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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-08-05 · Heft 31 (5.8.1910) · p. Seite 363

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 31 (5.8.1910)
Date
1910-08-05
Page
Seite 363 (sequence 3)
Language
German
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darstellen, wo man bisher für derarnge Reformen kein Verständnis hatte. Mr. Montefiore ist soeben aus Amerika zurückgekehrt, wo er sich einige Zeit aüfgchalten hatte, um die verschiedenen Resormgemeinden kennen zu lernen und einen passenden Rabbiner ausfindig zu machen, den er in England nicht auftreiben konnte. Das „.Tewish Chronicle“ m-eldet: Der bekannte Zionist und Schriftsteller Israel Zangwill hat mit der Regierung Westaustraliens wegen Ankaufs von einer Million Acres zur Gründung einer jüdischen Änsiedlung verhandelt. Zangwill selbst bestätigt diese Nachricht mit dem Hinzusügen/ daß eine Million Acres nicht hinreichen zur Verwirklichung seiner Absichten. Zangwill gehört zu der Gruppe von Zionisten, die die Jerusalemer Spekulationen für aussichtslos halten, und daher nach anderen Gebieten für umfangreiche Judenansiedlungen Umschau halten. So war er vor einigen Jahren der eifrigste Verfechter des Gedankens, das Uganda-Gebiet in Afrika der jüdischen Kolonisation zugänglich zu machen. ' * Ueber das neue von dem „Verein zur Erhaltung der jüdischen Altertümer in Böhmen errichtete jüdische Museum in Prag veröffentlicht die „Franks. Ztg." einen anziehenden Artikel, in dem es heißt: Es ist nicht groß, dieses jüdische Museum, und enthält nur einen Bruchteil alles dessen, was der Erhaltung wert gewesen wäre, aber immerhin bietet es für. Forscher und Laien sehr viel Interessantes und Sehenswertes. Einzelne Gegenstände reichen bis an das Ende des 16. Jahrhunderts zurück; sie entrollen die eigenartige und wechselvolle Geschichte des Prager Ghettos, die mühevolle Entwicklung der Juden aus der Enge des Ghettos zur bürgerlichen Freiheit.. Mit besonderer Sorgfalt wird hier eine Urkunde Kaiser Josephs II. aufbewahrt, die.mit den strengen Ausnahmegesetzen brach und dem Michael Jeiteles die Errichtung einer Apotheke gestattet; es war dies wohl das erste Apothekerprivileg eines Juden in Oesterreich. Die Druckschriften und Schriftdenkmäler, unter denen sich viele interessante Flugschriften befindelt, würden eine genaue Durchsicht lohnen. . . Mein Auge fällt da z. B. auf eine Sammlung deutscher Psalmen aus denl Jahre 1757, die in der „Alt-Neuschul" gebetet wurden, als Friedrich der Große Prag bedrohte. Sehr reich ist das Museum an Kunstschätzen, denn es vereinigt nicht nur die alten Tempelgeräte aus den aufgelassenen Synagogen des Ghettos, sondern auch viele wertvolle Objekte,, die bisher in Privatbesitz sich befanden. Wundervoll dekorativ wirken die Paramente, von denen einzelne mehr als 250 Jahre alt sind. ' Es sind Meisterwerke der Goldstickkunst, wie die schön gearbeiteten Schabbcslampen und -leuchter beachtenswerte Stücke der Goldschmiedekunst darstellen. Historisch interessant ist die Riesenfahne der ehemaligen jüdischen Fleischerzunst, ein Koloß von einer Standarte, die von zwölf Männern getragen werden mußte und bei der Verteidigung der Prager Altstadt gegen die Schweden manche Wunde erhielt. Die Fahne zeigt auf der einen Seite den böhmischen Löwen, auf der anderen das Prager Stadtwappen. Auch das Zunftzeichen der Fleischer ist sehenswert: ein großer hohler Zinnschlüssel mit Inschriften, der als Futteral für die silbernen Schlüssel zu den Toren der Judenstadt diente. Dieses Stück stammt aus dem Jahre 1620. Auf die alten jüdischen vornehmen Geschlechter weisen ein Aufsatz der Bundeslade aus der Joachim Edler v. Popper-Synagoge, der mit dem Wappen dieser Familie geschmückt ist, sowie die zahlreichen Porträts jüdischer Notabeln, die die Wände des Museums schmücken. Italienische Arbeit sind einige künstlerisch ausgesührte Gebetrollen, die das Datum 1680 tragen. Auch eine Reihe prächtiger Estherrollen (Megilloth) ist hier zu sehen, unter anderem auch ein auf Papierstreifen angefertigtes, mit Holzdruck geschmücktes Exemplar, das schön wegen seiner originalen, von aller Tradition abweichenden Form. Interesse verdient. Einen ganz eigenen Reiz üben die in einer Vitrine verschlossenen stilvollen Gold- und Silbergeräte. Ta sieht man Kidduschbecher in den verschiedensten Formen, Sammelbüchsen, Teller, Kannen, Becken, Th0radeuter, einen schweren silberpen Habdalahleuchter aus dem Besitz der ehemaligen „Zigeiner"-Shnagoge und Gewürzbüchsen in den anmutigsten Formen.. Unsere modernen Kunstgewerbler würden hier zweifellos manche Anregung empfangen... Auch schöne alte Geldstücke und Ringe findet man unter den Museumsobjekten; ein Goldring mit Onyxstein, offenbar italienische Arbeit, trägt die Inschrift: „lehadlik ner schel schabos“. So reich dieses Museum auch heute schon ist. so bildet es doch erst den Ansatz zu einer vollständigen Sammlung der Prager jüdischen Altertümer. Es wäre nur zu wünschen, daß es dem Museum gelänge, auch die in den anderen Prager Sammlungen und im Privatbesitz verstreuten Antiquitäten aus dem Prager Ghetto an sich zu bringen. Moritz Manheimer. ines der ältesten Mitglieder des Repräsentantenkollegiums, der Senior in den verschiedensten Wohltätigkeitsanstalten der Berliner Gemeinde, geht nunmehr in sein 85. Lebensjahr. Trotz seines hohen Alters sehen wir ihn heute noch in jugendlicher Frische mit besonderer Pflichttreue seiner Ehrenämter walten und mit vorbildlicher Pünktlichkeit in den Sitzungen erscheinen. Moritz Manheimer wurde am 1. Mai 1826 in Gommern bei Magdeburg geboren. Der Vater war Vorbeter und Religionslehrer bei der dortigen kleinen, aber nach damaligen Verhältnissen wohlhabenden Gemeinde. Als jüdischer Gelehrter und Kenner des hebräischen Schrifttums hatte er öfter bei Differenzen, die in den umliegenden Gemeindrn entstanden, sein Gutachten abzugeben. Mit fünf Jahren besuchte der Knabe die Gemeindeschule, ging dann ineine private konfessionslose Schule, wo es ihm gelang, mit 12 Jahren Erster in der Klasse zu werden. Im Jahre 1840 trat er in das Manufakturwarengeschäst seines um 11 Jahre älteren Bruders Valentin ein, das dieser in Berlin unter den bescheidensten Verhältnissen eröffnet hatte. Das Geschäft nährte bei den damaligen geringen Ansprüchen seinen Mann. Die Spesen waren gering, die Miete für den kleinen Laden betrug jährlich 220 Taler. Das Geschäftspersonal bestand nur aus den beiden Brüdern, die so fleißig und tüchtig waren, daß das Geschäft bald in die Höhe kam und. nach nicht langer Zeit, als das erste in seiner Branche bezeichnet werden konnte. Es besteht noch heute unter seiner ursprünglichen Firma V. Manheimer unter der Leitung eines Enkels Valentins. Im Jahre 1872 trat Moritz Manheimer aus dem Geschäfte aus, um sich gänzlich den Wohltätigkeitsanstalten widmen zu können, da nach seinem Dafürhalten eine ersprießliche Wirksamkeit in den Gemeindeanstalten mit einer angestrengten geschäftlichen Tätigkeit sich nicht gut vereinigen ließ. Aus diesem Grunde hatte Moritz Manheimer bis dahin jedes ihm angebotene Ehrenamt abgelehnt. 1878 wurde er in das Repräsentantenkollegium gewählt und betrachtete es als feine hauptsächliche Aufgabe, auf dem Gebiete der Wohltätigkeitspflege sich nützlich zumachen, praktisches Judentum zu üben und gemeinnützige Einrichtungen erstehen zu lassen. Er ist ein Wohltäter großen Stils, dessen Schenkungen im Laufe eines Menschenalters die Summe von 11/2 Millionen überstiegen haben. Die Stiftungen und Wohltätigkeitsvereine der Berliner Gemeinde, denen er größere Zuwendungen machte, find folgende: Alterversorgungsanstalt, die gegenwärtig drei getrennte Häuser mit 320 Hospitaliten besitzt, das Hospital, das Krankenhaus, die Lungenheilstätte Vogelfang; das Kindergenesungsheim im Soolbad Elmen; Gesellschaft

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