüdischen Kurhospitals fanddieser Tage im Festsaale des Strandschlosses ein Konzert statt, das nicht nur von den zahlreich hier anwesenden Glaubensgenossen, sondern auch vom nichtjüdischen Badepublikum recht gut besucht war. Die von lebhaftem Beifall begleiteten Konzertgaben wurden hauptsächlich von Herrn und Frau Professor Pleß sowie von dem Berliner Opernsänger Dembitzer und dessen Gattin, der Konzertsängerin Dembitzer, bestritten. Die Instrumental' wie Gesangsvorträge entfesselten so starken Beifall, daß das ursprüngliche Programm durch zahlreiche Zugaben eine erhebliche Erweiterung erfuhr. Dem jüdischen Kurhospital wird die Veranstaltung, wie ähnliche in früheren Jahren, voraussichtlich einen hübschen Ueberschuß zuführen, dessen es aber auch bedarf, um seiner segensreichen Bestimmung genügen zu können. — Seesen <1. H., 5. August. Am 16. v. M. verstarb der frühere, Leiter der Jacobson-Schule, Direktor Dr. Arnheim, im hohen Alter von 82 Jahren. Er leitete die Schule vom Jahre 1862 bis 1885 und lebte seitdem in Zurückgezogenheit in Charlottenburg. Direktor Dr. Arnheim war am 13. Oktober in Glogau geboren, bezog, im April 1848 die Universität Berlin, bestand im November 1852 das Examen pro kaoultate cloeenäi in alten Sprachen, Deutsch und Philosophie und promovierte 1853 in Halle. 1856 bis 1862 war er Lehrer an bem Seminar und der Knabenschule der jüdischen Gemeinde in Berlin. Er hat sich um die Entwicklung der Jacobson-Schule außerordentliche Verdienste erworben. Ein hervorragender Verwaltungsbeamter und gleichzeitig ein begeisterter und zielbewußter Lehrer und Erzieher, hat er es verstanden, die Schule, die bei seinem Amtsantritt nur aus vier Klassen bestand und im ganzen von 153 Schülern (darunter 75 Hausschülern) besucht war, zu einer staatlich anerkannten Realschule, welcher im Jahre 1870 die Militärberechtigung zuerkannt wurde, zu machen. Unter seiner umsichtigen Verwaltung wurde das Stiftungsvermögen bedeutend vermehrt und ein Pensionsfonds für die Lehrer geschaffen. Auf dieser günstig finanziellen Basis konnte sich die Anstalt gedeihlich weiter entwickeln, so daß bei seiner Pensionierung die Schule 238 Schüler (darunter 124 Hausschüler) zählte. Es gelang ihm auch, die Freistellen von 30 auf 40 zu erhöhen und das Lehrerkollegium durch die Einrichtung von neun unkündbbaren Lehrerstellen demjenigen der staatlich höheren Schulen in seiner Zusammensetzung ähnlich zu gestalten. Wenn seitdem die Jacobson-Schule noch weiter gewachsen ist und jetzt eine Doppelanstalt, bestehend aus einem Realprogymnasium und einer Realschule, darstellt, mit einem Schülerbestande von über 300 Schülern, so konnte das nur erfolgen, nachdem Direktor Dr. Arnheim in dieser segensreichen Weise vorgebaut hatte. Die Erinnerung an den verdienstvollen Direktor und Lehrer wird in der Schule durch die von seinen früheren Schülern gegründete Arnheim-Stiftung, welche den Zweck hat, unbemittelte Schüler bei ihrem Abgang von der Schule behufs weiterer Ausbildung zu unterstützen, für künftige Geschlechter wachgehalten werden. 8. Dortmunds 7. August. Der im vorigen Jahre begründete Verein für jüdische Krankenpflege in Westfalen hat nunmehr seinen ersten Jahresbericht veröffentlicht. Der Verein, dessen wichtigste Satzungsbestimmung die Festlegung einer unentgeltlichen Pflegetätigkeit in Stadt und Provinz, ohne Unterschied des religiösen Bekenntnisses und Standes bildet, hatte unter mannigfachen Anfeindungen, und Verdächtigungen zu leiden» ist trotzdem in ruhiger, steter Arbeit vorwärts geschritten und kann auf seine bisherige Entwicklung erfreulicherweise mit großer Befriedigung zurückschauen. Nur ein Bruchteil der eingegangenen Bestellungen hat erledigt werden können, der Tätigkeit der unermüdlichen Schwestern wurde reiche Anerkennung zuteil, sogar in der öffentlichen Stadt, verordnetensitzung wurde den Schwestern und der Vereinsleitung chmeichelhastes Lob gezollt. Die Gesamtzahl der Pflegetage belief sich auf; 780, der Pflegenächte ans 294, der ganzen Nachtwachen auf 143, eine Leistung, die, seitdem es eine jüdische Krankenpflege in Westfalen gibt, noch nicht erreicht worden war. Die Einnahmen des Vereins betrugen 7165.85 Mark, die Ausgaben 6308.38 Mark, so daß ein Ueberschuß von 857.47 Mark verblieben ist. Magistrat und Stadtverordneten hatten dem Verein 250 Mark zugewendet, der Verein Chewrah in Dortmund 150 Mark. Mit" bön"besten 'Aussichten auf eine weitere segensreiche Entwicklung tritt der unter dem Porsitz des Herrn S. Flörshei m stehende Verein in sein zweites Jahr ein, er bars auch zuversichtlich hoffen, daß alle Freunde und Gönner nicht nur dem edlen Werke treu bleiben, sondern auch für den Verein, der durch die Anstellung von vier erprobten Schwestern'sehr gesteigerte Ausgaben hat, neue Freunde mit Eifer werben werden. ü. 8. Elberfeld, 5. August. Unserem Kantor Herrn Hermann Zivi ist die selten ehrenvolle Aufgabe zuteil geworden, für die „Dreijahrhundertfeier der Stadt Elberfeld" die von dem Dichter Otto Hausmann verfaßte Festhymne in Musik zu setzen und am Festabend persönlich zu dirigieren. Das umfangreiche Werk gelangte am Samstag den 30. Juli vor einem Publikum von mehr als 10 000 Menschen unter Leitung des Herrn Zivi in der Stadthalle sehr wirkungsvoll zur Aufführung. Die „Elberfelder Zeitung" berichtet darüber folgendes: „Hierauf — (nach der Festrede des Landtagsabgeordneten Dr. Hintzmann) — sang ein besonders zusammengestellter gemischter Chor die „Festhymne zur Dreijahrhundertfeier der Stadt Elberfeld" von unserem geschätzten Mitbürger Hermann Zivi unter persönlicher Leitung des Komponisten. Rauschender Beifall ertönte, als der von den einzelnen Stimmen begonnene und dann machtvoll zusammenklingende^Segenswunsch: „Schirme dich, Gott, Elberfeld!" verhallte. Der Komponist sowie der Dichter Otto Hausmann empfingen als weiteres Zeichen der Anerkennung je einen prächtigen Lorbeerkranz." - Diese Tatsache ist um so angenehmer und erfreulicher, als gerade ein Jude es war, der die ihm gestellte ehrenvolle Aufgabe unter größtem Beifall der Bevölkerung in jeder Weise glänzend gelöst hat. Oesterreich-Ungarn. K. Wien, 6. August. In der Nacht vom Freitag auf Samstag verschied in Wien infolge eingetretenen Herzschlages plötzlich der Neichstagsabgeordnete des Wahlbezirkes Buczacz in Galizien, Herr Dr. Heinrich Gabel. Der Verblichene, der im-37. Lebensjahre stand, hatte seinen ständigen Wohnsitz in Lemberg, wo er die Rechtspraxis ausübte. Am Freitag den 29. Juli wohnte Dr. G abel einer Sitzung des parlamentarischen Sozialversicherungsausschusses bei, die von 9 Uhr früh bis 7 Uhr abends währte. Als er um lVa Uhr nachts auf dem Wege nach seiner Wohnung war, wurde er plötzlich von heftiger Atemnot befallen. Er hatte noch die Geistesgegenwart, ein Casshaus aufzusuchen, wo er um Hilfe rief. Die Caföhausgäste riefen sofort die Rettungsgesellschaft, die zwar gleich zur Stelle war. Der diensthabende Arzt konnte jedoch bloß den Tod des Abgeordneten konstatieren. — Dr. Gabel wurde am 12. April 1873 geboren. Er absolvierte die Gymnasial- und Universitätsstudien in Lemberg und eröffnete im Jahre 1902 dortselbst eine Advokaturskanzlei.' Bei den Wahlen im Mai 1907 wurde er in Buczacz mit 14 537 von 23 750 Stimmen in das Parlament entsandt. Dr. Gabel gehörte dem jüdisch-nationalen Abgeordnetenklub an, dessen Präsident Dr. St ra u ch e r ist. Außerdem gehörte er als Vizepräsident dem zionistischen Distriktskomitee für Oesterreich an und ist auch journalistisch hervorgetreten. Dr. Gabel war ein glänzender, temperamentvoller Redner und nahm an allen Debatten teil, die das Judentum betrafen. Insbesondere nahm er sich der galizischen Juden sehr warm an., und verstand es meisterhaft, ihre Interessen zu fördern und die Aufmerksamkeit der Regierung auf das Judenelend in Galizien zu lenken. Er galt im übrigen als ein äußerst bescheidener, zurückgezogen lebender Mann, der mit den anderen Abgeordneten wenig verkehrte. — Die Leiche des plötzlich Dahingeschiedenen wurde in der Zeremonienhalle des israelitischen Friedhofes in Wien am 2. August eingesegnet. An dieser Feier nahmen teil: die Reichratsabgeordneten Ritter von Wassiliko und Adolf Stand, ferner der Kultusvorstand Dr. Markus Spitzer und zahlreiche Mitglieder zionistischer Vereine. Ritter von Wassiliko und Abgeordneter Stand sowie A- Böhm als Delegierter der