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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-05 · Heft 31 (5.8.1910) · p. Seite 4

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 4 (sequence 16)
Language
German
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>v ’f ’ -- 4 ' westlichen Teile Rußlands eine Gesellschaftsreise behufs Popularisierung der jüdischen Volksmusik zu veranstalten. Die jüdischen Lieder werden von dem bekannten russischen Opernsänger Medwedjew vorgetragen, worauf dann ein Referat über die Volksmusik erstattet wird. An der Exkursion beteiligen sich die bedeutendsten Künstler und Künstlerinnen Rußlands. . Die ersten Versuche in Petersburg waren sehr erfolgreich und fanden sowohl beim russischen Publikum wie auch in der Presse allgemeinen Anklang. Eine der Hauptarbeiten der Gesellschaft für jüdische Volksmusik besteht jedoch in der sorgfältigen Sammlung und künstlerischen Bearbeitung jüdischer Volkslieder. Vor einiger Zeit erschien die erste Serie der gesammelten jüdischen Volkslieder. Ter Sitz der Gesellschaft befindet sich in St. Petersburg, Nikoljewskaja Nr. 12/23. — Der Präsident der Reichsduma Gutschkow, der aus der Durchreise nach Sofia zum Panslavistenkongreß Odessa passierte, empfing den Vertreter der „Odetzkija Nowosty" und hatte mit ihm eine längere Unterredung über die Judensrage. Gutschkow sprach die Vermutung aus, daß die Gesetzes- Vorlage wegen Aufhebung des Ansiedlungsrayons von der Tuma mit der Einschränkung angenommen werden wird, daß^den Juden das Wohnrecht in den Städten, keineswegs aber in den Dörfern eingeräumt wird. Bezüglich der jüdischen Schulnot erklärte Gutschkow offenherzig, daß er gegen die Aufhebung der Prozentnorin für jüdische Aspiranten ist, da in diesem Falle die Juden sehr bald die autochthonen Elemente aus den Schulen verdrängen würden. Hingegen ist Gutschkow für eine Vermehrung der staatlichen Schulen; dadurch würden sich auch der jüdischen Schuljugend neue Bildungsmöglichkeiten eröffnen. Gutschkow verwies schließlich auf die in den Kreisen der Rechten geplante Vorlage betreffs Schaffung einer speziellen Hochchule für die Juden, während die allgemeinen Hochschulen für sie ganz gesperrt werden sollen. Auf diese Weise würden die jüdischen Abiturienten Unterkunft finden und die russische Jugend von dem „demoralisierenden politischen Einfluß der Juden" bewahrt bleiben. Man sollte es gar nicht glauben, von welch zärtlicher Fürsorge für das Wohl der studierenden jüdischen Jugend die herrschenden Parteien in Rußland beseclt sind. Nun wollen sie sogar eine eigene jüdische Hochschule gründen. Man darf der angekündigten Vorlage der Rechten mit einiger Spannung entgegensetzen. Vlw Sah und jfrm. — Den RechtsanwältenHermannDanziger, Brandt, S. Marcuse, Dzialoszynski, A. Rothenberg, L. Chodziesner, B. Saenger, Dr. Ignatz Cohn, Leo Lach mann und Eugen Fuchs in Berlin ist der Charakter als. Justizrat verliehen worden. — Dem Kaufmann Epstein und seiner Ehefrau in Halberstadt ist vom Kaiser zur Erinnerung an die Feier ihrer goldenen Hochzeit am 14. Juli die Ehejubiläumsmcdaille in Silber verliehen worden. In dem Begleitschreiben, das vom Geheimen Kabinettsrat i. V. v. Strempel unterzeichnet ist. heißt es: Es gereicht mir zur Freude, Ihnen dieselbe (Medaille) mit den besten Glückwünschen Seiner Majestät übersenden zu können. — Aus Witten wird uns geschrieben: Tempora mutantur! Vielleicht erblicken auch die Leser Ihrer Zeitung einen erfreulichen Wechsel der Zeiten in der Tatsache, daß hier, in der einstigen Hochburg des Antisemitismus, vom Vorstande des Vereins der Nationalliberalen Jugend am 23. d. M. bei einer Königin Luise- Gedächtnisfeier dem jüdischen Lehrer Max Mayer die Festrede übertragen wurde. — Geheimer Obermedizinalrat Dr. Paul Ehrlich in Frankfurt a. M. wurde vom Bundesrat zum Mitglied des Reichs-Gesundheitsamtes gewählt. — Dem Königlichen Postrat Herrn S. Schloßberger in Stuttgart (Inhaber des württembergischen Friedrichs-Ordens erster Klasse) ist von Seiner Majestät dem Deutschen Kaiser der Kronenorden dritter Klasse verliehen worden. — Die israelitische Religionsgesellschaft in Zürich hat ein Grundstück zum Preise von 280000 Francs erworben, um darauf eine zweite Synagoge zu errichten. — Am 23. Juli beging in Wien in vollster geistiger und körperlicher Frische einer der ältesten Aerzte der öesterreichischen Metropole, Dr. med. Kamil Lederer, seinen 80. Geburtstag. Dr. Lederer ist in hocharistokratischen und Finanzkreisen bestens bekannt. Er war Leibarzt der fürstlich Salm -Reifferscheidffchen Familie und nimmt als ehemaliger Offizier der akademischen Legion an den Versammlungen der noch überlebenden Achtundvierziger ebenso regen Anteil wie an denen des medizinischen Doktvrenkolleginms. — Vor einigen Tagen wurde in Wien der Lazenhof (gegenüber dem Fleischmarkt) demoliert, um einem neuem Straßenzuge Platz zu machen. Dieser Lazenhof spielte in der „EeschichteWiens",dieLazenimJahre1546inlateinischerSpracheherau?- gab, eine große Rolle. Die Aufdeckung eines Grabsteines mit hebräischer Inschrift gab dem Besitzer vonLazenhof. Wolfgang Laz, der Rat und Arzt unter Kaiser Ferdinand I. war, die Veranlassung. die Geschichte Wiens bis auf eine Kolonie zurückzukonstruieren, welche Phönizier hundert Jahre noch dem Auszugs der Israeliten aus Aegypten errichtet haben sollen. Trotz dieses prinzipiellen Irrtums ist der Lazenhof für die Geschichte der Juden in Wien von Bedeutung. Dem Lazenhof verdanken wir die Tatsache, daß schon im 16. Jahrhundert in Wien Grabsteine mit hebräischer Inschrift entdeckt wurden, die schon damals als uralt galten. — Dem Evidenzhaltungsgeometer bei der bosnischen Landesregierung, Ingenieur Markus Riemer, Alter Herr der jüdisch akademischen Verbindung „Unitas" in Wien, wurde in Anerkennung besonderer Verdienste das goldene Verdienstkreuz verliehen. — Baron Edmund v. Rothschild hat seine Stelle als Präsident des Zentralkonsistoriums der französischen Juden niedergelegt. An dessen Stelle wurde sein Neffe Baron Eduard de Rothschild, ein Sohn des verstorbenen Barons Alphons de Rothschild, gewählt. — Zn London ist der Ratsherr und Friedens richter John Harris im 75. Lebensjahre verschieden. Ihm ist cs zu verdanken, daß die Schulstiftungen in Whitechapel jüdischen Schülern zugänglich gemacht wurden, und daß das Jüdische Heim für Unheilbare eine jährliche Subvention von dem Stepney Borough- Stadtrat bewilligt erhielt. — Bei den letzten Ergänzungswahlen der Stadtverordneten in Rom hat der radikale Block wieder gesiegt, so daß Ernesto Nathan Bürgermeister bleibt. — In Warschau ist kürzlich im Hause der jüdischen Gemeinde an der Grzybowskastraße das Museum Versöhn eröffnet worden. Es enthält reichhaltige Sammlungen aller Art zur Kulturgeschichte der Juden in Polen. In der Bibliothek des Museums finden sich mehrere Pergamenthandschristen aus dem 16. und 17. Jahrhundert, Ausgaben der Bibel und ein Psalter in kostbaren Einbänden. Die Bibliothek besteht aus 2000 Bänden. Beachtenswert ist die Münzsammlung, die eine große Talersammlung und viele Medaillen enthält, ferner die Porträtsammlung und die Sammlung historischer Dokumente. Besonders reichhaltig ist die Sammlung der Silber- und Goldarbeiten. Sie enthält alte Leuchter, Lampen, Kandelaber, schöne Trinkgefäße' Schmuckgegenstände, Amulette usw. — Aus Petersburg wird gemeldet, daß General Dumbatse alle Soldaten jüdischen Glaubens des ihm unterstellten, in Yalta garnisonierenden Wilnaer Regiments ausgewiesen hat. Wo sie ihren Dienst ableisten werden, sei noch unbekannt. Aus privater Quelle wird noch bekannt, daß General Dumbatse seiner Stelle als Verwaltungschef in Aalta enthoben worden ist; doch liegt eine offizielle Bestätigung dieser Nachricht noch nicht vor. — Ter berühmte jüdische Pianist Rosen Wasser, der unter dem Pseudonym „Sarema" bekannt ist, hatte dieser Tage die russische Hofopernsängerin bei der Hoftafel in Zarskoje-Selo am Klavier begleitet und mit seinem Spiele so sehr den Beifall der Hofgesellschaft hervorgerufen, daß der Kaiser von Rußland sich veranlaßt sab, dem Künstler als Andenken eine wertvolle goldene Uhr, mit dem russi schen Adler verziert, zu schenken. — Der Hilssverein der Deutschen Juden erhält aus Petersburg die Mitteilung, daß die dortige städtische Verwaltung ihr Beamtenpersonal zur Bekämpfung der Cholera verstärkt, jüdische Aerzte aber, ohne Rücksicht auf den bestehenden Aerzkemangel und die Verschlimmerung der Epidemie, nicht einstellt. Entsprechende Nachrichten liegen aus anderen russischen Städten vor. ( Redakteur: Albert Katz in Berlin-Pankow, Florastr. 58. Gelchgktliche Mvti-en. Meran. Das „Genesungsheim" des Vereins „Asyl für mittellose kranke Israeliten in Meran" wird mit 1. Oktober 1910 für die Herbstsaison wieder eröffnet. Mittellose israelitische Bewerber, wollen sich brieflich wegen der ausführlichen Aufnahmebedingungen an die Kanzlei des Vereines wenden unter der Adresse: „Asyl für mittellose kranke Israeliten in Meran" (Tirol), und ihre Gesuche um Aufnahme möglichst bis Ende August einreichen. -• ' - -

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