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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-05 · Heft 31 (5.8.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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J. W. Nürnberg, 29. Juli. Eine weit über Nürnbergs Grenzen hinaus bekannte Persönlichkeit/ Herr Martin Gebrecht senior, der sich auf allen Gebieten jüdischen Gemeinschaftslebens hervorragend betätigte. ist dieser Tage gestorben. Er war der Mitbcgründer und langjähriges Vorstandsmitglied des „Zentralvereins Fürth-Nürnberg und der angeschlossenen Gemeinden zur Unterstützung armer durchreisender Israeliten", Mitglied des „Ausschusses des Landesvereins für israelitische Kultusgemeinden in Bayern", Delegierter zum „Deutsch-Israelitischen Gemeindebund", Vertrauensmann für Nürnberg-Fürth des ..Hilfsvereins der Deutschen Juden", Förderer des „ Zentralvereins deutsä er Staatsbürger jüdischen Glaubens" und zugleich unermüdlicher und erfolgreicher Förderer aller jüdischen Wohlfahrts- und Gemeinsamkeitsbestrebungen. Die großen sozialen Institutionen des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes verdanken ihm außerordentlich viel. Er wirkte für die Erstarkung der Mitgliederzahl der Arbeiterkolonie Weißensee, der israelitischen Erziehungsanstalt für geistig zurückgebliebene Kinder in Beelitz und war ungemein regsam auf dem 'Gebiete der Wanderin menfürsorge. Er' ist der Schöpfer der sogenannten schwarzen Listen, in die er mit minutiöser Gewissenhaftigkeit alle diejenigen als Schwindler und Brandschatzer der jüdischen Armenkassen einzeichnete, denen das Cchwindlertum nachgewiesen worden war. Sie, diese schwarzen Listen, sollen bekanntlich von der jetzt begründeten „Deutschen Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge" weitergeführt werden. An dem Zustandekommen dieser „Deutschen Zentralstelle" hat auch er mitgewirkt und noch in der entscheidenden Sitzung im Dezember vorigen Jahres dieses Interesse durch seine persönliche Anwesenheit bekundet. Damals freilich stand auch er auf dem Standpunkt, von dem er aber später wohl abkam, daß eine zweite Zentrale für Süddeutschland wünschenswert wäre. Zu seinem in Nürnberg stattgefundenen Begräbnis, an dem eine sehr große Anzahl von Leidtragenden aus nah und fern teilgenommen hatte, war u. a. auch vom „Deutsch-israelitischen Gemeindebund" ein prächtiger Kranz gesandt worden und mit der Vertretung des „Deutsch-israelitischen Gemeindebundes" Herr Geheimer Hosrat Josephsthal beauftragt. Gesterreich-Ansarn. L. Wienim Juli. Im Unterrichtsministerium wird gegenwärtig an der Herausgabe einer neuen, für alle Mittelschulen, Gymnasien, Realgymnasien, Realschulen usw.' einheitlichen Disziplinarordnung gearbeitet. Bemerkenswert in dieser Verordnung ist der Passus, daß konfessionelle internationale Unduldsamkeit als schweres Vergehen zn betrachten und dementsprechend strengstens zu ahnden ist. Ferner heißt es in der neuen Verordnung: Die Strafe der Ausschließung aus der Anstalt erfolgt bei fortgesetzter Unduldsamkeit in religiöser oder nationaler Beziehung, wenn nach wiederholter Karzerstrafe und Androhung der Ausschließung der Schüler wieder straffällig wird. Diese neue Disziplinarordnung wird seitens der jüdischen Bevölkerung in Oesterreich mit Freuden begrüßt werden, da viele israelitische Schüler in manchen Anstalten, namentlich aber in slawischen Gegenden wegen ihrer Konfession und ihrer deutschen Gesinnung geradezu ein Märtyrerdasein fristen. Häufig sind es sogar die Lehrer selbst, die ihren Schülern das traurige Beispiel der konfessionellen Unduldsamkeit geben. In dieser Hinsicht wäre es zu wünschen, daß die neue Disziplinarordnung auch für die Lehrer Anwendung fände. Jedenfalls wäre mit der neuen Verordnung der erste Schritt zur Besserung der Lage der israelitischen Mittelschüler getan. — Das Komitee für die Errichtung eines Sonnenthal.Denkmals, an dessen Spitze die Fürstin Pauline v. Metternich.Sandor steht, hat seine Arbeiten beendet. Die wohlgelungene Büste, die die Zttgd des verstorbenen Meisters mit frappanter Treue wiedergibt, sowie die architektonische Umrahmung sind vollkommen fertig. Das Komitee harrt nunmehr bloß der Entscheidung der Kommune Wiens, auf welchem Platze die Errichtung des Denkmals erfolgen soll. Diese Entscheidung dürfte in kürzester Zeit erfolgen. — Seit einigen Tagen erhebt sich vor dem Gebäude des israelitischen Blindeninstituts auf der Hohen Warte das Denkmal des Mannes, welcher den Plan faßte und zur Durchführung brachte, eine neue Bildungsstätte für blinde Kinder zu schaffen: Ludwig August Frankl. Der Sockel des Denkmals zeigt die Inschrift: „Dem deutschen Dichter, dem Vater der Blinden, Ludwig August Frankl Ritter v. Hoch-- wart, errichtet zu seinem 100. Geburtstage am 3. Februar 1910." Die wohlgetroffene/ künstlerisch ausgesührte Büste ist ein Werk des gegenwärtig in Florenz lebenden Bildhauers Beer. Das Denkmal wird auch die Besucher des am 25. bis 30. d. M. in Wien tagenden XIII. Blindenlehrer-Kongresses dankbar an den Mann erinnern, welcher die segensreiche Institution der Bliudenlehrer-Kongresse mitbegründet und die erste dieser Versammlung im Jahre 1873 nach Wien berief: Sonntag, den 17. d. M. wurde auf dem Wiener israelitischen Friedhofe der Mildirektor des Karl-Theaters und Vizepräsident des Oesterreichischen Theaterdirektoren-Vereins, Herr Heinrich Kadelburg, zu Grabe getragen. Trotz der Hochsommersaison war an diesem Begräbnisse die Künstlerwelt stark vertreten. Die Schwester des verblichenen Künstlers, Frau Sidonie Bayer, erlitt bei dieser Gelegenheit einen bedauerlichen Unfall, sie stürzte vor dem offenen Grabe ohnmächtig zusammen. Sie erholte sich jedoch bald und konnte mit ihrem Gatten den Gottesacker zu Wagen verlassen. — In Holle schau (Mähren) fand die Fahnenweihe des Militärveteranen-Vereins derJudengemeinde statt. An dem Feste nahmen unter anderem teil: Reichsgraf R udolf Kaunitz mit Gemahlin. Elvira Prinzessin von Bayern und Gräfin Therese Radetzky. Die Festrede hielt der Kommandant des Vereins Aron Lustig. England. , 2. London, 28. Juli. Die „Times" veröffentlichen eine ausführliche Korrespondenz ihres Bagdader Vertreters, die interessante Details über den Anteil der dortigen Juden an dem Aufschwünge Mesopotamiens und ihrer Hauptstadt Bagdad enthält. In keinem der Landstriche in der Umgebung von Bagdad ist das Reisen ohne militärischen Schutz sicher, und selbst die einzige brauchbare Verkehrsroute zum persischen Golf und dem Tigris kann jeden Moment durch die wilden Stämme von Nieder-Mesopotamien verlegt werden. Im Laufe der letzten zwei Jahre sind Schiffe, die auf dem Tigris verkehrten, dreimal angegriffen worden, und in einem Falle mußte die Schiffahrt volle fünf Wochen ruhen. Die Telegrammlinie kann jeden Augenblick von den aufständischen Arabern unterbrochen werden. — Eine interessante Rolle im Bagdader Handel spielen die Juden. Sie monopolisieren sozusagen den Baumwollhandel, der einen jährlichen Wert von einer Million Pfund Sterling präsentiert. Ueber zwanzig Bagdader Firmen haben Vertretungen in Manchester und London, und ihr Absatzgebiet erstreckt sich bis nach Kermanschah und Hamadan in Persien. Die politische Revolution hat in Bagdad noch wenig Veränderungen gezeitigt. Die christlichen und jüdischen Gemeinden haben von der Einführung der Konstitution viel profitiert und zählen zu ihren aufrichtigsten Verfechtern und Beschützern. Die religiöse Toleranz hat in Bagdad niemals Wurzel fassen können, wie dies in manchen anderen Teilen der Türkei der Fall ist. Obgleich es mit der Sicherheit des Lebens und des Vermögens in Bagdad ganz gut bestellt ist, schwebt doch die prädominierende Stellung der Mohammedaner stets wie ein Damoklesschwert über den „Ungläubigen". Die freiheitliche Aera hat auf die Juden, deren Zahl auf 50 000 geschätzt wird, den günstigsten Einfluß geübt. Die Bessersituierten vertauschen allmählich ihren Wohnsitz im alten Judenviertel mit sashionablen Häusern im Innern der Stadt, kleiden sich immer mehr europäisch, nehmen westeuropäische Sitten an und opfern sehr viel für die moderne Erziehung ihrer Jugend. In einer der jüdischen Schulen wird derselbe Lehrplan eingehalten, wie in den staatlichen Militär-Lehranstalten. Einer der Hauptzwecke dieser Schulen ist die Verbreitung der türkischen Sprache. Die überwiegende Majorität der Bevölkerung von Bagdad ist jedoch die arabische, die von den politischen Aenderungen im Reiche und von der Gleichstellung aller Konfessionen nicht entzückt ist. Im Araber lebt fest der Glauben, daß Mekka mit den Vorgängen in Konstantinopel nicht einverstanden fein könne und diesem fanatischreligiösen Panislamismus entspringen auch alle Unruhen unter den Arabern, alle Opposition gegendie Kulturbestrebungen der freiheitlichen Richtung, an deren Spitze die Juden marschieren. ÄuszlÄNd- *** Petersburg, 28. Juli. Die Gesellschaft für jüdische Volksmusik in Petersburg hat die Erlaubnis erhalten, im nord-

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