Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 370 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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abfchlagen? Man konnte sich ja so unkenntlich in Pelze und Schleiev verhüllen. Und wenn sie jetzt schön einer aus der Stadt sah — Nun erblickte sie ihn an der Wegkreuzung, im Schlitten ihr entgegenfahrend, und im selben Augenblick er sie. Rascher, greifen sofort auf seinen Ruck die Pferde aus. Er hält dicht vor ihr. Schnell schaut sie sich doch noch einmal um, ob jemand zu sehen ist. Niemand. Er hebt sie mit einem leisen Juchzer hinein und hilft ihr in einen weiten Pelz, indes die Pferde schon lostraben. Er ist ganz allein, ohne Diener. Kling — kling — kling — läuten die silbernen Glöckchen. Und die Pferde wirbeln den Schnee in einer weißen Wolke auf. Sie jagen, als war' es ihre eigenste Lust. Die Bäume haben in fast unerträglich glänzender Weite alle Arme voll Schnee und wissen ihn kaum zu halten. Das kuppelt sich von Baum zu Baum den langen Wald in bizarren Gebilden, weiß und weiß und weit. . . Doch auf die Spitzen der Bäume legt sich hier und da ein. karger Sonnenstreifen wie ein Streifen Brokat aufs Brautkleid. Alles aber flimmert in der weißen Weite. Und die Augen werden trunken bei dem schnellen Gleiten des Schlittens, daß vor ihnen die Bäume sich umfassen. und tanzen wie zur Fastnacht auf der Straße. „Schneller, noch schneller, Diego!"^ bittet sie wie trunken« „Gefällt Dir wohl, was!" Und er läßt die Peitsche über die Pferde knallen. Die Glöckchen werden ganz wirr im Klang. < . „Ach, formt' ich immer so mit Dir fahren!" Und nun ist wieder ein heimliches kleines Schluchzen, ein Erinnern in ihrem Ton. Er aber sagt bedeutsam: „Warum denn nicht! Wollen sehen." „Diego, immer mit Dir! Ich wäre so glücklich!" Schon taucht bei der schnellen Fahrt an der Biegung das Schloß auf. Plötzlich brennt sie bei dem Anblick eine Angst: vor dem Wissen, das sie in sich trägt, vor dem Wort' das sie sagen muß, vor der Entscheidung. Nein, nur noch ein wenig den Taumel dieses Jagens in die flimmernde Weiße! Noch nichts sagen! Und sie bittet: „Noch nicht ins Schloß, Diego, nein! Wenigstens den Wald wollen wir zu Ende fahren, ja? Ach, es ist ja so schön, so sehr schön (und leise:) wie vielleicht nie mehr . . „Gern, gern," erwidert er, fast dazwischen sprechend. Und sie fahren am Schloß vorbei, dessen fröhlichen aufstrebenden Rokokobau di^ komisch ernste Würde einer weißen Perrücke niederdrückt. Und wieder der glitzernde Wald. Baum drängt sich au Baum zu wärmender Nachbarschaft. Dort oben — wie schnell ist des Waldes Ende erreicht! — friert die Weite mit breiten Feldern in weißer Endlosigkeit. Ganz hinten, auf der Seite hinterm Schloß, liegt ein Zipfel des Sees mit Hellem Auge, . „Nun wollen wir aber umkehren, nicht kleines Lieb?" Er wartet die Antwort gar nicht ab. Schon biegen die Pferde mit einem Rucke um, daß der Schlitten schleudert. Sie nickt. Doch ihr Blick hängt noch an der blinkenden Wintereinsamkeit. Sie aber durchfährt sie mit ihrem Glück. Wie ein tiefes Atemholen vor etwas ganz Schwerem ist diese frohe Fahrt. Nun lag das ganz Schwere im Zimmer, versteckt noch, mit breiten schwarzen Schwingen. Aber man konnte merken, daß es in diesem hohen, schönen Musikzimmer war und jeden Ton ordentlich erstickte, den sie mit nervösen Fingern an dem Flügel suchte. Sie wollte auch gar nicht spielen und Hörle schon auf. Groß und angstvoll sah sie ihn an. Er hatte schon seit ihrem Eintritt gemerkt, als sie.sich weigerte, heute ins Schlafzimmer zu gehen, daß sie etwas wollte: Und er wußte und wartete, wartete mit instinktiver Grausamkeit, wie sie sich von dem Schweren befreien würde. . Sie drehte sich ganz auf dem Klavierstuhl zu ihm herum. Nun kam es langsam von ihren Lippen: „Du — Diego — ich — ich Hab'Dir etwas zu sagen." „Bitte. Es scheint ja wirklich so." Sie drehte auf dem Sessel sich wieder ein wenig zur Seite, da der Ton seiner Worte ihr gar keinen Halt gab! Nun suchte ihr Blick einen Halt und fand ihn endlich auf Beethovens tragisch geistvollem Kopfe. Und wie in eine angstvolle lauernde Ferne läßt ihre Stimme das Schwere zittern: «Ich — ich — fühl' mich —- Mutter." „Ah! — Ich wollte das!" Einen seltsam scharfen, schneidenden Triumph haben seine Worte. Sie sind voll Freude, aber so merkwürdig fern von Batersreude. Sie fühlt das. Und ihr Blick klammert sich jetzt an ihn, und sie weiß nicht, ob Glück, Angst oder Weh. ihr den Atem so versagt. „Ja — aber --" Warum hilft er ihr nicht, waruin stützt er sie nicht, da sie so wankt, mit jedem Wort! Und er wiederholt mit diesem seltsam schneidenden Triumph: „Ja, ich wollte das!" Noch fester klammert sich ihr Blick an ihn. „Denn ich will Dich zu meiner Frau machen." , „Diego, ach, ich wußte —" Ihre Stimme reicht nicht zu mehr. Aber wie ein Jauchzen springt die kleine Recha zu seinem Hals hinauf. Er wehrt ab. Ganz hart ist sein Gesicht. „Laß! Setz' Dich ruhig hin und hör' zu. Vielleicht.jubelst Du auch zu früh. Ich stelle nämlich Bedingungen für eine Heirat."^ „Bedingungen?" — Sie spricht das Wort so nach, ohne den Sinn recht zu erfassen. „Ja, Bedingungen, die Du erfüllen mußt, bevor ich Dich heirate." „Ich verstehe nicht. Was für welche? Ich Hab' Dich doch so lieb!" „Eben jetzt sollst Du zeigen, ob Du mich wirklich so lieb hast! Also ich will — um es kurz zu sagen (und jede Muskel seines Gesichts war gespannte Brutalität) — ich will, daß Du das Kind von mir offen vor der Stadt unehelich austrägst und gebärst, bevor ich Dich richtig heirate." „Diego!" — Ein Hilfeschrei ist das Wort. „Und niemand soll wissen, daß ich Dich heirate. Aber ich schwöre es Dir, wenn Du alles das tust!" Und bei diesen Worten ist sein Gesicht so kaufmännisch Vertrauen erweckend, als unterschreibe er einen Wechsel auf Sicht mit drei Monat Ziel. Sie aber sieht nichts. Ein schwärzliches Purpur ist diese kurze, stumme Weile vor ihren Augen. Dann beben, ihre Lippen: „Ich versteh' nicht - das ist doch furchtbar^ Ich Hab'Dich ja so lieb —" „Gut, Du hast mich lieb. Schön. Aber wenn ich es nun doch nicht glauben kann?" „Ich bitte Dich -" Er hart unterbrechend: „Wenn ich nun doch eine Sicher-- heit dafür haben will! Sich hingeben mit der Gewißheit, geheiratet zu werden, kann sich schließlich jedes Mädchen nach