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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · p. Seite 378

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
Seite 378 (sequence 6)
Language
German
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empfangen und in die Reisetasche ^gesteckt habe, um alles für die Reise Notwendige vorzubereiten. Sonntag früh, bei Tagesanbruch, hatten wir alles auf die Tiere gepackt, währenddessen kam der berittene Gendarm, Mirab Sciause, von Jbb und sagte zum Caimakam: „Wie können wir paar Menschen durch eine so unsichere Straße reisen?" Der Caimakam aber bemerkte: „Die Straße ist sehr sicher," und der Gendarm sagte: „Wir sind Soldaten, und wir weigern uns nicht, abzureisen." (Schluß solgt.) - Fritz Oruter und die Juden. Von Dr. Adolph Ko Hut. Nachdruck verboten. ritz Reuter ist eine so eigenartige und interessante Erscheinung, daß eine Untersuchung seiner Stellung zu Juden und Judentum gewiß von allgemeinem Interesse sein dürfte. Wir sind gewohnt, daß von jeher Humoristen und Satiriker, ihrer Neigung zur Persiflage und Karikatur folgend, über die Eigentümlichkeiten, Absonderlichkeiten und Schwächen ihrer Nebenmenschen im allgemeinen und der Juden insbesondereffich gern lustig machen. Wer hätte es daher einem Fritz Reuter verübeln können, wenn er die armen, dürftigen oder auch wunderlichen Figuren des jüdischen Stammes in seiner engeren Heimat Mecklenburg zur Zielscheibe seines Hohns und Spottes gemacht hätte? Zu seiner Ehre aber müssen wir es ausdrücklich hervorheben, daß er sich nie dazu verleiten ließ, seine israelitischen Brüder zu beschimpfen. Selbst dann, wenn er die eine oderandere komische Seite der Juden beleuchtete, tat er es nie, um dieselben zu kränken oder gar ihnen einen Makel anzuheften, sondern bediente sich nur des Rechts des Humoristen, ernste Sachen scherzend zu sagen. Aus jeder Zeile blickt sein goldiges Gemüt, sein edles Herz und sein so scharf ausgeprägter Sinn für Recht und Ge- , rechtigkeit hervor. Man kann ihm auch dann nicht zürnen, wenn er hie und da übertreibt, gar zu grell austrügt, oder des jüdischen Jargons sich bedient. Er, der Meister des plattdeutschen Idioms, unterlag wiederholt der Versuchung, in seinen Schriften und Briefen die verschiedenartigsten Mundarten, die er mit solch seltener Virtuosität handhabte, in Anwendung zu bringen. Betrachten wir zunächst die persönlichen freundschaftlichen Beziehungen, die zwischen Fritz Reuter und einzelnen namhaften Israeliten seiner Zeit obwalteten. Zu seinen Intimsten zählten einige namhafte Aerzte. An der Spitze derselben steht der Sanitätsrat Dr. Michel Markus aus Greifswald, ursprünglich praktischer Arzt zu Anklam, der sich später in Altona niederließ und schließlich als Badearzt in Sylt Praktizierte. Reuter hat seinen Freund Michel Markus in den „Läuschen un Rimels" in der Geschichte „De schwarten Pocken" als Dr. Michel verewigt. Die dort erzählte Geschichte hat sich in Anklam, wo Sanitätsrat Markus eine große Praxis besaß, zugetragen. : Gar oft kneipte Markus, der auch Reuterwie alle Welt gewöhnlich mit „Min Söhning" anredete, mit seinem Freund. Er war daher nicht wenig erstaunt, als der Dichter, mit dem er noch kurz vorher feuchtfröhlich zusammen gewesen war, von der Stralsundischen Zeitung vom 18. November 1858 plötzlich tot gesagt wurde. Er beeilte sich, dies der Redaktion mitzuteilen, die daraufhin aus „zuverlässiger Quelle" die Todesnachricht als „unbegründet" widerrief. Er erließ ferner ein Dementi auch in poetischer Form, hervorhebend, daß gar kein Grund vorliege, bei so ausgezeichnetem Weinlese der Welt Ade zu sagen. Der totgesagte Reuter amüsierte sich über den Humoristischen Widerruf seines Freundes und bedankte sich für dessen Eintreten für ihn gleichfalls in poetisch-humoristischer Form. . Sanitätsrat Markus, ein großer Verehrer auch der Schriften Reuters, machte in seinen Kreisen für dieselben eifrig Propaganda. Die „Läuschen un Rimels" verkaufte er persönlich, und es gewährte ihm große Freude, daß das plattdeutsche Erstlingswerk unseres Humoristen solch reißenden Absatz fand. Alle Zeit verband Reuter auch noch mit einem anderen jüdischen Arzt, nämlich .Dr. Michel Liebmann in^Stavenhagen, innige Freundschaft. Sie waren gleichfalls Duzbrüder, und beide Männer hatten keine Geheimnisse vor einander. lieber alles und jedes, was das Herz des Dichters erfüllte,, gab er persönlich oder brieflich seinem- Freunde Rechenschaft. Bezeichnend hierfür, aber' zugleich auch für die philosemitische Gesinnung des Dichters, ist ein im Besitze der Tochter des Dr. Liebmann, der Frau Sanitätsrat Dr. Reß in Berlin, befindlicher Brief (vergleiche A. Römer in seinem Werk „Fritz Reuter in seinem Leben und Schaffen", Berlin 1896). Dr. Michel Lieb mann war Hausarzt bei dem Vater Fritz Reuters, dem alten Bürgermeister Reuter in Stavenhagen, und stets bemüht, die vielen Differenzen, die zwischen dem Vater und dem Sohne sich ergaben, soweit es in seiner Macht stand, zu klären und auf das Gemüt des oft sehr jähzornigen und halsstarrigen alten Herrn versöhnend einzuwirken. Nie vergaß ihm der Dichter diese seine Güte und freundschaftlich wohlwollende Gesinnung. Dieser uneigennützige und menschenfreundliche Arzt ist das Urbild des „Doktor So und So" in der „Stromtid". Aus dem erwähnten Briefe ist auch die große Verehrung ersichtlich, die der Dichter sür die Tochter Anna des Arztes hegte. Bekanntlich kommt sie auch in der „Stromtid" vor. In diesem Roman umgibt Reuter sie mit allem Zaubernder Jugend und der Schönheit. In der Tat war sie ein mit allen äußeren und inneren Reizen ausgestattetes Wesen. Sie verheiratete sich 1867 mit dem späteren Sanitätsrat Dr. Reß, der sich einige Jüdischer Silberschmied, lesend.

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