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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · p. Seite 382

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
Seite 382 (sequence 10)
Language
German
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Geld ausgesochten. Für mich sind die Fünffrankstücke wie die einzelnen Soldaten in roten Hosen, die Zwanzigfrankstücke wie blitzende Leutnants, die Hundertfrankscheine wie Haüptleute und die Tausender wie Generale. . . . Das ist Leben, das ist reiches Leben, gleich dem Leben, das die Großen von ehemals führten! . . ." Mit seinem ewig geldbedürftigen altadeligen Schwager Gontran gerät Andermatt öfters in Meinungsauseinandersetzungen. Gontran in seiner sarkastisch überlegenen Art hänselt ihn vielfach mit seiner Manie, den Wert von Gegenständen zu erkennen und abzuschätzen. Einmal antwortet ihm Andermatt : . . . „Man behandelt uns (Juden) als Geizhälse, weil wir den gemeinen Wert der Dinge kennen. Für euch ist sein Piano ein Piano, eine Hose eine Hose. Für uns auch, aber es stellt zu gleicher Zeit einen Wert dar, einen abschätzbaren, bestimmten, kaufmännischen Wert, den ein Mann von Blick mit einem einzigen Hinsehen erfassen muß; nicht aus Knickerigkeit, sondern um den Betrug nicht zu begünstigen. Wird an dieser Stelle auf die Rolle, die der Fianzmann Walther, ein südfranzösischer Jude, in dem Roman Bel ami spielt, kurz hin gewiesen, und auch bei der ausführlicheren Besprechung jenes Romans noch einmal von dieser Stellung geredet, so.wird der gleichfalls schon erwähnte Jude Andermatt bei der eingehenden Behandlung des Romanes Mont Oriol ausführlich charakterisiert. „In Andermatt, der eine große Bäderstadt schaffen will, steht erst die ganze Gestalt des rücksichtslosen Unternehmers da. Auch Satire läuft mit unter. Nicht wenig Manipulationen sollen offenkundig auf das Augenverblenden des Publikums Hinweisen, darauf „wie es. gemacht wird". Andermatt scheut sogar vor der Ausnutzung eines mindestens zur Hälfte geahnten Betruges (des simulierenden Lahmen) nicht zurück. Im großen und ganzen aber ist er der große Geschäftsmann, in dessen Kopf es surrt von weit ausgreifenden Ideen, der gestalten will, schaffen. Neues und Nützliches aus dem Boden stampfen. Das, was er plant und bietet, ist gut. Aber in der Wahl der Mittel, es zur Geltung zu bringen, plagen ihn keine Bedenken. Er ist, wenn auch noch mit einem Stich ins Haufiermäßige, der produktive Kaufmann, der alles erweckt und zum Leben ruft, der scheinbar nichts selbst angreift, aber der eigentliche Organisator wirr durcheinanderwirbelnder Faktoren wird, die ohne ihn sofort auseinanderstieben. Andermatt ist auch der Mann, der alles nicht bloß des schnöden Gewinnes, des stumpfsinnigen Mammons wegen tut. Er handelt aus dem Kitzel des Machtgefühls heraus. Mit Bewußtsein verkündet er, daß, was die alte Politik mit Kriegen und ihren endlosen Kabinettsklügeleien machte, in der Gegenwart durch Geld bewirkt wird. Mit Geld werden heute Hauptschlachten geschlagen; Geld ist nur der Repräsentant von Streitkräften!" Man sieht aus diesen Bemerkungen, daß auch bei Maupassant die Juden nicht nur episodische Figuren sind, sondern von diesem französischen Erzähler als wichtiger Bestandteil des französischen Lebens betrachtet werden. Freilich sind es keine Idealfiguren, aber ebensowenig solche, die mit hochmütigem Spvtte abgetan werden; sie werden studiert und in ihrer Bedeutung vorgeführt. Auch dieser Hinweis mag einen neuen Beleg dafür bieten, daß die Judenfrage nicht etwa nur Historiker und Politiker, sondern auch die Dichter , der kultivierten Nationen beschäftigt, und auch von ihnen zum Gegenstand ernsten Nachdenkens erhoben wird. ‘ L. G. müßten eigentlich die wenn der .Mämser" lauter kleine Mämsers Sir Msgrwribrr. Novelle von Joachim Friedenthal. VIII... ber ich versteh nicht, warum Du mich so unnötig und „ so grausam quälen willst. Du weißt doch, daß ich Dich liebe, daß ich mich Dir ohne Frage gegeben habe!" -Und jedes Wort rang um ihn. In ihm aber rang der festgewurzelt, alte Kinderhaß und brach sich jählings Bahn: „Gut, gut. Aber ich will das so! Ich will das! Die ganze Gemeinde soll sehen, daß der Rabbinerstochter genau dasselbe passieren kann wie der armen herumgestoßenen Milchfraütochter, meiner seligen Mutter. Und all Deine Freundinnen, die bald genug herausbekommen werden,, daß ich der glückliche Stifter bin, sollen sich merken, daß sie es nicht anders getan hätten. Pah, könnt' ich sie nicht alle haben, wenn ich wollte! Und wenn ich Dich nicht lieb hätte, und dP diese Väter und Mütter, denen ich zu schlecht war, über die Schwelle zu kommen, Mäuler aufreißen und wehklagen, wollte und ihnen bei ihren Töchtern ins Haus legte. Ja, der dicke Leiser und Abraham Cohn und Moritz Silberstein und wie diese ehrwürdigen Moralprotzen alle heißen, sie alle sollten ihr Maul nicht so weit aufreißen, weil sic nicht wissen, wann ihre eigene Schande kommt. — Und ich weiß ja, alle werden mit Fingern auf Dich zeigen, und Dein Vater wird plötzlich sein eigenes Kind womöglich für Gott zu schlecht finden. Aber er wird dann mich nicht mehr für zu schlecht finden, um diese „Schande" mit einer Heirat auszulöschen!" Ganz entgeistert, unbeweglich starrt sie ihn an. Und wie eine würgende Gewißheit erkennt sie jetzt, warum er das will. So grausam und so schmerzhaft deutlich in jeder harten Linie hat sie seine Züge noch nie gesehen. Und er fährt fort. Seine Augen funkeln, und die großen weißen Hände zittern in jeder Geste, als labe er sich schon bei seinen Worten, schon in der Vorstellung an dem Bilde der entsetzten Gemeinde. „Nu Hab' ich nicht Recht! Um seine Tochter oder Schwester wieder ehrlich zu machen, hält mich keiner für zu schlecht. Im Gegenteil, ha, ha, ha, jeder würde sich freuen auf diese Art zu einem so reichen Schwiegersohn zu kommen. Ja, wenn sie Dich genug herumgestoßen haben werden und mit Fingern auf Dich gezeigt haben wie auf meine arme Mutter und auf mich — ja, dann werd ich kommen, ich! Und. ich werd' Dich zu meiner Frau machen. Und wenn Du willst, werd' ich sogar offen zu verstehen geben, daß ich es so und nicht anders gewollt habe. Weil ich pfeif' aus ihre Ehre und pfeif' auf das Ansehen, das sie mir und meiner Frau geben oder nicht. Ich werd' kommen und werd' Dich mit all meinem Stolz in mein Schloß holen. Hörst Du, Recha! Und Du sollst sehen, ob sie da noch wagen, ihre Lästermäuler so weit aufzutun! Ob trotz der Schande Dich diese Mädchen und Frauen nicht doch noch sehr beneiden. Ja, das sollst Du erleben, so wahr ich Dir die Heirat zuschwöre! — Paß auf, wie sie bald genug Entschuldigungsgründe für Dich finden werden. Und womöglich wird der Rabbiner Leon noch eine talmudisch spitzfindige und geistreiche Entschuldigung in der gerührten Hochzeitsrede anbringen. Und alles, weil das Mädchen doch einen

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