Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 366 (sequence 6)
- Language
- German
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haben toit. die^ weitgehendsten Erleichterungen für -den Besuch der Anstaltgeschaffen, weil die Besucher in keinem Fall pekuniär geschädigt werden dürfen. Ehe die ersten Lehrer ausgebildet werden können, wird wenigstens noch ein Jahr vergehen. In der Zwischenzeit finb Schulverwaltungen, Lehrer und alle interessierten sonstigen Persönlichkeiten in der Lage, sich über das neue Unternehmen genau zu informieren. Wir würden uns freuen, wenn wir recht häufig in die Lage kämen, Auskunft zu erteilen. Dr. Eugen Katz, Syndikus der A. und F. Simonschen Stiftung. Arber das Srlbltbrmuhtlrin. Von F. Cohn. £s liegt mir durchaus fern, die Menschen in Klassen sondern zu wollen. Glücklicherweise gibt es keine haarscharfe Grenze darin. Talent, Wissen und Können, neben oftmals starkem Einschlag von Unverfrorenheit, heften den Erfolg an die Fersen einzelner. Der Erfolg ist meist von Standesbewußtsein begleitet — so paradox es klingen mag. Man fühlt seinen Wert und ist — ürst olass. So sehr 'ein Uebermaß von Standesbewußtsein dem Betreffenden eine oft unausstehliche Note verleiht — so ist ein völliger' Mangel daran ebenso unerfreulich wie beklagenswert Gerade bei Bekennern der jüdischen Religion fällt sowohl der Mangel als das Uebermaß an Standesbewußtsein, ins Auge. Einerseits das Prunken mit erworbenen Gütern, Titeln, Bekanntschaften — anderseits ein Sich-ducken, eine Demut — das Bestreben, nur ja nicht als Jude erkannt zu werden. Don den Eltern überträgt sich diese Art, seine Religion als etwas Ueberlästiges zu empfinden, auch auf die Kinder. Unsere Jugend hat in der Schule keinen ganz leichten Stand. Sie wird von den Mitschülern gehänselt, über die Achsel angesehen oder beneidet wegen glänzender äußerer Umstände. Mißachtet ob ihrer Zugehörigkeit zur semitischen Raffe. Unsere Kinder besitzen kein Rüstzeug, um Angriffe auf ihre Religion zurückweifen zu können. Sie haben oft nicht einmal minimale Kenntnisse der Grundzüge der Geschichte und des traditionellen Erbteils unserer Religion. Sie wissen lediglich, daß ihre Eltern sich bemühen, nach außen möglichst wenig die Zugehörigkeit zum Judentum sichtbar werden zu lassen. Unter diesen Umständen spielt das jüdische Kind eine klägliche Rolle unter seinen Mitschülern. Unsere Jugend besitzt kein Atom von Standesbewußtsein, aus dem ganz einfachen Grunde, weil ihrkeines anerzogen worden. Betrachten wir ein wenig den Werdegang des jüdischen Kindes. Nachdem es geboren, wird ihm oft ans Pietät gegen nahe liebe Angehörige ein alttestamentarischer Name beigelegt. Dann geht der Vater aufs Standesamt und gibt nicht diesen, sondern einen anderen Namen auf, der gang und gäbe ist. — Erst bei der Konfirmation, oder Lar Wrwa hört der jüdische Knabe seinen jüdischen Namen! In der Schule litt er oft unter seinem jüdisch klingenden Familiennamen — nun hat er gar noch einen solchen Vornamen! Zum Glück braucht er ihn nicht aus der Versenkung hervorzuholen — er bleibt verborgen. Sobald der Knabe, das Mädchen heränwachsen, macht sich die Eigenschaft als Jude geboren zu sein, in anderer Weise fühlbar. Auf der Universität ist der Studiosus von den meisten Kouleurverbindungen ausgeschlossen. Als ans . gehender Philologe winkt ihm keine staatliche Anstellung — die Beamtenkarriere ist ihm verschlossen. Die Militärjahre sind dem jungen Manne eine Quelle oft unerträglicher Demütigungen und Zurücksetzungen, ich verweise aus den vor kurzer Zeit stattgefundenen Selbstmord eines Einjährigen, infolge fortgesetzter Quälereienseines Hauptnranns. An Avancement ist nicht zu denken, höchstens winken ihm die Knöpfe als Gefreiter— also Fiasko auf der ganzen Linie — bloß weil er Jude ist. # Da gibts für Viele nur ein Mittel: Flucht. Uebertritt in eine andere Religion, um die Berechtigung zu erlangen, als vollgültiger Mensch und Staatsbürger leben zu können. Den Mädchen gehts nicht viel besser. - Wenn das junge Mädchen die Laufbahn als Lehrerin einschlägt, ist die Hoffnung auf eine Anstellung als Lehrerin in einer städtischen oder staatlichen Schule meist eine — Illusion. Also Privatstunden oder Erzieherin, beides schwer zu habeu als Jüdin. Ein Hungerdasein ist das Endziel. Als kaufmännisch Angestellte sind die Stellen, in welchen Jüdinnen placiert werden, in der Minderzahl; von Beobachtung irgendeiner Neligionsvorschrift kann keine Rede sein. Auch sie empfindet ihre Religion als unnützen Ballast. Wenn nun beim Lesen der massenhaften Uebertritte ein höchst beschämendes Gefühl uns überkommt, dann ist nicht unsere Jugend an. diesem Jndifferentismus gegen die angestammte Religion schuld, sondern die Eltern sind es. Wenn hingegen unsere Kinder ihre alttestamentarischen Namen stolz tragen würden, wie es die Kinder der Engländer, Amerikaner, Schweden und anderer Nationen auch tun, wenn sie gewöhnt wären, die jüdische Geschichte ebenso, genau zu studieren, wie die griechische oder römische — dann würden sie stolz sein auf ihre Abstammung. Stolz auf den Heroismus des an Zahl so kleinen Volkes, das in seinem alten Testament dem Christentum und Mohammedanismus die Richtung gegeben. ° Das Interesse des Kindes muß in seiner frühesten Jugend für die Leuchten in Wissenschaft, Kunst und auf andern Gebieten, wo Bekenner des Judentums sich hervorgetan — entfacht werden. Aus der Vergangenheit lernen wir die Gegenwart kennen. Also vor allen Dingen ein ergiebiger jüdischer Geschichtsunterricht tut dem jüdischen Kinde not. All dieses, im Verein mit der vollen Kenntnis des tiefen ethischen Wertes des jüdischen Religionsgesetzes, wäre allein imstande, unsere Jugend zu begeisterten Bekennern des Judentums zu erziehen und dem Abfall von unserer Religion einen Hemmschuh.anzulegen. Die Einrichtung von Vorträgen und die damit verbundene Diskussion, ausschließlich für junge Männer und junge Mädchen, nach Art unserer Geschichts- und Literaturvereine, wäre ein weiterer Schritt, auf die jüngere Generation erzieherisch zu wirken. Fort mit den Mitzbrsuchen bei der Lelchneidung. EinWeckrnf von Dr. med. Car l Alexander in Breslau, y Mit einem einleitenden Bericht von Rabbiner Dr. Guttmann. In der Anlage übersende ich Ihnen einen Aufsatz des vr. med. Carl Alexander von hier, den er auf meine Veranlassung verfaßt hat. um als Fachmann und als geradezu enthusiastischer Bewunderer der Mila-Jnstitution vor den Gefahren zuwarnen, di<mit dem Mißbrauch der Meziza verknüpft sind. i) Vgl.: „Die hygienische Bedeutung der Beschneidung". Nach einem, im literarischen Verein der Synagogengemeinde zu Breslau gehaltenem Vortrag. Breslau 1902. Der obenstehende Aufsatz ist schon vor Jahren eingesandt worden. Die Red. WM '-■A