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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · p. Seite 380

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
Seite 380 (sequence 8)
Language
German
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Denn die Zahlen enthüllen demjenigen, der sie zu lesen vermag, ungeahnte Schätze an Erkenntnis. Sie geben uns Juden Aufschluß über die Stellung, die wir im wirtschaftlichen und geistigen Leben der Gegenwart einnehmen; sie zeigen uns manche Vorzüge, die uns vor der Mitbevölkerung auszeichnenj aber auch ungeschminkt manche Schattenseiten und geben somit den Fingerzeig, wo der Hebel zur Besserung anzusetzen ist. Am bedeutungsvollsten sind hier naturgemäß die Ziffern, die uns über Werden und Vergehen, über Geburt und Sterblichkeit der jüdischen Bevölkerung unterrichten. Sie bilden die Grundlage der jüdischen Bevölkerungspolitik, und es ist notwendig, von Zeit zu Zeit die Bilanz über die Bevölkerungsbewegung der Juden zu ziehen. Leider hat man bisher fast völlig darauf verzichtet, abgesehen von einer bemerkenswerten Arbeit, über welche wir nachher referieren werden. Mit Vorliebe hat man dagegen seit längerer Zeit seine Aufmerksamkeit gewissen, bei den Juden besonders häufig vorkommenden Krankheiten und der durch dieselben bedingten Sterblichkeit zugewendet; auch über einige neuere Arbeiten auf diesem Gebiete soll heute berichtet werden. Vorher möge noch einer historischen Arbeit gedacht werden. Dr. med. A. Stern, Arzt in Frankfurt a. M., hat eine Broschüre über „Die Medizin in Talmud"*) veröffentlicht. Nun ist ja gerade dieses Gebiet ziemlich oft, wenn auch nicht erschöpfend, bearbeitet worden, immerhin vermag Stern ihm einige neue und interessante Seiten abzugewimren^^,^ Der VerfasjexL^^dWV<L,^MchM^WWWfMMHW LehrM^M^MWlud^ irur an den Anschauungen und Kenntnissen der Zeit der jeweiligen Bearbeiter gemessen wurden. Von diesem Gesichtspunkt erschien es möglich, das medizinische Denken und Wissen der Talmudlehrer vom Standpunkt der heutigen ärztlichen und biologischen Wissenschaft nachzuprüfen; außerdem sollten die Quellen, aus welchen die ärztlichen Talmudisten schöpften, klargelegt werden. Dr. Stern stellt fest, daß das Rüstzeug medizinischer Forschung der Talmudgelehrten vollständig demjenigen entspricht, das wir heute besitzen, daß es in Empirie, Experiment und Sektion besteht. Das medizinische Wissen der Talmudisten ist aber nicht originär; es entstammt vielmehr demjenigen der alten Kulturvölker, mit welchen die Juden der damaligen Zeit in nahe Berührung kamen. Die Spuren dieser fremden Heilwissenschaft find überall im Talmud nachweisbar, und so haben auch tatsächliche Jrrtümer in denselben Eingang gefunden. Aber sie ist nicht gedankenlos nachgebetet, vielmehr ist sie vielfach bereichert und ergänzt worden. So hatten die Alten nur geringe Kenntnis von der pathologischen Anatomie; auf diese wurden die Juden aber durch die Vorschriften des Trephag esetzes geradezu hingewiesen. Sie hatten bedeutende Kenntnisse von den Erkrankungen der Brustorgane und namentlich der Tuberkulose, desgleichen kannten sie Leber- und Milzerkrankungen. Auch finden sich im Talmud Mitteilungen über Embryologie und die Pathologie des weiblichen Sexualapparates. Von praktischen Heilmethoden waren die Talmudisten namentlich in der chirurgischen Technik bewandert und in der Lehre von der Asepsis und Antisepsis. Ja, sie hatten möglicherweise bereits eine Vorstellung von den Bakterien, da die im Talmud vielfach erwähnten Schedim (Geister, Gespenster) mit jenen in vielfacher Hinsicht frappante Aehnlichkeit haben. Kehren wir nach dieser historischen Abschweifung wieder zur Gegenwart zurück, so möchten wir im Rahmen unseres Stern, „Die Medizin in Talmud." Frankfurt a. M., Sänger ck Friedberg 1909, 24 Seiten. Themas zunächst einer Krankheit gedenken, die zwar selten ist, aber ein erhebliches wissenschaftliches und ethnologisches Interesse besitzt. Unter den bei den Juden vorkommenden Geisteskrankheiten nehmen die jugendlichen Schwachsinnsformen einen breiten Raum ein. In diese Kategorie gehört auch die sogenannte amaurotische familiäre Idiotie. Es ist dies eine bei Kindern vorkommende Art von Blödsinn, die -mit Blindheit einhergehl, familiär auftritt und stets mit dem Tode endigt. Der Säugling kommt gesund zur Welt, verfällt aber bereits nach einigen Monaten in Stumpfsinn, reagiert auf Reize seiner Umgebung immer weniger, liegt stets im Halbschlummer da und kann den Kops nicht mehr aufrecht halten. Zu diesem Verfall in Erschlaffung und Regungslosigkeit treten noch Krämpfe und Erblindung, letztere bedingt durch Trübung der Netzhaut. Der Tod erfolgt gewöhnlich vor Ablauf des zweiten Jahres. Wie verheerend diese unheimliche Krankkeit auftritt, ergibt sich. daraus, daß in einer Familie mit elf Kindern fünf an diesem Leiden erkrankten. Wie Bing*) berichtet, sind jetzt 106 Fälle bekannt geworden; sie fanden sich durchweg bei der ethnologisch streng abgegrenzten Gruppe der aus Polen stammenden Juden, nicht aber der in ihrer Heimat lebenden, vielmehr den ausgewanderten und zwar in Deutschland, England, Frankreich, Amerika, sogar in Australien. Die Versetzung in andere Lebensbedingungen ist demnach ätiologisch wichtig. Daß die Juden in hervorragender Weise zur Zuckerkrankheit disponiert sind, ist eine statistisch vielfach erhärtete Tatsache. Bemerkenswert sind die Mortalitätsstatistiken ^KüG^Kankfurt und Pest. In Pest war nach Williamson") das ÄÄ^Wn der Todesfälle an Diabetes zu der Gesamtzahl der Todesfälle 1905 bei den Juden siebenmal größer wie bei den Nichtjuden, 1906 sechsmal größer. In Pest ereigneten sich 1903 bei den Juden 2623 Todesfälle, davon 46 an Zuckerkrankheit, bei den Nichtjuden 13 471, davon waren 34 Diabetiker. Bei den Juden waren demnach unter 1000 Todesfällen 17.5 Diabetesfälle, bei den Nichtjuden nur 2,5. Ueber „die Sterblichkeit der Juden in Wien" und die Ursachen der jüdischen Kindersterblichkeit ist eine sehr gründliche Arbeit von Dr. S. Rosenfeld* * 3) erschienen. Die Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung unterscheidet sich von der der Katholiken hinsichtlich des Geschlechtes, insofern bei den Katholiken aus 1000 Frauen 904 Männer entfallen, bei den Juden dagegen 1042; sie ähneln hier der evangelischen Bevölkerung. Man hat daher bei den Juden ein stärkeres Vorkommen der Männerkrankheiten, ein schwächeres bei Frauenkrankheiten zu erwarten. Auch in der Altersbesetzung finden sich Differenzen; es zeigt sich bei den Juden eine stärkere Besetzung der Altersklassen bis zum 20. Jahre, eine schwächere Besetzung der Altersklassen nach demselben als bei der Gesamtbevölkerung. Es war daher eine größere Häufigkeit der Kinderkrankheiten und eine geringere Häufigkeit der den Erwachsenen eigentümlichen Todesursachen zu erwarten. Es starben 1899 bis 1903 von je 10 000 Katholiken 211, von den Evangelischen 173 und von den Juden 129. Diese geringe Sterblichkeit der Juden fällt um so mehr aus, als nach den Ergebnissen der Altersbesetzung gerade das Gegenteil zu erwarten war. Es gibt nach Rosenfeld eine Reihe von Todesursachen, bei welchen die Juden eine größere Sterblichkeit als *) Bing, Die amaurotische familiäre Idiotie. „Medizinische Klinik" 1909, S. 289. 2) Williamso n, Die geographische Verbreitung des Diabetes. „Münchener Medizinische Wochenschrift" 1909, S. 2110. 3) Rosen seld, Die Sterblichkeit der Juden in Wien Und die Ursachen der jüdischen Kindersterblichkeit. „Archiv für Nassen- und Gesellschaftsbiologie", 4. Jahrgang, Nr. 1 und 2.

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