Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- Seite 381 (sequence 9)
- Language
- German
- Belongs to
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— 381 — MV die Katholiken aufweifen (Krebs, Konstitutionserkrankungen, Herz- und Gefäßkrankheiten, Erkrankungen der Harn- und Geschlechtsorgane, Altersschwäche und Selbstmord). Die Sterblichkeit bei den verschiedenen Krankheiten steht bei den Evangelischen stets in der Mitte zwischen Katholiken und Juden. Die Momente, welche die Sterblichkeit bei den Juden und Evangelischen gegenüber den Katholiken erniedrigen, sind dieselben und unterscheiden sich nur qualitativ. 'Bei den Juden zeigt keine einzige der für d^WWWeMlter wichtigen Todesursachen eine höhere FrequMDMnoholismus spielt bei den Juden gar keine Rolle, enWrechend ist auch das seltenere Vorkommen von Leberzirrhose, Hirnhautentzündung und Schlagfluß sowie Lungenentzündung. Ferner sind Erkältungskrankheiten und Rheumatismus, im Zusammenhang damit auch organische ■" Herzkrankheiten und Erkrankungen des Atmungsapparates selten. Zum Teil hängen diese Krankheiten mit der Beschäftigung zusammen. Geringer ist die Sterblichkeit der Jüdinnen bei Krankheit der Schwangerschaft und des Wochenbetts, insbesondere infektiöser Natur, wegen der besseren Schwangerschafts- und Wochenbettshygiene. Neubildungen der weiblichen Sexualorgane sind dagegen so häufig. Häufig ist die Altersschwäche als Todesursache verzeichnet, dementsprechend auch Adernverkalkung und Lungenblähung, Prostata-Erkrankungen und Blasenkatarrhe. Die Sterblichkeitsdifferenzen , in den verschiedenen Stadtbezirken sind bei den Juden seltener wie bei den Katholiken und Protestanten; es richtet sich die Sterblichkeit der Juden nach dem Wohlhabenheitsgrad des Bezirkes. Die hohe Totgeburt- und Abortziffer bei den Juden ist nur scheinbar, weil diese häufiger zur ärztlichen Kenntnis und zur Registrierung kommen. Die Ursache der geringen Kindersterblichkeit liegt in^der besseren Kinderpflege, der seltenen künstlichen Ernährung, der rechtzeitigen Inanspruchnahme ärztlicher Hilfe. Die bessere Sterblichkeitsverhältnisse der Erwachsenen werden durch das Fernhalten vom Alkoholismus sowie durch die günstigere Beschäftiguugsweise erklärt. Die Juden sind selten vertreten bei gewerblichen Berufen, die mit hoher Tuberkulosemortalität einhergehen. Von 1000 verstorbenen männlichen Personen waren Gelehrte 87, Beamte 96, Kaufleute 335, Privatiers 163, dagegen von 1000 männlichen Personen der Wiener Wohnbevölkerung: Selbständige im Handel bloß 78, dagegen Hilfsarbeiter in der Industrie 476, Hilfsarbeiter im Handel 124. Die Kindersterblichkeit der Juden ist demnach keine Raffeneigentümlichkeit, vielmehr eine Folge der sozialen Berufsverhältnisse. Die Sterblichkeit der unehelichen Judenkinder ist daher nur unwesentlich kleiner wie die der unehelichen Christenkiuder, weil sie der Familienpflege entbehren. Daher sind auch Berufsunfälle bei den Juden sehr selten, weil die Juden nicht in lebensgefährlichen Berufen beschäftigt sind. (Schluß folgt.) Hf Mti?en und Lrlrfrüchte. Die Xenien und die Juden. der Sonntagsbeilage Nr. 46 zur „Vossischen Zeitung" 1909 veröffentlicht Reinhold Steig einen sehr wichtigen Aufsatz: „Neue Schiller- und Goethe-Handschriften aus des Grasen Schlitz Nachlaß." Die große Bedeutung der dort mitgeteilten handschriftlichen Funde kann. an dieser Stelle im einzelnen nicht erörtert werden; uns interessiert nur das eine, bisher ungedruckte Distichon: Der falsche Messias zu Konstantinopel an H.*** „Als der Prophet nicht geriet, da ward er ein Türke zu Stambul; Freund, sei vernünftig wie er, werde Du jetzt Philosoph." Daß die drei Sterne nach dem Buchstaben H (gleich Herrn) auf Lavater zu beziehen sind, deutet der Herausgeber richtig und weist wohl auch zutreffend darauf hin, daß Lavater damals nach Jena kommen wollte, daß Goethe jedoch, da seine frühere Freundschaft zu „jenem Propheten" sich in grimmige Feindschaft verwandelt hatte, vermeiden wollte, ihn zu sehen. Wenn dagegen der Herausgeber den „falschen Messias zu Konstantinopel" als Mahomet erklärt,-so begeht er damit eine große Flüchtigkeit; denn Mahomet kann weder als der falsche Messias bezeichnet werden, noch war er jemals in Konstantinopel. Das Distichon bezieht sich vielmehr, wie in derselben Sonntagsbeilage Nr. 48 nachgewiesen wird, auf den bekannten Sabbatai Zewi, der sich wirklich als Messias ausgab und von vielen, namentlich von zahllosen Juden für einen solchen gehalten wurde. Durch diese unwiderlegliche Erklärung erhält unser Xenion eine ganz besondere Bedeutung. Denn sonst wird in den Xenien, jener gemeinsamen satirischen Arbeit Schillers und Goethes der Juden niemals gedacht; Labbatai Zewi wird weder bei Goethe noch bei Schiller irgendwo erwähnt; die eben angeführten, gegen ihn gerichteten Verse beweisen aber, daß auch diese Seite der jüdischen Geschichte den eng verbundenen Freunden wohl bekannt war. Guh de Maupassant und die Juden. In einem ganz ausgezeichneten Werke: Guh de Maupassant, sein Leben und seine Werke, von Paul Mahn, Berlin, Egon Fleischel & Co. 1908, über einen der hervorragendsten,! wenn nicht den bedeutendsten modernen französischen Romanzier, der ein bedeutender Künstler, nicht etwa nur ein schlüpfriger Erzähler war, wird, wenn auch kurz, dasjenige zusammen - gestellt, was über das angegebene Thema zu sagen ist. (Freilich berührt es uns unangenehm, daß die über die Juden handelnden Stellen im Register unter dem Stichwort „Nationen" aneinairdergereiht sind, wobei die Juden zwischen Italienern und Russen figurieren.) Ueber die Juden Algiers heißt es einmal (234), „so sehr er die europäischen Juden auszunehmeu sucht, so sehr stellt er die Juden des Südens von Algier als eine aussaugerische Betrügerbande dar, als die Pest des Landes, die alles ruiniere und zugrunde richte. Ihn wundere es keinen Augenblick, wenn von Zeit zu Zeit Judengemetzel aus irgendeinem Dorf berichtet würden, die die Nichtkenner der Verhältnisse schaudern machten." Sehr merkwürdig ist folgende längere Ausführung: ,Me Juden sucht er auch in ihren oft befehdeten Eigenschaften zu begreifen. In Mlle. Fifi ist es eine Jüdin, das Freudenmädchen Rahel, die der bis ins Mark getroffene Patriotismus zur Tat der Rache treibt. Der Walter in Bel- Ami ist allerdings wesentlich als gerissener Geschäftsmann geschildert. zwar schlau, umsichtig, aber auch recht skrupellos und von bedenklichen Verkehrsgrundsätzen. Aber von bedeutendem Gesichtspunkte aus wird in Mont-Oriol der Trieb nach dem Gelde, die Schätzung und Hochhaltung der Erwerbsmittel in dem Juden Andermatt als der Trieb zur Macht, zur schöpferischen Entfaltung neuer Bildungen hingestellt." ... „Die großen Unternehmungen! . . ." sagt er, „wenn man sich darauf versteht, so fassen sie alles zusammen, was die Menschen je geliebt haben; das ist Politik, Krieg, Diplomatie, alles zu gleicher Zeit! . . . Der große Kampf wird heutzutage mit