Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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74. Jahrgang. Nr. 31 Berlin, 5. August 1910 Deüsse zur „Allgemeinen Leitung ürF Judentums". lßorrelpondrn?kn und Nachrichten. Deutschland. *** Berlin, 2. August. In der „Wissenschaftlichen Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin" hielt Herr Rabbiner Dr. Eschelbacher einen Vortrag über „Die Verwendung der Sprüche der Väter im Religionsunterricht. Der Vortrag ging von dem vielfach empfundenen Bedürfnisse au?, den reiferen und von der Schule bald abgehenden Schülern die wichtigsten Glaubenslehren des Judentums wie die Anschauungen über eine Reihe der uns zur Zeit beschäftigenden religiösen Fragen durzulegen. Diesem Bedürfnisse suchten seit einem Jahrhundert eine Reihe von Religionsbüchern teils in katechetischer, teils in systematischer Darstellung zu entsprechen. Aber sie gaben zumeist nur mehr eine Art populärer Philosophie als eine lebensvolle Darstellung der jüdischen Lehren, und ihre Sprache ist vielfach, zu abstrakt, um den Schülern wirklich verständlich zu sein und insbesondere auch, um sie fesseln zu können. Das klarste und am besten sich einprägende sind noch die von ihnen mitgeteilten Bibelsprüche selbst. Ihnen können wir die in den einzelnen Gebeten enthaltenen Glaubenslehren anschließen. Sie hat insbesondere Theodor Krön er in seiner Bearbeitung des Gebetbuches sehr geschickt hervorgehoben und im einzelnen weiter ausgesührt. Aber um das für den Abschluß des Unterrichtes wünschenswerte übersichtliche Bild geben zu können, dazu ist der Nahmen des Gebetbuches doch zu ausgedehnt. Als eine gute Grundlage für ein solches Bild bezeichnet Redner die „Sprüche der Väter" und wies das in der Erklärung einzelner derselben nach. Gleich der erste Spruch zeigt uns die hervorragendsten Lehrer und Vertreter des Judentums und gibt uns die „Kette der Ueberlieferung" über den Abschluß der biblischen Zeit hinweg bis zu den Weisen der Mischna und läßt uns auch auf die folgenden Zeiten Hinweisen. Wir erhalten aus den weiteren Sprüchen eine Vorstellung von dem Glauben, der jene erfüllte, von ihren religiösen und Sittenlehren, wie von denen ihrer Erfassung und ihres Nachdenkens über die verschiedensten Gebiete des Lebens. Ihre Worte und Zeugnisse widerlegen am besten die mannigfachen ungerechten Urteile und Verleumdungen, die über die Pharisäer verbreitet sind, und zeigen uns diese Männer in ihrer wirklichen Erscheinung, in ihrer Reinheit, wie in ihrer Güte. Ebenso lassen sich bei diesen Sprüchen viele Lehren und Einrichtungen des Judentunls zur Erklärung und Beleuchtung heranziehen. Und noch weiter geben sie Gelegenheit, die Schüler selbst zum Fragen und zum eigenen Nachdenken über das ihnen Mitgeteilte anzuregen und dadurch ihr Interesse und bei manchen auch die Lust zum weiteren Lernen in der jüdischen Literatur zu wecken. Nach Beendigung der an den Vortrag sich schließenden Diskussion erfolgte eine kurze Besprechung der vom Kollegen Abraham entworfenen Anschauungstafeln zur hebräischen Grammatik, die gemäß den auf der Tagung des Brandenburger Vereins geäußerten Wünschen verbessert worden waren. Es wurde folgende Resolution gefaßt: Die Wissenschaftliche Vereinigung jüdischer Lehrer und Lehrerinnen zu Berlin erklärt ihre Zustimmung zu der jetzigen Form der Anschauungstaseln zur hebräischen Grammatik des Kollegen Abraham und hält ihre Einführung für empfehlenswert. *** Berlin, 2. Augnst. Ist ein Mitglied des Steuerausschusses Beamter? Diese Frage beschäftigte die vierte Ferienstraskammer des Landgerichts Berlin I. Ein galizischer Jude, namens Bernhard Schreiber, betreibt in der Grenadierstraße einen Kolonialwaren- und Spirituosenhandel. Eines Abends gegen 7l/2 Uhr, als das Verkaufs!okal mit Käufern dicht gefüllt war, erschien das Mitglied des Steuerausschusses, Leopold Liehr, der in der Grenadierstraße eine Schankwirtschaft betreibt-, in dem Schreiberschen Verkaufskeller. Er fragte den Ladeninhaber, nachdem er sich vorgestellt hatte, ob er die Konzession zum Verkauf von Spirituosen besitze. „Gewiß besitze ich diese Konzession," versetzte Schreiber. „Wollen Sie mir die Konzession vorzeigen, ich bin vom Steuerausschuß beauftragt, bei Ihnen zu revidieren," bemerkte Liehr. „Ich habe die Konzession in meiner im dritten Stock gelegenen Wohnung," bemerkte Schreiber, „Sie sehen, mein Lokal ist voll von Käufern, in einer halben Stunde muß ich schließen, ich kann daher das Schriftstück augenblicklich nicht herunterholen. Ich bitte aber, mir zu glauben, daß ich die Konzession besitze. Morgen vormittag bin ich gern bereit, Ihnen die Konzession zu unterbreiten. Sie können schon versichert sein, daß ich Nlich hüten werde, Spirituosen ohne Konzession zu verkaufen, zumal ich Ausländer bin." „Ihr galizischen Juden, Ihr Ausländer seid zu allem fähig," rief Liehr mit lauter Stimme. Aus Anlaß dieser in Gegenwart von vielen Kunden getanen Bemerkung forderte. Schreiber Liehr wiederholt auf, den Laden zu verlassen. Dieser soll aber noch etwa zehn Minuten im Laden verweilt haben. Schreiber erstattete Anzeige. Infolgedessen hatte sich Liehr wegen Amtsanmaßung, Hausfriedensbruch und Beleidigung zu verantworten. Der Vorsitzende des Steuerausschusses, Negierungsrat Quensel, bekundete als Zeuge, der Angeklagte sei kein Beamter und habe nur auf ausdrücklichen Beschluß des Steuerausschusses die Befugnis, Revisionen vorzunehmen. Ter Staats anwalt beantragte in Berücksichtigung des Umstandes, daß anscheinend ein gewisser Konkurrenzneid die Triebfeder des Handelns des Angeklagten war, 150 Mark Geldstrafe. Nach kurzer Beratung des Gerichtshofes verkündete der Vorsitzende, Landgerichtsdirekor Wilke. Der Gerichtshof hat die Frage, ob der Angeklagte Beamter ist. unentschieden gelassen. Ter Gerichtshof hat aber die Ueberzeugung gewonnen, der Angeklagte ist der Meinung gewesen, er sei Beamter und habe auch die Befugnis zuin Revidieren. Ec ist daher von der Anklage der Amtsanmaßung und des Hausfriedensbruches freigesprochen worden. Dagegen hat er sich einer groben Beleidigung schuldig gemacht. Der Gerichtshof hat deshalb auf 30 Mark Geldstrafe event. fünf Tage Haft erkannt und,, soweit Verurteilung erfolgt, dem Angeklagten die Kosten des Verfahrens auferlegt. W. Posen, 31. Juli. Die Stadtgemeinde Posen verwaltet 22 Stiftungen, aus denen die Zinsbeträge regelmäßig nach dem Willen der Testatoren verteilt werden. Darunter sind zwölf jüdische Spender. 1. Samuel Jaffe, 2. Eduard und Amalie Ephraim, Zinsen an zwei Handwerker je 100 Mark und an vier Witwen je 50 Mark, 3. Lewin Königsberger, Dotationen für Alterversorgung, 4. Moritz Viktor, 5. Wollheim, 6. Eduard und Amalie Ephraim, (Zins) Beihilfe zu Badereisen je 100 Mark an zwei Frauen, 7. Samuel Auerbach, Zinsbeträge an drei christliche Handwerker oder Gewerbetreibende, 8. .Geheimrat Orgler, 9. Sigmund Lißner, 10. Pauline Kronthal, 11. Philippine Remak, 12. Louis Jaffe. Außerdem partizipieren jüdische Familien an allen anderen noch vorhandenen Wohltätigkeitseinrichtungen hiesiger Stadt in großer Menge mit bedeutenden Subventionen. — Bei dem Bundesschießen der Schützen, welches Sonntag in der Nachbarstadt Schwersenz stattfand, hat Herr Kaufmann Cohn in Schönlanke auf der Ehrengabenscheibe den besten Schuß abgegeben. ---Breslau, 29. Juli. Ueber Professor Ehrlich, der jetzt durch seine neue Entdeckung die ganze medizinische Welt in Atem hält, schreibt das hier erscheinende jüdische Volksblatt: Professor Ehrlich ist am 14. März 1854 in der schlesischen Kleinstadt Strehlen als Sohn des Kaufmanns I. Ehrlich geboren. Seine Mutter stammte aus der bekannten Familie Weigert. Er besuchte die Universitäten Breslau, Straßburg, Freiburg und Leipzig usw. Im Jahre 1908 erhielt er den Nobelpreis mit 100 000 Mark. Seit 1883 ist er mit Hedwig Pinkus verheiratet, einer Tochter des bekannten Großleinenindustriellen Geheimen Kommerzienrats Pinkus (Firma S. Fränkel) in Neustadt, Oberschlesien. Er hat zwei Töchter, von denen die ältere mit dem Fabrikbesitzer Dr. Ernst Schwerin in Breslau (Firma Schwerin & Söhne) verheiratet ist, die jüngere mit Geheimrat Professor Dr. Leopold Landau in Berlin. — Als