Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- Seite 383 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Mann gefunden. Als ob Du was dafür könntest. Aber ich schwöre Dir zu. Du wirst es erleben! Ich werde dann kommen — ich! Hörst Du, Necha, mein kleines Lieb, darum sollst Du es tun!" Sie starrte ihn noch genau so unbeweglich an, so entsetzt alles erkennend. Die Gewißheit würgte ihr die Kehle zu, daß die Worte ganz erstickt und unsäglich qualvoll herauskamen: „Also — also eine.Rache soll ich Dir sein, ich — all meine Liebe — Deine Rache, nichts weiter —" z „Wie? Recha? Nu gewiß! Das heißt: (und hastig sich überstürzend, als gleite ihm das Spiel aus den Händen) ich Hab' Dir doch gesagt, daß Du mir damit Deine große Liebe erst richtig 'beweisen sollst. Siehst Du, deshalb mußt Du es tun. Deshalb!. Liebe haben mir schon so viele geschworen, und ich habe es ihnen nicht geglaubt. Pah: Liebe! Beweisen, beweisen! Etwas für mich tun können! Womöglich sich aufopfern für mich! Dann erst will ich daran glauben. O, so innig wie ich an nichts in der Welt je geglaubt habe. Ich will Dich auf Händen tragen! Ich will Dich so glücklich machen, wie nie Dich ein Mann gemacht hätte. Aber tu das, Du mußt das tun!" Aber ihre Lippen waren starr wie ihre Augen. Als sei ganz plötzlich etwas in ihr erstorben, als sei die Saite vom tiefsten Klang zerrissen. Und zerrissen irrten ihre Worte wirr wie totwunde Vögel von den fast unbewegten Lippen. „Daß Du das von mir verlangen kannst. Ich weiß, ich hätte jederzeit mein Leben für Dich gelassen. Und ich will sterben, wenn Du es verlangst. Ich könnt' sogar eine Sünde für Dich tun. Aber gerade dies Furchtbarste. — Mein Vater würde mich verfluchen und Mama würde daran sterben. Daß Du das im Eierst verlangen kannst, wenn Du mich wirklich liebst! — (Und wie ein hilfloses Wimmern): Nein, ich glaub's nicht! Ich will's nicht glauben..." Aber da sie nicht richtig weinte, fühlte er nicht, wie tief ihr Weh war. „Sterben — sterben — man stirbt nicht so schnell. Jedes kleine Mädchen ist bereit zu sterben, wenn sie liebt. Aber was nützt mir Dein Tod!" Ihr Herz zuckte zusammen. „Ich will ja nicht Deinen Tod! Nein, ich will, daß Du lebst, weil ich Dich liebe und mit mir sollst Du leben! Aber erst das, erst das! Tu's! ich bitte Dich, bei Deiner Liebe, bei unserer!" Ganz fanatisch besessen von dem Gedanken, sprach er. Aber wie er jetzt ihre Hand fassen wollte, ließ sie die ihm nicht. „Und wenn ich's doch nicht tue?" Ihre Augen lauerten. „Du mußt es tun. Sonst Heirat' ich Dich eben nicht! Du mußt es ja sowieso tun!" „Ich muß?" „Nu gewiß! Also, Du wirst es tun, ja? Weil Du mich liebst." Und er dachte schnell: Pah, und wenn sie es nicht tut, wozu sie heiraten! Denn sie liebt mich doch nicht so, wie ich's will. Mein Gott, es gibt schließlich so viele andere. Und nett wär's wahrhaftig und spaßig eine nach der anderen von den kleinen Jüdentöchtern der Stadt aus Rache zu verführen. Wie sie aber den Blick so unsagbar traurig zu ihm erhob und. sagte: „Ich weiß nicht. Laß mich jetzt nach Hause gehen." Da wurde es ihm doch ganz schwer um's Herz, als hätte er richtig eine große Sünde eben auf sich geladen. Aber er warf seinen Kopf stolz und hart in die Höhe, so: daß sie ihm nichts anhaben könnte. „Willst Du schon nach Hause? Gewiß, Du sollst Dir die Sache überlegen. Aber wenn Du mich von ganzem Herzen liebst, hast Du eigentlich nichts zu überlegen." „Meinst Du? Ja, ja." - Und plötzlich erschien er ihr seltsam fremd. Einer, den sie nicht gekannt bisher und mit dem sie nicht so vertraut in einem Zimmer zusammen sein könnte. Und fremd sagte sie: „Adieu!" „Ja, Du wirst doch nicht gehen, doch nicht allein? Ich bring' Dich natürlich im Schlitten zurück." „Nein, ich will's nicht! Nein. Ich will allein sein." „Ach, Du bist ja verrückt! Ich werd' Dich doch nicht bei dem Schnee allein nach Hause lassen." „Ich will aber. Laß mich!" „Ja, aber das kann ich doch nicht zulassen. Sei doch nicht auf einmal so starrköpfig!" „Quäl' mich nicht. Adieu!" Und sie ging ins ändere Zimmer, zog die kaum abgelegten Sachen hastig an. Er versuchte, ihr zu Helsen, redete ihr zu, sprach gut, sprach bittendzu ihr. Aber es war eine furchtbare, lähmende Starrheit in jeder ihrer Bewegungen, jeder oft gefragten einsilbigen Antwort. Und als sie aus der Tür hinaus war und ihn geradezu zurückstieß, mußte er denken: Ah! Hab' ich vielleicht doch das schöne Spiel verloren! Liebt sie mich nicht mehr? Wäre schade, wirklich schade. Und nach einer Weile des Aus- und Abgehens: Im Grunde Hab' ich sie nicht mehr geliebt als all' die anderen. Sie ist mir nur nicht so gleichgültig. Sie ist mir angenehmer, lieber als die anderen. Aber — wollen sehen. Ich bin doch neugierig, was sie tut - Plötzlich zusamenzuckend: Mein Gott, sie wird sich doch nichts autun! Er lief ans Fenster, doch er sah sie nicht mehr. Nur den Mulatten erblickte er, wie er drüben in den Wald einbog. Der schlich sorgsam hinter ihr her, daß ihr nichts geschehe in dem verschneiten Wald, weil sie gar so traurig und allein fortging. „Ach was," dachte er weiter, schließlich wird sie sich die Sache doch noch überlegen. Wenn solch ein kleines Mädchen die feste Aussicht hat, geheiratet zu werden. Aber wenn sie den Tod vorzieht? — Dann ist es eben am besten für sie. Schließlich hat sie auch ihr großes Glück gehabt. Und dann ist das so ihr Schicksal. Hat nicht meine Mutter noch ein schwereres gehabt? (Und nach einer kurzen Weile aus einer verschwommenen Erinnerung heraus mit merkwürdiger innerlicher Feierlichkeit und Erschütterung:) Ja, ja, wie steht's doch in der Bibel: Die Sünden der Eltern werden sich rächen an den Kindern . . .' Und jetzt fühlte er sich gewissermaßen wahrhaft als auserlesenes Werkzeug Gottes. (Fortsetzung folgt.) Litersrilche Mitteilungen. ----- Annual Edition „Th|e Jejws of Illinois, Number of the reform advocate“, May 1910. Wie bei uns, namentlich in Oesterreich, aber auch bei einzelnen Zeitungen des deutschen Reichs, zu Ostern und Weihnachten riesige Festnummern erscheinen, so geschieht es auch in Amerika, daß jüdische Blätter gelegentlich oder alljährlich eine Extranummer veröffentlichen.