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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-05 · Heft 31 (5.8.1910) · p. Seite 369

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 369 (sequence 9)
Language
German
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Der Vorhang ging wieder auf. David weihte das Fleisch des Ungeheuers den Vögeln unter dem Himmel und den Tieren auf dem Felde. Der Philister sprach Hohn, stampfte viel mit beiden Füßen, fiel endlich wie ein Klotz und gab der ganzen Sache einen herrlichen Ausschlag. Wie denn nachher die Jungfrauen sangen: Saul hat tausend geschlagen, David aber zehntausend, und der Kopf des Niesen vor dem kleinen Ueberwinder hergetragen wurde, und er davor die schöne Königstochter zur Gemahlin lriegte, verdroß cs Wilhelmen doch bei aller Freude, daß der Glücksprinz so zwergenmäßig gebildet wäre. Denn nach der Idee vom großen Goliath und kleinen David hatte die liebe Großmutter nichts verfehlt, um beide recht charakteristisch zu machen. Die dumpfe Aufmerksamkeit der übrigen Geschwister dauerte ununterbrochen fort, Wilhelm aber geriet in eine Nachdenklichkeit, darüber er das Ballet von Mohren und Mohrinnen, Schäfern und Schäferinnen, Zwergen und Zwerginnen nur wie im Schatten vor sich hin gaukeln sah. Der Vorhang siel zu, die Türe schloß sich, und die ganze kleine Gesellschaft war wie betrunken, taumelnd und begierig ins Bett zu kommen; nur Wilhelm, der aus Gesellschaft mitmußte, lag allein, dunkel über das Vergangene nachdenkend, unbefriedigt in seinem Vergnügen, voller Hoffnungen, Drang und Ahndung." Aber auch von anderen biblischen Dramen ist die Rede. Die drei schon Genannten unterhalten sich nämlich über Wilhelms Jugendstücke, und die Schwester berichtet, daß sie die Dramen des Bruders gern abgeschrieben und sich die Stellen gemerkt hätte, die ihr am besten gefielen. Sie berichtet, daß in diesen biblischen Stücken zwar die „Feinde des Volkes Gottes" die Hauptrolle spielten, aber daß auch die Propheten vorgekommen seien, die ihnen derbe Wahrheiten sagten und daß am Ende die Feinde Israels zugrunde gehen. Zu diesen Dramen gehörte außer dem schon erwähnten Belsazar, ein Stück „Jesabell", in dem der jugendliche Dichter im Gegensatz zu seinen Vorgängern, „die mit Dolch und Gift und anderen schädlichen Werkzeugen auf . das mannigfachste hantierten", die Heldin, die berüchtigte Königin durch einen Sturz enden ließ. Der Dichter selbst gibt dieses Ende folgendermaßen an: „Der Schauplatz ist in einem großen Saal, von da er sich nicht wegwendet, und in dem fünften Akt, wo Jesabell vergebens den Ueberwinder durch erkünstelte Reize und Schmeicheleien zu bewegen, durch Drohungen zu erschüttern sucht, endigt der Held in gerechtem Eifer mit Vorwürfen und Verwünschungen und schneidet ein sehr wohlgesührtes Gespräch ziemlich rittermäßig kurz ab, indem er der Wache befiehlt, sie herabzustürzen. Diese greift zu und der Vorhang fällt." Aus diesen wenigen Proben erkennt man, wie der großartige Fund, an dem sich alle Freunde der deutschen Literatur erfreuen, an dem auch wir mit ganzem Herzen teilnehmen, speziell für die Juden einen reichen Gewinn bedeutet. Die Klageweiber. Novelle von Joachim Friedenthal. VII. natürlich, natürlich!" beeilte er sich und griff nach . y ihrer Hand — „deswegen nehm' ich ja all die Pein- " lichkeiten und kleinen Opfer auf mich, Deinetwegen." Und brauchte es doch nicht, wenn er mich offen wollte — dachte sie ganz heimlich und vorbeihuschend schnell. Aber bang war ihre Frage: „Sag', Diego, ganz ehrlich: Du tust cs doch gern. Du hast mich doch ganz in der Tiefe lieb? So wie keine zuvor?" Und ganz in die Tiefe glühte ihr Blick und sah nichts! „Aber gewiß, gewiß! Jedesmal schwöre ich's Dir. Und jedesmal kann ich's Dir wieder schwören, wenn Du es durchaus willst!" „Nein, nein, ich glaub' es Dir! — Wie frei der Klang wieder war! — Und verzeih mir, Diego, bitte. Es ist das kein Zweifel an Deiner Liebe, nein, nicht der geringste Zweifel. Siehst Du: Zweifel war' Sünde. Und diese Sünde wäre eine Todsünde und wäre — spielten ihre Gedankenassociationen sinnend zwischen den Worten — mein Tod." „Schon der Zweifel?" — fragte er aus einem schnell aufhorchenden verständnislosen Staunen. „Ja. Ich glaube,,schon der Zweifel." Wachsend und reif wurde sie mit ihren Worten. Dr mußte er sie unwillkürlich wieder bewundern. Und er konnte sie nun doch nicht nach dem fragen, was er in den letzten Tagen immer fragen wollte. Und worauf er wartete als aus eine aus dunklen Haß- und Liebesgesühlen erwartete und ersehnte Erfüllung ... Sie aber merkte nun nicht mehr, wie traurig und düster die Tannen dastanden und wie die Laubbäume gleich jämmerlich zerschlitzten Bettlern, die bedürftig die bloßen Arme ausstreckten, sich ansahen. Froh war sie wieder und hatte seine kleine Häßlichkeit vergessen. Und sie ging mit ihm ganz stolz grüßend an dem Mulatten vorbei, der ihr immer begehrlicher die Kastanienaugen nachkugelte. Er aber mußte denken: ob sie wirklich alles, all das Schwere offen für mich wagt? O. dann liebt sie mich mehr, als Frauen sonst lieben können. Und daun ist sie alles wert, alles! — Doch er sagte nichts. Er wartete. Er wollte warten, bis sie selbst mit jener verschämten und wohl auch angstvollen Kunde zu ihm käme . . . Ihr Glück aber war noch ohne Klage. Und jubelte mit ihm so sinnentoll durch seine Zimmer, daß ein singendes Echo aus allen Winkeln spielte: leise wie von gezirpten Geigensaiten ... Jetzt wußte sie, daß sie ihm das endlich sagen mußte. Ihre Worte würden hilflos nach einem ruhigen Tone suchen und würden zittern von all den Tränen, die sie in diesen Nächten klaglos stumm geweint. Aber sie war im tiefsten Innern voll froher Zuversicht: jetzt würde er zeigen, wie edel er war. Sie wußte ohne Zweifel, er würde in sie ihrer Not nicht allein lassen. Und heute noch wollte sie es ihm sagen. Heute, da er zum erstenmal im Wagen aus sie wartete, draußen bei dem Christusbilde. Nein, gewiß im Schlitten. Denn alles lag voll hohen Schnees. Und alles war in der kleinen Stadt wie in einem altfränkisch koketten und putzigen Zuckerkunstwerk vom Konditor. Die niedrigen und die höheren Häuser, die Kirche mit ihrem spitzen gotischen Turm, der runder, gleichsam milder geworden war, die Laternen, die Bäume, die Brücke — alles so verwunschen zierlich, so hübsch artig modelliert vom Schnee. Man mußte es liebhaben. — Also richtig wartete er im Schlitten. Das war doch das helle Geläute von seinen Pferden! Diese Fahrt mußte schön werden! Warum sollte sie ihm auch diese kleine Bitte

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