Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 32 (12.8.1910)
- Date
- 1910-08-12
- Page
- – (sequence 1)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 32 Berlin, 12. August 1910 Lin unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Diese Zeitung erscheint wöchentlich. Abonnements-Pceir: durch den Buchhandel oder di» Post (in Berlin und vor. orten durch unsere verkriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. Begründet von Rabbiner vr. Ludwig Philippson. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor vr. Ludwig Geiger. Verlags - Lxpe«Ut!on: verlin, Jerusalemer Strasse 40/49. Alle Zusendungen fir Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der „Allgem. Zeitung de, Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße 46/49, zu richten. Verlag von Rudolf Mofse, Berlin. Der neueste Aw. Von Rabbiner Dr. Friedmann-Lublinitz- — Die Woche. — Hermann Bürchardt. — Fritz Reuter und die Juden. Von Dr. Ko Hut. — Neuere Arbeiten über die Gesundheits- und Cterblichkeitsverhältnisse der Juden. Vonvr. ineü.W. Hanauer- Franksurt a. M. — Notizen und Lesesrüchte. — Feuilleton: Die Klageweiber. Novelle von Joachim Friedenthal. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlauf. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur „Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Posen, Breslau, Kolberg, Seesen a. H., Dortmund, Elberfeld, Wien, Prag, Budapest. — Von Nah und Fern Drr neunte Aw. Von Rabbiner Dr. Fried mann-Lublinitz. er Trauertag des neunten Aw erinnert an die wiederholte Eroberung Palästinas, an die wiederholte Zerstörung des großen herrlichen Nationalheiligturns. Aberbeidemal war doch das Heil für Israel von der Vorsehung bestimmt. Der erste Verlust des Landes durch Babel führte Israel zum Ewigen, seinem Gotte zurück und dann auch wieder in den Besitz seines Landes, in welchem es nunmehr sich und seine Religion befestigte und ausbaute. Und der zweite Verlust des Landes durch Rom führte das nun in Gott gefestigte Volk hinaus in die weite Welt — als den Messias der ganzen Menschheit, um auch diese mit seiner Lehre, mit seinen religiösen Schätzen mitzubeglücken und zu beseligen, um die Religion und die Moral in der Welt zu fördern. Ja, als den Messias. Die schon am Sinai verkündete Bestimmung Israels als Priesterreich begann jetzt verwirklicht zu werden, als das Volk Gottes unter die Völker zerstreut wurde. Daher denn auch ein alter Midrasch lautet: „Am Tage der Zerstörung des großen Nationalheiligtums wurde der Messias geboren." Diesem Midrasch nun entspricht durchaus auch, wie es scheint, die Schöpfung der Gestalt Jesus Christus. Ohne auf die Frage einzugehen, ob diese Gestalt eine reale Existenz gehabt hat oder nicht, darf man doch der Vermutung Raum geben, daß die Idee des messianischen Israels, wie sie zur Zeit des zweiten Tempels zum Durchbruch gekommen ist, in Jesus Christus zunächst personifiziert wurde, und daß diese Personifikation nichts anderes bedeutet, als daß Israel auch nach der Zerstörung des Tempels sein Heil (Jesus) finden und als der Gesalbte (Christus) Gottes bestehen wird. Schon lange vor dem Falle Jerusalems hatte man bekanntlich einen persönlichen Messias vielfach erwartet, war auch so mancher als Messias aufgetreten, ohne doch natürlich vom Volke anerkannt zu werden. Nach den im Volke lebendigen alten prophetischen Verheißungen könnte eine solche Anerkennung gar nicht erfolgen, weil Zeitlage und Verhältnisse, ihnen gar nicht entsprachen. Es war ja weder eine Zeit des Friedens noch eine Zeit des Wohlergehens und der allgemeinen in der Welt verbreiteten Gotteserkenntnis. . Als nun Jerusalem siel und das Volk in die Diaspora zog, da wurde es von der messianischen Idee erfüllt, erst da erkannte es sich als das Priesterreich, als den Gesalbten Gottes, der in die Welt zog, um das messianische Reich herbeizuführen. Wenn wir nun am neunten Aw trauern und feiern, trauern über die Zerstörung und über die Sünden, welche diese verursacht hatten, und feiern die messianische Idee, welche noch immer nicht und noch lange nicht erfüllt ist, so sollen die Trauer und die Feier darauf Hinweisen, daß wir Ursache und Zweck vollauf würdigen, daß wir unsere Religion und die Moral stets Hochhalten, daß wir durch unser Leben, durch unser Verhalten, durch unser gutes Beispiel die Menschheit von der Größe und Tiefe unserer Religion überzeugen und sie dadurch immer mehr für sie gewinnen und zum ewigen Gotte, dem Einig-Einzigen Israels hinleiten. mL Dir Woche. Berlin, den 9. August. Unter den allgemeinen Angelegenheiten ragen die spanischen an Interesse hervor. Die Differenzen zwischen Spanien und dem Vatikan, die schon seit längerer Zeit sich gezeigt haben, drängen zum entschiedenen Bruch. Der spanische Ministerpräsident Canalejas ist entschlossen und hat zur Ausführung dieses seines Entschlusses die Billigung des Königs erhalten, die Klöster zu beschränken und gegen die Unduldsamkeit des Katholizismus Front zu machen. Es handelt sich dabei selbstverständlich nicht um eine Feindseligkeit gegen den Katholizismus überhaupt, sondern um eine Unabhängigkeit von dem Druck der päpstlichen Herrschaft. Es ist zu hoffen, daß die Regierung fest bleibt und Macht genug besitzt, klerikale Widerstände im eigenen Lande, die sich an verschiedenen Orten regen, mit Entschiedenheit, selbst mit Gewalt zu unterdrücken. Denn eine solche Emanzipation von ultramontanen Einflüssen kann für das wirtschaftlich zurückgebliebene Land nur von größtem Segen sein. . Jede freiere Bewegung würde die allgemeinen Kulturverhältnisse des Landes heben und von großem Vorteil auch für die Juden sein, die bisher, wenn auch nicht dem Gesetze nach, aber in Wirklichkeit von Spanien ausgeschlossen waren. Schon regt sich, wie früher in dieser Uebersicht gezeigt wurde, die bessere Erkenntnis. Ein Jude ist kürzlich zum Mitglied der Volksvertretung in Spanien gewählt worden. Fast 420 Jahre sind