Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- Seite 379 (sequence 7)
- Language
- German
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- 379 - - Jahre vorher in Stavenhagen als Arzt niedergelassen hatte und später nach Berlin übersiedelte. In den Werken Fritz Reuters kommen, wie man schon aus dem hier Gesagten ersieht, zahlreiche in vielfacher Hinsicht interessante und charakteristische jüdische Typen vor. Da ist z. B. der Moses, der eine solche hervorragende Rolle in „Ut mine Stromtid" spielt. Im Moses verkörpert der Dichter den rechtschaffenen Juden aus der alten guten Zeit und gleichsam den Geist des alten Testaments mit seiner Gerechtigkeits-, Wahrheits- und Nächstenliebe. Er verehrte also nicht allein die Intellektuellen, sondern auch die Repräsentanten des Handels- und Kaufmarinsstandes Moses widmet er im dritten Buch von „Ut mine Stromtid" einen ehrenden Nekrolog. Nach den an Ort und Stelle angestellten Forschungen von Gustav Raatz in seinem Buch „Wahrheit und Dichtung in Fritz Reuters Werken" (Wismar, 1895) und den Mitteilungen des Reuter-Forschers Professor Dr. Karl Theodor Gaedertz hat dem Moses in „Stromtid" der Kaufmann Moses Isaak S alomon, geboren in Stavenhagen, also ein engerer Landsmann Reuters, als Modell gesessen. Ein ruhiger, geachteter, nie von dem Wege des Rechts abweichender Kaufmann war unser Moses, nie verlor er seine Fassung, auch wenn er geschäftliche Fehlschläge hatte. In dieser Beziehung soll seine kluge Frau Hannchen — in Stromtid „Blümche" genannt — sehr wohltätig auf ihn eingewirkt haben. Wie sein Freund Salomon Heine, der Onkel Heinrich Heines, soll auch er mit drei Gulden angefangen haben. Ursprünglich hausierte er mit seinen Manufakturwaren, später eröffnete er einen Materialwarenladen und erfreute sich wegen seiner Solidität großen Zuspruchs,. Durch die Gründung eines Wollgeschäfts wurde er ein reiche; Mann und Großhändler, der sogar mit Schweden und Engend lohnende Verbindungen anknüpfte. Jnmittten seines Glücks blieb er sich aber treu und bewahrte seinen ursprünglichen rechtschaffenen Charakter. Sein Denken und seine Handlungsweise wurden durch eine strenge Frömmigkeit bestimmt und geregelt. Reuter rühmt von ihm in der Dichtung, daß er sich seiner anfänglichen Armut nicht schämte und sein Vorleben nie verleugnete und ebenso, daß er für ehemalige empfangene Wohltaten und Gefälligkeiten ein treues Gedächtnis bewahrte. Augenscheinlich wollte Reuter in der Figur dieses Juden einen Kauf- und Geschäftsmann schildernwie er sein sollte: ehrlich, redlich, strebsam, einfach und genügsam. Wie drollig ist es nicht, wie der schon reich gewordene Moses trotz der Vorstellungen seiner Blümche krampshast an einem Hosenträger festhält! Sowohl in seinen Schriften wie in einer Zeitschrift, die er ein einziges Jahr lang redigierte — sie hieß „Unterhaltungsblatt für beide Mecklenburg und Pommern" — beschäftigte Reuter sich mit Vorliebe mit sogenannten jüdischen Witzen, die durchaus harmloser Natur sind und von dem Scharfsinn, der Schlagfertigkeit und den drolligen Einfällen der Juden jener Zeit Zeugnis ablegen sollten. Besonders drollig sind die Liebesepisteln, die er einen israelitischen jungen Mann, namens Samuel Warschauer, an Rebekka Goldstein schreiben läßt, als er um ihre Hand änhält. Dieser Jüngling ist ein Seitenstück zum Inspektor Bräsig, indem er sich ähnlicher, drolliger, schrulliger und ausgefallener Redensarten bedient. Warschauer zitiert fleißig Schiller, so z. B. dessen Wort von der Liebe heiligem Götterstrahl, der ins Herz trifft, fällt und zündet. Um sich herauszustreichen und ihr Vertrauen zu erwecken teilt er ihr unter anderem mit, daß seine Familie in ganz Posemuckel -bekannt und respektiert werde von allen Geschäftsleuten und von 'dem hohen Adel und von dem verehrungswürdigen Publikum. Sein Geschäft blühe wie eine Rose, er^ handle mit Lammfellen bis an die türkische Grenze, er habe die Handlung in Amsterdam gelernt usw. Fritz Reuter war bekanntlich auch ein ausgezeichneter Zeichner und Porträtmaler, der mit Vorliebe seine Bekannten und Freunde porträtierte. So besitzen wir z. B. von ihm eine Zeichnung des Kaufmanns Levi Joseph: aus Stavenhagen, der dort ein Warengeschäft besaß und sich in dem mecklenburgischen Städtchen großer Volkstümlichkeit zu erfreuen hatte. Unter dem Namen eines Levi Josephi aus Prenzlau reiste der famose Inspektor Zacharias Bräsig nach Berlin mit dem Wollhändler und Pseudoneffen Moses Löwenthal. Man kennt die grotesken Abenteuer des „immeritierten" Inspektors aus „Schurr-Murr". Daß unser Dichter, ein wahrhaft religiöser und gottesfürchtiger Mann, für die Bibel, namentlich das alte Testament, eine große Vorliebe hatte, kann ich als bekannt voraussetzen. Für diese seine Liebe und Verehrung spricht auch der Umstand, daß er in der furchtbaren Festungszeit, wo er volle sieben Jahre als unschuldiges Opfer der burschenschastlichen Verfolgungen und der demagogischen Hetzen schmachtete, mit der aus einem Spahn geschnitzten Feder, da ihm damals noch Schreibutensilien versagt waren, ein Gedicht aus den hebräischen Melodien Byrons frei nach dem Gedächtnis niederkritzelte. Gern gab Reuter in Gesellschaft sowohl wie in manchem Werk hebräische Anekdoten zum besten. Dies geschah z. B. auch in einem Aufsatz, den er im belletristischen Jahrbuch aus Mecklenburg: „Vom Ostseestrand" (Jahrgang 1868) veröffentlichte. In sehr gelungener Weise, mit der ihm eigenen überlegenen Ironie, verspottet Reuter jene christliche Humanität, die mit der Liebe Christi nichts zu tun hat, sondern vom Fanatismus und namentlich vom Judenhaß getragen ist. Aus der Fülle seiner Auslassungen sei hier nur seines Aufsatzes in dem von ihm redigierten „Unterhaltungsblatt" Erwähnung getan. Ein Dichter, der so warm mit Juden zu verkehren, von Juden so edel zu sprechen wußte, verdient, daß sein Andenken auch in unseren Kreisen hochgehalten wird. Neuere Arbeiten über die Gelundheits- und Sterblichbeilsoerhsllnille der Inden. Von Dr. med. W. Hanauer- Frankfurt a. M. I. gibt Länder, in welchen bei den statistischen Auf- Zeichnungen die Begriffe „Religion" und „Konfession" vollständig ausgeschaltet sind, , und auch bei der letzten deutschen Betriebszählung ist die Forderung erhoben worden, es möchte bei den Aufnahmen davon abgesehen werden, das religiöse Bekenntnis zu erfragen. Erfreulicherweise ist diese Forderung nicht durchgedrungen, wir sagen erfreulicherweise, denn vom jüdischen Standpunkt können wir es nur dankbar begrüßen, wenn die offizielle Statistik die Aussonderung nach dem Religionsbekenntnis beibehält. Denn bei der Behandlung der zahllosen Probleme, welche gerade das Judentum der Gegenwart beherrschen, sind wir immer wieder auf die Beweiskraft der., nüchternen Zahlen angewiesen; wir brauchen sie zur Abwehr — es sei hier vor allem auf die Kriminalstatistik hingewiesen — wir brauchen sie aber auch, um uns über unser ganzes Sein, über Soll und Haben Rechenschaft abzulegen. 'J.,'.-1','-' ■ -fc ■ Vi