Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 31 (5.8.1910)
- Date
- 1910-08-05
- Page
- Seite 362 (sequence 2)
- Language
- German
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und leicht faßlich geschriebener Aussätze mit den notwendigen Quellenangaben am Schlüsse jedes Artikels. Die Sammlung soll das ganze Problem „Judentum", alle seine Gebiete aufarbeiten und behandeln: Politik und Soziologie, Rasse und Religion, Wissenschaft und Kunst, Handwerk und Ackerbau, Händel Und Industrie, mit einem Wort, alles, was das Judentum betrisst unb wo es betroffen wird. . Dieses Handbuch müßte dann um den denkbar billigsten Preis ve r k auft, oder b e s s er ge sagt verschenkt werd e n; es dürfte in keinem besseren Judenhause fehlen. . Sollte diese Arbeit wirklich unübersteiglichen Hinderniffen begegnen? Bei gutem Willen gewiß nicht. Das Schwierigste ist die Geldbeschaffung; aber ich zweifle keinen Augenblick an dem Erfolg des Bemühens, wenn von allen Seiten begeistert an der Durchführung gearbeitet wird. - Der Verband der Deutschen Juden hat meinem Antragmit freundlichen, unverbindlichen Worten zugestimmt, seine Durchführung jedoch momentan ab gelehnt. Darauf habe ich am Schluffe eines Vortrages, den ich auf Einladung der „ O est-e r r e i ch is ch - I s ra e li t isch en Uni o n " am 31/Januar l. I. in Wien hielt, diesem Rechtschutzvereine den Plan vorgelegt. Nun erhielt ich folgendes, zwar nur von dem Sekretär der Union, Herrn S. Fleischer, unterfertigtes, doch sicherlich offizielles Schreiben des Vereins vom 18. März 1910: „Euer Ehrwürden! Die zweite Korrektur Ihres Vortrages wird Ihnen direkt von der Druckerei zugehen. Die „Union" wird die kostenlose Herstellung von 1000 Separatabzügen besorgen und sich wegen der Durchführung Ihrer Idee betreffend eines apologetischen Handbuches mit dem Verbände der Deutschen Juden, dem Hilssvereine der Deutschen Juden, ferner mit englischen und amerikanischen Institutionen in Verbindung setzen." . Somit ist zu hoffen, daß mein Antrag auf Herausgabe eines apologetischen Handbuches des Judentums doch recht bald in ernstliche Beratung gezogen wird im Kreise der dazu berufenen Korporationen. An Stelle des Deutschen Hilssvereins dürfte vielleicht der Gemeindebnnd und der Zentralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens treten, wie auch die L'oai Lritd-Organisationen in Amerika und Europa zu dieser eminenten Kulturarbeit im Dienste des Judentums herangezogen werden müßten. Es erübrigt von meiner Seite nur noch die Bitte an alle maßgebenden Faktoren, die Idee sowohl in geistiger wie auch in materieller Hinsicht rühmlichst zu verwirklichen. Wird es der Judenheit des ersten Viertels des 20. Jahrhunderts gelingen, das apologetische Handbuch des Judentums zu schaffen, in gute Wege zu leiten, so sichert sie sich ein Ruhmesblatt in der Geschichte unserer Glaubensgemeinschaft und die Dankbarkeit aller, die in der Verbreitung wahrer Erkenntnis die höchste Gewähr sehen für den Frieden und das einträchtige Zusammengehen der gesamten Kulturwelt. Die Woche. Berlin, 2. August 1910. enn man auch beim Wetter die Hundstage wenig bemerkt, den Ferienreisenden zum Schmerz, den Zurückgebliebenen zum Trost, so herrschen die Hundstage im politischen und öffentlichen Leben. Die neuen Minister haben ihre Tätigkeit noch kaum begonnen, Bankzusammenbrüche und große Defraudationen, die die sommerliche Stille unterbrechen^ haben glücklicherweise, nichts mit Juden zu tun. * In Rußland wird das schmachvolle Treiben freilich fortgesetzt. Die„N. J. K. " berichtet: Im Gouvernement Jekaterinoslaw wurden in letzterZeit wiederum neue Massenausweisungen in die Wege geleitet. Die Gouvernements« behörde ist eifrig an der Arbeit, neue Proskriptionslisten aufzustellen. Mit dem Landflecken Popelnasty wurde bereits der Anfang gemacht, indem aus demselben elf,Familien ausgewresen wurden. — Eifrig wird das patriotische Reinigungswerk am Rigaer Strand betrieben. Aus Bilderlingshos wurden 60 jüdische Familien ausgewiesen, denen zu Beginn der Saison ausdrücklich das Aufenthaltsrecht bewilligt worden war. Auf Grund dieser Bewilligung hatten sie die Miete, wie üblich, für die ganze Saison im voraus bezahlt. — Der Twerer Gouverneur hat vom Ministerium des Innern ein Rundschreiben erhalten, in-welchem ihm. vorgeschriebeiüMrd, das Wohnrecht der Juden in seinem Gouvernement einer strengen Prüfung zu unterziehen und sämtliche wohnrechtslosen Juden innerhalb eines Monats nach dem Ansiedtungsrayon abzuschieben. — Das Neueste auf dem Gebiete der Ausweisungspraxis ist die Leistung des berüchtigten! Jaltaer Stadthauptmanns, General Dumbadse. Dieser energische Machthaber hat es einfach fertiggebracht, die jüdischen— Soldaten: des Jaltaer Garnisonregiments aus dem Kreise Jalta auszuweisen. Hierauf erklärte er stolz: „Nun gibt es keine Juden mehr in der Jaltaer Garnison!" * \ . In der Bukowina kommt es zwar nicht zu Ausweisungen und Gewaltmaßregeln, aber zu höchst beschränkenden Bestimmungen. Es ist sehr erfreulich, daß sich gegen solche Rechtsbeugung der Widerstand im eigenen Lande regt. Ueber beides: Bedrückung und Abwehr, entnehmen wir der angeführten Quelle.nachstehendes: In der Frage der Erteilung von Schankkonzessionen hat die Bukowinaer Landesregierung eine antisemitische Gesinnung an den Tag gelegt, deren sich selbst die galizischen Landesbehörden, die als judenfeindlich verschrien sind, nicht rühmen können. Entgegen dem Beschlüsse der galizischen Statthalterei, den Gemeinden als solchen,, im Falle einer Bewerbung um Schankkonzessionen, die Konzession: nicht zu erteilen, beschloß der Landesausschuß sämtlichen Gemeinden: die angesuchte Konzession zu bewilligen. Ein derartiger Beschluß: seitens der höchsten Landesbehörde, der nicht unbekannt ist, in welch, trostloser Lage sich die jüdischen Schänker befinden würden, wenn: ihnen auf diese Weise die Existenz g eraubt wird, ist eine rücksichtslose Herausforderung der jüdischen Bevölkerung. Auf Initiative des Reichsratsabgeordneten Tr. Straucher fand am 18. v. M. in Czernowitz unter dem Vorsitz des Großgrundbesitzers H. Weißglas eine Versammlung mehrerer Gutsbesitzer und Gutspächter statt, welche sich mit der Frage einer Sanierungsaktion zugunsten der Juden der Bukowina beschäftigte. Die Herren Dr. Straucher und Dr. Diamant wiesen in ihren Referaten ziffernmäßig nach, daß kaum 10 Prozent der jüdischen Bevölkerung der Bukowina feste Berufe haben, die übrigen 90 Prozente von der Hand in den Mund leben, also „Lustmenschen" seien und einer völligen Proletarisierung entgegenschen. Sie redeten daher einer Zuführung der Juden zum Ackerbau das Wort und machten nach dieser Richtung hin verschiedene Vorschläge. Die Versammlung schloß mit der Wahl eines Komitees, welches die Ausgabe hat. sich mit dieser Frage eingehend zu beschäftigen. Aus England kommt eine erfreuliche Kunde: Die Reformpartei, deren geistiger Führer Claude G. Montefiore ist, hat ein großes Gebäude in der vorzugswsise von reichen Juden bewohnten Park Lane-Viertel gekauft. Das Gebäude wird in eine Synagoge verwandelt, die vor den großen Feiertagen eröffnet werden soll. Der Gottesdienst wird fast ausschließlich in englischer Sprache stattfinden und die Richtung im allgemeinen die der äußersten Reform in Amerika sein. Die Synagoge wird ein Novum in England