Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- Seite 358 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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358 K M KM?^l- -M WM'. oft Stiefel und Sporen von seinem Wesen ab. Manchmal — so wie jetzt, als .sie weiter Arm in Arm durch die vielgewundenen Gänge des großen Parkes schritten — hatte er auch eine geradezu unabweisbare Sehnsucht, in diesem lieben schönen Mädchen, daß sich mit ihrem ganzen Leben an ihn hing, mehr zu sehen als eine schnell genossene und schnell abgetane Geliebte, die einfach der neuen Platz zu machen hat. All seine Kindeseinsamkeit und sein heimliches Betteln um ein bißchen echte Liebe und Güte war in dieser Sehnsucht. Nur einmal einen Menschen haben, gegen den man nicht ununterbrochen, auch in der scheinbar intimsten Nähe und Vertrautheit, auf der Lauer liegen muß, nur einmal ganz fraglos vertrauen und sich hingeben und eins sein mit einem anderen! Aus diesem ihm nicht ganz klaren, aber starken Gefühle heraus konnte er in manchen Stunden sie recht innig in die Arme nehmen und seinen Kopf wie ein kleines Kind, das sich ausweinen will, an ihre Brust legen. Dann war er auch im Innersten von seiner Liebe überzeugt. Und aus solcher Ueberzeugung klangen auch jetzt seine Worte, als er den Druck ihres Armes stärker verspürte, wie ein Anklammern. „Eigentlich," sagte er und blieb unter den Laubengehängen stehen und nahm ihren Kopf in beide Hände, „eigentlich bist Du doch meine gute liebe kleine Frau." Und küßte sie: Nichts sprach sie, keine Frage nach einem „wann?", keine Bitte um ein Versprechen, wie jene Krämernaturen, die cs sich möglichst schriftlich geben lassen. Sie sprach kein Wort. Aber unsäglich glücklich machten sie seine Worte. Noch glücklicher war sie als in den wildesten Gluten ihrer Liebesstunden, von jenem Glück der tiefsten Seligkeit, die nicht mehr weiß, was Ich und Du. Ganz still legte sie ihr Köpfchen an seine Schulter und mußte wieder weinen. Da bog er sie zurück und lachte grell und scharf auf, daß sie züsammenzuckte. „Was hast Du nur?" fragte sie noch ganz erschrocken, und alles Glück war jäh aus ihrem Blick gewichen. „Ich mußte so lachen, weil ich eben daran dachte, was nur Dein verehrlicher Herr Papa, der Rabbiner Leon zu diesem gottlosen und unehelichen Schwiegersohn sagen könnte. Müßte ein Hauptspaß sein. ' „Aber mein Diego, wenn ich Dich doch so lieb habe." „Na ja, natürlich. Aber lassen wir das sein. Es ging mir nur gerade so durch den Kopf." Und sie schritten weiter, den langen Laubengang hindurch. Alle Wut und aller Haß und wilder Trotz gegen diese ganze jüdische Gemeinde seiner Heimatstadt war wieder in ihm aufgestiegen. Es war ihm, als ob jeder Tag seiner Jugend nach irgendeiner besonderen Rache schrie mit den, furchtbaren Barbarenwort: Auge um Auge, Zahn um Zahn . . . Sein Wohltun, seine. vielen Stiftungen waren Rache. Aber noch andere deutlichere suchte er. Und sein Blick glitt über das Mädchen hin, in dem noch immer ein wenig sein grelles Lachen und seine seltsamen und doch im Grunde beglückenden Worte nachzitterten. Aber es war, als ob in seinem streifenden Blicke plötzlich jener alte Kinderhaß wie mit einem Tigersprunge lauerte . . . Und jäh — einen einzigen Augenblick lang — wußte er die Deutung des grausamen Satzes: Auge um Auge — warum soll sie nicht werden wie Deine Mutter! — Doch er konnte es nicht weiterdenken, was er schon oft zu denken begonnen. Es war nur jener Tigersprung des asses . . . Aber wie Recha am Ende des Lyubenganges mit ihrem Haar an einem blutrotens Geranke wilden Weines hängen blieb, riß er die Ranke mit einem Ruck herunter und wand sie ihr ums Haar und um den Hals. „Wie schön Du so bist!" sagteer. Sie wurde wieder ganz glücklich. Und er küßte sie erstickend. Nun schlang gleichzeitig seine Hand, die gewissermaßen außerhalb seines leitenden Bewußtseins lag. die rote Ranke um ihren Hals, als ob er sie erwürgen wollte ... Doch sie waren sehr glücklich in der wehmütig versonnenen Heiterkeit dieses Oktober. Und auch als der November kam und jeden Tag so dicht in Nebel hüllte, daß fast gar nichts von ihm zu sehen war, war ein Leuchten in ihnen. Und. die kleine Recha Leon trug dieses Leuchten in ihren Augen durch die dunklen Novembertage, daß man es fast hätte sehen müssen, statt des Tages. Aber Martha Leiser, die doch immer alles in der Stadt am besten und ersten wußte, sagte nur zu Florchen Cohn, wenn die Rabbinerstochter über die Straße zur Brücke hinunter grüßend an ihnen vorbeiging: „Komisch, die Recha geht sogar noch bei diesem Wetter so viel spazieren. Und ist es Dir nicht auch, Florchen, als ob sie den Kopf womöglich noch immer stolzer trägt? Und irgendeine neue Schleife oder sonst etwas anderes Neues hat sie auch immer an." Wozu bei Florchen der scharfgeschnittene Kopf wie ein richtendes Fallbeil ab und auf ging und sagte: „Du weißt doch, die muß immer ihr Besonderes haben." Recha aber dachte stets mit ihrem leuchtenden Blick: Ach wenn Ihr nur wüßtet! — Dann würdet Ihr mich beneiden und steinigen. Vielleicht aber nur beneiden, wenn —- Und das Unausgedachte verschwamm in dem Bilde, das wie eine nahe Fata Morgana sie selbst mit ihm im Wagen offen durch die Stadt fahrend spiegelte. Vielleicht aber auch nur steinigen, wenn — — — Und aus einem blutroten Nebel zuckten plötzlich tausend Arme hoch und stießen nach der hilflosen Ausgestoßenen . . . Schneller eilte sie über die Brücke nach dem Wald, in dem er gleich zu Anfang sie meist erwartete. Und sie warf sich mit so angstvollem Jubel in seine Arme, als griffen die tausend Arme in gespenstischer Verlängerung hinter ihr her, wollten sie würgen und wichen alle vor Don Diegos Gestalt. Ihr atemloser Jubel zwang ihn immer wieder ganz seltsam, lieb und zart und zärtlich zu ihr zu sein, sowie er es sonst gar nicht wußte, und wie er es manchmal sogar müde war, recht müde. Denn im Grunde war es viel leichter, mit jenen eleganten, fröhlichen Damen umzugehen, die man einlud, offen sich mit ihnen amüsierte, sie beschenkte, wieder entließ und andere einlud . . . Nun ja, dafür war das hier aber eine echte Liebe, eine ganz tiefe und reine Liebe. Und wenn sein Blick in der letzten Zeit hier und da fern von ihr wegging, zu jenen Damen — immer hielt ihn wieder die heiße Glut ihres Blickes. Und er ließ sich doch gerne halten, so ganz umschlingend fest, daß alles Harte in ihm weich wurde und zart. „Aber siehst Du — sagte er einmal recht unwillig, als er über eine halbe Stunde in dem nassen Novembertag auf sie warten mußte — ich könnte Dich doch ebensogut an der Landstraßenkreuzung im Magen erwarten, dort, wo das Christusbild steht!" „Doch wenn uns jemand sieht —" Aengstlich und bittend sagte sie es. „Ach was — das ist doch gleich!"