Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 365 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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gefördert. .Von Anfang an aber dachten wir an eine Zentralisation dieser Bestrebungen. Und wie wäre eine solche besser möglich, als dadurch, daß die abgehenden Seminaristen und jüngeren Lehrer Gelegenheit erhalten, sich einheitlich für die Erteilung von Arbeitsnnterricht vorzubilden? Die Versendung des erwähnten Fragebogens verfolgte den weiteren Zweck, die Bedürfnisfrage für eine der Lehrerbildung dienende Anstalt zu beantworten. In dankenswerter Weise hat uns der Vorstand des „Verbandes jüdischer Lehrervereine im Deutschen Reich" bei dieser Enquete unterstützt, so daß nur ein geringer Prozentsatz der an etwa 1600 jüdische Lehrer versandten Fragebogen unbeantwortet blieb. Das Ergebnis war, daß viel mehr Interesse für Werkunterricht in den Kreisen unserer Pädagogen vorhanden ist, als wir vorauszusetzcn wagten, so daß wir an die Gründung einer besonderen Lehrcranstalt, die dem Gedanken der Arbeitsschule dienen soll, mit guter Hoffnung herantreten konnten. Wenn von dieser geplanten Gründung in der Zwischenzeit nichts weiter verlautete, so geschah das aus dem Grunde, weil wir das Ende der Verhandlungen mit einer Stelle abwarten wollten, die von Anbeginn der Sache freundlich gegenüberstand, nämlich der preußischen Negierung. DerGedanke,inunserem Nachwuchs die Fähigkeiten wieder zu erwecken, die durch eine lange, unglückliche Geschichte verloren gegangen waren, hat nämlich erfreulicherweise gerade dort Entgegenkommen gefunden, wo bisher jüdische Bestrebungen anscheinend wenig Unterstützung fanden. Wir können heute die Mitteilung machen, daß der preußische Domänenfiskus unserer Stiftung ein äußerst wertvolles Grundstück in der Größe von annähernd 5 0 Morgen zu günstigen Bedingungen für die Dauer von 60 Jahren in Erbbaurecht überwiesen hat. Dort soll die geplante Anstalt entstehen. Weiterhin haben in der Zwischenzeit mehrere große Korporationen die Unterstützung des Unternehmens zu gesagt, so daß wir in der Lage sind, etwas Großzügiges zu schaffen. Die neue Anstalt wird neben den Lehrräumen aus großen gärtnerischen Anlageu, Werkstätten und Sammlungen bestehen. Sie liegt eine Viertelstunde von der Stadt Peine entfernt, die von Hannover in 35 Minuten Bahnfahrt zu erreichen ist. Es ist vorgesehen, daß die Lehrer, welche die Anstalt besuchen, in Peine privat wohnen, während für die Hauptmahlzeiten in der l Anstalt selbst Sorge getragen werden soll. Am ehesten haben solche Lehrer auf Aufnahme Aussicht, die sich einem, einjährigen Kursus zu unterziehen bereit sind; daneben finden auch halbjährige Kurse und für Spezialzweige unter Umständen Ferienkurse statt. Längere Kurse können unter Umständen auf zwei aufeinander folgende Jahre verteilt werden. Lehrer, die aus eigenen Mitteln oder aus Mitteln interessierter Gemeinden oder Korporationen die Anstalt nicht besuchen können, sollen bei uns nicht nur kostenfrei unterrichtet, sondern während der betreffenden Zeit auch unterhalten werden. Die dadurch notwendigen sehr erheblichen Aufwendungen lassen sich nur durch die außerordentliche Bedeutung rechtfertigen, die der Verbreitung des Arbeitsunterrichts unter der jüdischen Jugend Zuzumessen ist. Die Ueberzcugung, daß wir in unserer Jugend neben dem Wissen auch das Können entwickeln müssen, wächst ständig. Früher hat es die Lehrerschaft als eine Art beleidigende Zumutung empfunden, den Werkstättenuntcrricht und seine Verbindung mit Naturkunde, Rechnen, Zeichnen usw. als eine ihrer würdige Betätigung anzusehen. In neuerer Zeit aber hat die Fröbel-Pestalozzische Methode immer sieghafter auch von der Volksschule Besitz ergriffen. Es sind in Deutschland gerade die fortschrittlichsten Schulverwaltungen — man denke an Kerschen steiner in München — die der Arbeitsschule mehr und mehr Konzessionen machen; die Arbeitsschule ist gerade in den großen Städten in einem Siegeslauf begriffen. Unserer jüdischen Jugend tut eine harmonische Ausbildung von Körper und Geist ganz besonders not. Wie die Ergebnisse der Berufszählung von 1907, soweit sie bisher veröffentlicht sind, beweisen, wächst, insbesondere bei unseren weniger bemittelten Glaubensgenossen, das Interesse an Berufen, die außerhalb des Handels liegen. Kaum 48 Prozent der berufstätigen Juden in Preußen sind hauptberuflich noch im Handel tätig. Und brauchen wir noch darauf hinzuweisen, daß auch bei .unseren östlichen Glaubensgenossen das Interesse an gewerblicher Arbeit, ebenso an Berufen, die mit dem Boden innig verknüpft find, für ihre wirtschaftliche und soziale Lage von der größten Bedeutung wäre? Der Gedanke der Arbeitsschule ergreift auch bereits unsere jüdischen Erziehungsanstalten. Nachdem in Ahlem die ersten Erfahrungen gemacht wurden, hat allein unsere Stiftung im Laufe von nicht drei Jahren den Arbeitsunterricht an zahlreichen anderen Anstalten eingeführt. An unser Bureau treten oft Anfragen heran, ob wir für zu besetzende Stellen im Arbeitsunterricht vorgebildete Lehrer empfehlen können. Auch korrespondieren wir öfters mit jüdischen Lehrern, die an Fortbildungsschulen augestellt sind. Und was gerade das Fortbildungs-Schulwesen betrifft, so hat dem Unterzeichneten eine maßgebende amtliche Persönlichkeit in Berlin erklärt: Lehrer, die unsere Anstalt besucht hätten, würden ohne weiteres einen Vorzug bei der Anstellung für Fortbildungsschulen besitzen. Mancher israelitische Lehrer auf dem Lande oder in kleinen Städten kann Kenntnisse im Gartenbau höchst nützlich verwerten. Die Lehrerschaft kann also damit rechnen, daß unsere geplanten Kurse dem angehenden wie auch dein im Amt befindlichen Lehrer.eine vielseitigere Verwendung feinet: Kräfte ermöglichen, daß sie auch seiner persönlichen Stellung immer mehr zugute kommen werden. Machen wir uns ein Bild, wie die neue Anstalt aussieht. Sie steht inmitten ausgedehnter Anlagen, wo Obst- und Gemüsebau nach verschiedenen Systemen betrieben werden: feldmäßig, gartenmäßig und besonders in Schulgärtenb Gehölzpflanzungen zur Zierde itub zu botanischen Lehrzwecken botanischen Lehrzwecken, botanische Abteilungen überhaupt Alpinum, Baumschule usw. sind vorgesehen. Dazu kommen Werkstätten für Handfertigkeits-Unterricht. Modellieren, Schnitzen, Papparbeit, Hobelbankarbeit, Metallarbeit usw. werden hier betrieben. Unter pädagogischer Leitung wird der praktische Unterricht von Fachleuten erteilt. Dazu kommen Kurse in Zeichnen, in allen Zweigen der Naturwissenschaften in der Pädagogik des Arbeitsunterrichts usw. Sollen doch die Kursisten nicht nur in die Lage kommen, später selbst praktischen Unterricht erteilen zu können, nein, durch ihre ganzen Lehrstunden überhaupt soll sich der Gedanke des Arbeitsunterrichts, wie ein roter Faden hindurchziehen. Nicht ohne genaue Ueberlegung und unter Kenntnis mancher Schwierigkeiten hat sich die Simonsche Stiftung zur Gründung der Anstalt entschlossen. Die vorhandenen Seminare und Kurse können ihrem ganzen Charakter nach nur Unzureichendes für den Gedanken der Arbeitsschule leisten. Dieser Umstand hauptsächlich hat uns bestimmt, mit einer eigenen Gründung vorzugehen. Wir wissen aber auch, daß junge Lehrer möglichst bald ins Amt wollen, daß im Amt befindliche Lehrer oft nur dann Urlaub erhalten, wenn sie einen Ersatzmann stellen. Um diesem Umstand Rechnung zu tragen