Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- Seite 374 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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seit der Vertreibung der Juden aus Spanien verflossen; es ist wahrlich Zeit, daß die Schranken fallen und helleres Licht in das tiefe Dunkel dringe. ' -.; Ueber den vor einiger Zeit zum Abgeordneten in' Spanien gewählten Bankier Gustav Bauer schreibt, wie der „B.B. C." zu melden weiß, .Gotthard Deutsch im „American Israelite“ folgendes: „Bauer stammt aus Wien und ist der Neffe des verstorbenen Abbö Bernhard Bauer, des Beichtvaters der Kaiserin Eugenie. Dieser Abbe Bauer stammte aus Budapest und hatte als Künstler und Soldat eine romantische Laufbahn, bis er sich in Frankreich taufen ließ. .Als Prediger zog er'die Aufmerksamkeit der Kaiserin Eugenie auf sich und sie nahm ihn als ihren Beichtvater. Er galt lange Zeit hindurch als das Symbol der triumphierenden Kirche, als Liebling des französischen Adels. Ein französischer Priester hat seine Biographie zugleich mit der des Hermann Cohen aus Hamburg geschrieben, der in den Barfüßerorden eingetreten war. Im Jahre 1869 befanden sich die Kaiserin Eugenie und der Pater Bauer auf der Höhe ihrer Macht. Der Abbe wurde dazu ausersehen, die Zere» monie anläßlich der Eröffnung des Suezkanals zu verrichten. Das folgende Jahr brachte den Fall der Napoleonsdynastie und des christlichen Glaubens des Paters Bauer. Er verließ die Kirche, wurde ein ganzer Lebemann und ein ständiger Besucher der Wettrennen und der Oper und starb ganz vergessen am 14. Mai 1898. Sein Bruder Theodor, ein Bankier in Wien, war Jude geblieben, und dessen Sohn ist nun dazu auserfehen, die jüdische Geschichte in Spanien zu eröffnen. Die Vertreibung hat bekanntlich im Jahre 1492 stattgefunden, und seit dieser Zeit haben sich Juden in Spanien nur spärlich angesiedelt als Fremdbürger, obschon die Verfassung vom Jahre 1869 völlige Religionsfreiheit proklamierte. Bei verschiedenen Anlässen, insbesondere zur Zeit der Judenvertreibungen aus Rußland im Jahre 1881, wurde die Rückberufung der Juden nach Spanien vielfach erörtert, und die Regierung erkärte, daß das Verbannungsdekret nicht mehr in Kraft bestehe. Innerhalb der letzten Jahre haben -mehrere Politiker, wie Zorilla und Pulido, für eine Wiederansiedlung von Nachkommen spanischer Juden plädiert." * In Rußland sieht es nach wie vor schlimm genug aus. Ausweisungen seitens der Behörden, Ausschreitungen des Pöbels sind an der Tagesordnung. Ein wohlunterrichteter Artikel im „Berliner Tageblatt", der den Titel führt: „Das Elend der russischen Juden. Die Beschränkung des Wohnrechts" ist wert, auch unseren Lesern mitgeteilt zu werden. Er lautet: Der gegenwärtig der Duma vorliegende, von 166 Abgeordneten — fast 40 Prozent der Gesamtheit — Unterzeichnete Antrag auf Auf. Hebung der Wohnrechtsbeschränkung der Juden lenkt wieder einmal allgemein die Aufmerksamkeit auf die mittelalterlichen Zustände, die im russischen Reiche herrschen und sich dauernd verschlimmern. Es hat hier und da überrascht, daß jener Antrag eine so große Zahl von Unterschriften gefunden hat; aber die Situation ist allmählich eine dem Staatswohle so abträgliche geworden, daß auch Abgeordnete, die sich sonst nicht gerade judenfreundlich gezeigt haben, die Notwendigkeit einer Abhilfe einsehen. Die Juden bilden in den 23 Gouvernements des ihnen zugewiesenen Ansiedlungsrayons und in Polen 11,5 Prozent der Gesamtbevölkerung, in den übrigen 35 Gouvernements des europäischen Rußlands 0,25 Prozent, im Kaukasus 0,63 Prozent, in Sibirien 0,60 Prozent, in Russisch-Zentralasien 0,1.6 Prozent, alles in allem nur etwa 25000 Seelen außerhalb des Rayons und des Königreichs Polen. Aber auch in dem Rayon selbst haben sie keine Bewegungsfreiheit. Seit 1882 ist jede Bodenerwerbung und Pachtung sowie Neuansiedlung in den Dörfern, seit 1887 auch die Uebersiedlung von einem Dorfe in. ein anderes untersagt, und selbst die wenigen von altersher privilegierten Dörfler werden endlos schikaniert, um sie in die Städte zu treiben. Und bei diesen Verhältnissen verhöhnt man die Juden noch mit dem VorwUrf, daß sie sich zu wenig mit dem Ackerbau abgeben! Der Prozentsatz der Juden in den Städten des Rayons beträgt im Durchschnitt über 40 Prozent, in manchen Plätzen aber selbst .60 bis 79 Prozent. Kein Wunder, daß alle ihnen zugänglichen Berufe überfüllt sind, und es ist ein Rätsel, wie die zahlreichen Familien bei ihrem geringen Einkommen nicht verhungern. Dazu kommt der von den echt russischen Leuten inszenierte, wirtschaftliche Boykott, der alle Erwerbszweige aufs schwerste trifft. Dieses Elend genügt aber der russischen Regierung nicht. Sie will auch die noch nicht ganz „judenreinen" Bezirke säubern. Zehntausende sind es in den beiden letzten Jahren gewesen, die das Schicksal der Verweisung in den Rayon plötzlich und unerwartet getroffen hat. Von den Akademikern, die das Wohnrecht in ganz Rußland haben, hat man neuerdings einzelne Kategorien ausgeschieden, wie Apotheker und Apothekergehilfen, und ist gegen sie mit Ausweisung vorgegangen. Aus den sibirischen Bezirken werden auch andere Akademiker, Rechtsanwälte, Ingenieure und Aerzte vertrieben. Die Kiewer Vorgänge dieses Jahres sind bekannt. 1500 Familien erhielten Ausweisungsbefehle, von welchen schließlich 450 zur Ausführung gelangt sind; in den Bezirken Smolensk, Jelnin, Roslawly Miasma, Dorogobusch und vielen anderen sind Ausweisungen vollzogen oder angekündigt. Neuerdings hat per Twerer Gouverneur ein Zirkular erhalten, nach welchem die Nichtwohnberechtigten nach dem Rayon zu befördern sind. Nach dem „Retsch" steht eine Massenausweisung jüdischer Familien aus den Dörfern des Gouvernements Kielce bevor. Es scheint also mit dem System der Schikanierung zu langsam zu gehen und man will auch die polnischen Dörfer in schnellerem Tempo säubern. So leben innerhalb und außerhalb des Rayons die Juden in Unsicherheit darüber, was ihnen der nächste Tag bringen wird, und so vermehren nun die aus Wohnsitzen, die sie zum Teil lange Jahre inne hatten — es sind Handwerker ausgewiesen worden, die 30 bis 40 Jahre ruhig und tadelsfrei an einem Ort gelebt hatten — Vertriebenen das Elend in den Rayonstädten. Und dieses Elend wird planmäßig gesteigert. Man will die Juden zu Proletariern letzten Grades erniedrigen. Darum beschränkt man ihnen die Bildungsmöglichkeiten. In diesem Jahre wird nicht eine einzige technische Hochschule jüdische Abiturienten einschreiben, und nur ganz wenige werden auf den Universitäten zur Immatrikulation zugelassen werden. Eine große Anzahl von Lehranstalten nimmt überhaupt keine Juden auf, die anderen einen Prozentsatz von drei bis zehn Prozent. Wer aber außerhalb Rußlands eine Hochschule absolviert, darf sich im Gegensatz zu den in Rußland gradierten nicht außerhalb des Ansiedelnngsrayons niederlassen. Selbst Feldscherer- und Hebammenschulen dürfen nach neuester Verordnung nur einen bestimmten Prozentsatz aufnehmen. Die Begründung neuer jüdischer Schulen wird vielfach gehindert, selbst dort, wo Wohltäter größere Summen für die Errichtung zur Verfügung stellen. Kein Jude kann Stadtverordnete wählen oder als solcher gewählt werden, nur der Gouverneur ist zur Ernennung berechtigt. Für die Ausübung der Advokatur bedarf es der Erlaubnis des Justizministers. 15 Jahre hindurch wurde kein jüdischer Rechtsanwalt zugelassen. In ganz Rußland gibt es einen jüdischen Richter, keinen Professor an einer höheren Lehranstalt, nur einige Privatdozenten, jüdische aktive Militärärzte so wenig wie in Preußen, obwohl die jüdischen Aerzte im russisch.japanischen Kriege ihre volle Schuldigkeit getan haben. Es gibt kein Mittel für die Juden, das Unerträglichste abzuwenden, als sich mit den Beamten zu verhalten. So wird das System der Regierung zu einer Quelle von Erpressungen, und diese an nachsichtige Beamte zu leistende Steuer beträgt viele Millionen Rubel jährlich — arm und reich, ein jeder hat nach seinen Verhältnissen seinen Obolus zu entrichten; die Folgen sind die Demoralisierung der Verwaltung und die Beeinträchtigung der wirtschaftlichen Arbeitskraft von Millionen. Der einzige Ausweg ist die Bewilligung der Freizügigkeit. Wird diese nicht bald gewährt, so wird die Verzweiflung zu Massenauswanderungen führen, die die unheilvollsten Folgen nach sich ziehen müssen. Im wesentlichen stehen heute zur Einwanderung nur die Vereinigten Staaten von Nordamerika und Kanada offen. Aber in diesen Ländern ist bereits eine rege Agitation gegen die jüdische Immigration tätig und kann nur solange niedergehalten