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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-12 · Heft 32 (12.8.1910) · p. Seite 375

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 32 (12.8.1910)
Date
1910-08-12
Page
Seite 375 (sequence 3)
Language
German
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werden, als der Zustrom sich in mäßigen Grenzen bewegt. Eine Verschließung dieser beiden Staaten würde eine Ueberflutung aller europäischen Länder, in erster Linie Deutschlands und Oesterreichs, zur Folge haben, und was dann? Aus allem ergibt sich, daß es sich hierbei nicht um rein innerrussische Fragen handelt, sondern um solche von allgemeiner Bedeutung. Und daraus erwächst allen Regierungen die Verpflichtung, sich ernstlich damit zu beschäftigenmag die russische auch noch Io obstinat sich-gegen die „Einmischung in interne Angelegenheiten" wehren. Aber es ist auch die Sache aller human 'empfindenden Menschen, laut und energisch Protest zu erheben gegen die unmenschliche Behandlung und Herabwürdigung von Millionen Unglücklicher, denen nichts vorgeworsen werden kann als ihre Zugehörigkeit zu einem nichtchristlichen Glaubensbekenntnis. * Das in dem obigen Artikel angedeutete planmäßige Bestreben, den Juden die geistige Ausbildung zu unterbinden, kann dnrch folgende der „N. I. K." entnommene Nachrichten bezeugt werden: „Die Gesellschaft zur Verbreitung von Bildung unter den russischen Juden plante für die diesjährigen Ferien die Einrichtung von pädagogischen Fortbildungskursen für jüdische Lehrer in Wilna. Nachdem die Gesellschaft wiederholt die Erlaubnis zur Abhaltung dieser Kurse nachgesucht hatte, wurde ihr der Bescheid, daß die Erlaubnis nicht gewährt werden könne. — Zum erstenmal wurde jetzt die Prozentnorm bei der Aufnahme von Juden in die Petersburger Kunstakademie eingesührt. In die Abteilung für Architektur werden jüdische Aspiranten nach einer dreiprozentigen, in diejenige für Malerei nach einer zweiprozentigen Norm aufgenomnen. — Das Gouvernementalamt für Vereinswesen in Kowno hat die Gründung einer Ortsgruppe der jüdischen Literaturgesellschaft verboten.. Zur Begründung dieser Verfügung beruft sich das Amt auf die Satzung der. Gesellschaft, wonach deren Aufgabe in der Pflege der jüdischen Literatur in hebräischer, jüdischer und anderen Sprachen bestehe; die Gesellschaft verfolge somit die Tendenz, die nationale Absonderung der Juden zu verschärfen und sei daher von Gefahr für die öffentliche Ruhe und Sicherheit! Genau mit denselben Worten motivierte auch das Minsker Vereinsamt seine Weigerung, das Statut der Jüdischen Wissenschaftlich-Literarischen Gesellschaft zu genehmigen." * Auch in Rumänien machen sich Anzeichen für eine tiefe Gährung bemerkbar. Darüber berichtet die „Nationalzeitung". das nachstehende: In Fokschani kam es infolge Schändung des jüdischen Friedhofs zu blutigen Straßenkämpfen. Gestern früh wurden eine Anzahl Grabmäler des Friedhofes zerstört vorgefunden. Leichen waren aus- - gegraben und die Schädel der Verstorbenen in den umliegenden Straßen vor die Türen der Juden gelegt worden. Bald wurde der in der Nähe des Friedhofs wohnende Weinhändler Strassel als Urheber der Schändung ermittelt. Zahlreiche Juden und christliche Bewohner der Stadt zogen vor »sein Haus. Sie stürmten den Eingang, drangen die Treppe empor und wollten Strassel lynchen. Dieser schoß auf die Eindringlinge und verwundete mehrere von ihnen schwer. Als Polizei zum Schutz des Weinhändlers und seines Eigentums erschien, mußte diese von ihrer Waffe Gebrauch machen, um die wütende Volksmenge zurückzudrängen. Es. kam in den Straßen der Stadt zu einem regelrechten Kampf. Zahlreiche Verwundete mußten ärztliche Hilfe in Anspruch nehmen. Die Polizei verhaftete über 50 Personen. Aus Frankreich ist selten etwas über innere jüdische Angelegenheiten zu melden. Um so bemerkenswerter ist die Notiz des „Univers israelite“, daß die Vereinigung der französischen Rabbiner beschlossen har, auch innerhalb der sogenannten drei. Wochen Trauungen vorzunehmen und daß dieses Jahr zum erstenmal in der genannten Zeit solche Trauungen wirklich vollzogen werden sollen.- - H ■ Aus Bayern, das früher den jüdischen Offiziersaspiranten gegenüber sich günstig zeigte, mehren sich die Berichte, daß das Vorgehen. Preußens, das ja sonst in jedem deutschen Bundesstaate nicht gerne befolgt wird, leider immer stärkere Nachahmung findet. Die Zeitungen wissen von einem Fall des Sohnes eines Breslauer Großkaufmanns zu erzählen, der als Offiziersaspirant entlassen, im Besitz der besten Zeugnisse über seine soldatische Tüchtigkeit und seine moralischen Eigenschaften sich befand, und doch ohne jede Angabe von Gründen aus der Aspirantenliste gestrichen worden ist. Es ist unendlich traurig, daß so manchem jüdischen Jüngling, der mit Begeisterung seinen Dienst absolviert, und sich in ihm ebenso -tüchtig wie seine Dienstgenossen gezeigt hat, um seines Glaubens willen die Freudigkeit vergällt und die Zukunft getrübt wird. * Folgende sehr bemerkenswerte Ausführung von Professor Hermann Reumann in Potsdam teilen die „Blätter des Abwehrvereins" aus der Zeitschrift für Balneologie mit: „Gegen den Lärm im Kurort durch Automobile. Peitschenknallen, schnelles Fahren. Teppichklopfen, den Lärm in den Häusern, weil er erschreckend, aufregend und auch deprimierend besonders ans den Diabetiker wirkt, sind bereits sowohl ärztlicherseits wie von seiten der Kurverwaltungen ernste Worte gesprochen worden; es ist endlich an der Zeit, auch gegen den „Lärm", den Politik, Klassenhaß und Rassenhaß in unsere Bäder hineintragen und den Kranken schaden, einige Worte zu sagen. In unserer Zeit, welche durch die Sucht zu nationalen und politischen Streitigkeiten und Parteiungen ausgezeichnet ist, werden rücksichtslos jene Kämpfe auch in solche Stätten getragen und zum Austrag gebracht, welche wegen ihres Zweckes heilig und Orte des Friedens sein müßten.. In diesen Kurorten, ' welche hauptsächlich der Pflege und der Gesundung. von Kranken. . Schwachen und Erholungsbedürftigen dienen, sollten die neugierigen Ausforschungen und Klassifizierungen nach Rasse, Religion, Parteistellung und Gesinnung schon wegen ihrer unsagbaren Inhumanität und unbeschreiblichen Intoleranz an sich unbekannt sein und bleiben. Wir Aerzte, die wir allezeit unentwegt der Fahne der Humanität folgen, empfinden es als einen Schlag ins Gesicht, solche Engherzigkeit zu sehen, wie sie sich z. B. „aus der Verfolgung deutschnationaler Prinzipien" im Ostseebad Heiligenhafen ausspricht; besonders, wenn Kur- und Vadeverwaltungen — sonst doch unsere Bundesgenossen — die ärztliche Ethik - mißachten und noch den traurigen Mut besitzen, uns Aerzte als Helfershelfer und Spitzel für ihre Zwecke aufzurufen. Um so tadelnswerter ist diese Handlungsweise, wenn, gerade —- oft vielleicht nur zufällig — Zuckerkranke solche Orte aufsuchen, weil sie bekanntlich gar zu fein auf Unstimmigkeiten reagieren und sie eine größere Einbuße an ihrer Gesundheit durch Aufregung und Aerger als durch einen Diätfehler erleiden. Vor. solchen, glücklicherweise seltenen. Kurorten haben wir Aerzte im Interesse des allgemeinen Wohles allerdings die unabweisbare Pflicht, aufs eifrigste zu warnen und uns zu hüten, Kranke in jene Bäder zu schicken, wo ihnen geistige Verwirrung unberechenbaren Schaden zuzufügen droht." $ Recht willkommen geheißen werden muß auch der von der „Schlesischen Volkszeitung" veröffentlichte Wortlaut der Ansprache, die Kardinal Kopp anläßlich der Jubelfeier und Fahnenweihe der katholischen Arbeitervereine Breslaus am 31. Juli gehalten hat. Wir entnehmen der Ansprache folgende bemerkenswerte Schlußsätze, die vom Geiste echter Religiosität getragen sind: . . Wir Katholiken haben Nicht die Gewohnheit, das Gegensätzliche, das uns in religiösen Dingen trennt, hervorzukehren. Wir begnügen uns damit, unsere eigene, religiöse Ueberzeugung zu pflegen, zu be-

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