Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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».***«-».>3" Der Gemeindebore. Veilsge zur „Allgemeinen Leitung deF Judentums". lkorrrlponÄrnHM und MsÄrichten. Deutschland. *»* Berlin, 9. August. Die vor kurzem von der Allgemeinen Indischen Kolonisations-Organisation in England eingeleitete Bewegung ist nicht nur von der Londoner Judenheit, sondern auch von der dortigen Tagespresse sympathisch begrüßt worden. Von Bedeutung ist ein anläßlich der Konstituierung der englischen Abteilung der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation in den „Times" erschienener Artikel „Tbe Settlement ok Jewish Emigrants in Turkey“, in welchem die von der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation vertretene Idee volle Würdigung findet. „Diese Organisation — schreibt das führende Londoner Blatt — ist gegründet worden, um für die osteuropäischen Juden ein Asyl und ein Ansiedlungsgebiet zu finden." Die großen nordamerikanischen Zentren, in.denen die Heimatlosen früher gastliche Aufnahme fanden, werden jetzt durch eine restriktive Gesetzgebung immer mehr verschlossen. Als geeignetstes Territorium wird gegenwärtig der Orient betrachtet,. Hier hat die vor mehr als einem Vierteljahrhundert eröffnete jüdische Kolonisation bereits einen vielversprechenden Ausgangspunkt, geschaffen. Was England betrifft, wäre es von der größten Tragweite) wenn der Strom der jüdischen Auswanderer von Osteuropa direkt nach dem Orient hingelenkt werden würde. Auch „Daily Chronicle", „Morning Post" und andere Tagesblätter beschäftigen sich in wohlwollender Weise mit dem Unternehmen der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organs sation. Die Londoner Berichterstatter der englischen Provinzpresse widmen der Gründung der englischen Abteilung der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation eingehende Besprechungen. So schreibt der Korrespondent der „Liverpool Daily Post": „Wie ich erfahre, hat die Zweigorganisaliou, welche in unserem Lande gegründet wurde, um die jüdische Kolonisation im Orient zu fördern, einen bemerkenswerten Erfolg zu verzeichnen. Viele der namhaftesten englischen Juden haben ihre Bereitschaft erklärt, sich diesen Bestrebungen anzuschließen. Der Plan wird durch den Umstand empfohlen, daß hervorragende Jungtürken mit ihm übereinstimmen." Eine besondere Förderung hat die Allgemeine Jüdische Kolonisations- Organisation durch die Londoner Loge des U. O. Bne Brith erfahren. Die neue Organisation erfreut sich bekanntlich der wohlwollenden Unterstützung des Ordens. Insbesondere war ein Vortrag von Direktor Jacques Sonneborn in der Steinthal. Loge von Bedeutung für die Verbreitung der Idee der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations - Organisation in Hamburg. Direktor Sonneborn und Herr E. Luria, ebenfalls Mitglied der Steinthal-Loge, haben auch die Aktion der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation in London unterstützt. Die Londoner Loge des U. O. Bne Brith lud Dr. Alfred Nossig ein, im Kreise ihrer Mitglieder über die Bestrebungen der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation zu berichten. Dem Vortrag von Dr. Nossig schloß sich eine angeregte Diskussion an, welche die volle Uebereinstimmung der Anwesenden mit dem Plane der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Organisation ergab. Besonders warm wurde das Unternehmen von dem Präsidenten der Londoner Loge, Herbert B entwich, Rabbiner Dr. Ga st er sowie von dem Ehrensekretär Dr. Epstein befürwortet. Auch die Ausführungen des bekannten Londoner Finanziers A. Reitlinger. welcher die praktischen Vorzüge des Planes hervorhob, erregten lebhaftes Interesse. J. Berlin, 8. August. Einer soeben erschienenen Statistik über die Feuerbestattung im Jahre 1909 entnehmen wir, daß die Anzahl der eingeäscherten Personen jüdischen Bekenntnisses eine auffallend große ist. Von den im vergangenen Jahre verzeichneten insgesamt 4779 Verbrennungen in den 24 Einäscherungsstätten Deutschlands entfallen, nicht weniger als 220 aus jüdische Tote, während die katholische Bevölkerung, deren Zahl bekanntlich gegen 25 Millionen beträgt, also etwa 48.mal so groß als die jüdische ist nur 401 Einäscherungen stellte. Von den feuerbestatteten Personen waren zwar evangelisch 3727, aber prozentuell bleiben die Evangelischen mit ihrem Anteil an der Feuerbestattung ganz erheblich hinter den Juden zurück. Da die jüdische Bevölkerung des deutschen Reiches etwa knapp 1,1 Prozent der Gesamtbevölkerung ausmacht, so hätte sie auch an den Feuerbestattungen nur mit einem Prozent beteiligt sein müssen, das heißt, es hätten bei insgesamt 4779 Feuerbestattungen nur etwa 50 verstorbener Juden sein müssen. Die starke Ueberschreitung dieser Verhältniszahl bezeugt, daß der Gedanke der Feuerbestattung unter den Juden erheblich weiteren Boden als bei den anderen Konfessionen zu haben scheint. 8. W. Posen, im August. In der letzten Stadtverordnetensitzung vor den Ferien wurde Unter anderem auch über Zahlung von Zuschüssen an die privaten höheren Mädchenschulen verhandelt. Beim Etat für höheres,Schulwesen für 1910 sind 13 000 Mark eingestellt worden zur Unterstützung des privaten höheren Mädchenschul- Wesens in der Stadt Posen, nachdem die Negierung die Unterstützung mit einer gleichen Summe zugesagt hat. Während bei den Gymnasien, der Luisen-'Knaben- und Mädchen-Mittelschule für den systematischen Religionsunterricht der Kinder, die der jüdischen Konfession angehören, gesorgt wird, geschieht für den genannten Unterricht der vorher aufgeführten Mädchenschulanstalten nichts, ein Mißftand, der schon oft zu Klagen seitens der Eltern geführt hat. Denn nicht alle Mädchen der privaten höheren Mädchenschulen besuchen, wie statistisch nachgewiesen ist, die Religionsschulen der hiesigen israelitischen Ge" meinde. Wäre es nicht eine Gerechtigkeit, daß namentlich die jüdischen Vertreter der Stadt dafür einträten, den jüdischen Religionsunterricht als obligatorisch jür die privaten Mädchenschulen einführen zu lassen? Hat doch der hochselige Kaiser Wilhelm I. die Worte gesprochen: „Die Religion soll dem Volke erhalten bleiben." — Tremessen. Dem praktischen Arzt Dr. Jaffa, hier, ist für die erfolgreichen Wiederbelebungsversuche in einem Falle von Kohlenoxydvergistung vom Regierungspräsidenten die übliche Staatsprämie von 30 Mark überwiesen worden. — Zn in. Die älteste Person der hiesigen Synagogengemeinde, die Kaufmannswitwe Fuchs, ist dieser Tage im Alter von 106 Jahren gestorben. Sie war erst in letzter Zeit bettlägerig krank und erfreute sich bis zu ihrem Tode einer geistigen Frische. Namentlich verstand sie es sehr gut, Episoden aus dem Kriege gegen Napoleon I. zu erzählen. In der Gemeinde galt sie als ständiger Familienkalender, da sie ganz getreu Geburten, Verheiratungen und Todesfälle im Gedächtnis bewahrte. Sie war eine überzeugungs» treue Jüdin und wurde von Juden und Nichtjuden geachtet und verehrt. Breslau, 7. August. Der in Nummer 30 zum Abdruck gelangte Bericht der Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge ist bezüglich der von dem Verbände der Synagogengemeinden für die Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz gefaßten Beschlüsse nicht vollständig. Es wurde auch die folgende Resolution Wilhelm Freihan angenommen: „Die Hauptversammlung des Verbandes der Synagogengemeinden der Regierungsbezirke Breslau und Liegnitz begrüßt die Schaffung einer Organisation der Wanderarmensürsorge, glaubt aber, daß sie nur schwer ohne Mitwirkung und Einverständnis der Grenzbezirke (Posens und Oberschlesiens) erfolgreich durchgeführt werden könne" und der folgende Antrag Aron Kober dem Verbandsausschusse zur Erwägung überwiesen: „Für diejenigen ausländischen Armen, welche jung und arbeitsfähig sind, Arbeitsstätten und Arbeitsnachweise einzurichten und sie dorthin zu befördern und unterzubringen. Die Arbeitsstätten müssen am Sabbat und Feiertag geschlossen sein, die Arbeitsnachweise dürfen nur solche Stellungen nachweifen, für die absolute Sabbatruhe gewährleistet wird. Zu diesen Zwecken schließt sich die Provinzialkasse an die zu errichtende Kontrollstelle zur Beschränkung deS Wanderbettels an, an die sie Vs ihrer jährlichen