Mannheim
Compact Memory

Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · p. Seite 357

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 357 (sequence 9)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/3224737-3228907-3228938--66694-3278844
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

Verleumdungen Apions und der anderen Judenfeinde setzt er die Logik und den gesunden Menschenverstand entgegen. Er leugnet nicht alles in Bausch und Bogensondern weist zum Teil das Falsche der gegen die Juden erhobenen Angriffe nach, zum Teil klärt er die Außenwelt über manches Mißverständnis aus. Josephus begnügt sich nicht damit, die Verteidigung des jüdischen Volkes und des Judentums gegen gehässige Verleumdungen und gewiffenlose Lügen zu führen, er geht vielmehr bald zum Angriff auf das Heidentum und zur Hervorhebung der Vorzüge des Judentums über. So betont er besondersdaß das jüdische Volk hauptsächlich seine kulturelle Bedeutung in der Befestigung der sozialen Ordnung, der Gerechtigkeit und der Gesittung gesucht hat. Er weist nach, welchen erzieherischen Wert ein seit altersher als göttlich verehrtes Gesetz für das Volk hat. „Bei uns mag man den ersten besten über die Gesetze befragen, und er wird sämtliche Bestimmungen derselben leichter hersagen als seinen eigenen Namen. Weil wir nämlich gleich vom Erwachen des Bewußtseins an die Gesetze erlernen, sind sie in unsere Seelen sozusagen eingegraben. Uebertretungen kommen infolgedessen selten vor; zugleich aber ist auch jede die Abwendung der Strafe bezweckende Ausrede unmöglich gemacht. Dies vor allem hat die wundervolle Eintracht unter uns geschaffen. Denn eine und dieselbe Ueberzeugung von Gott Haben, im Leben und in den Sitten sich nicht voneinander unterscheiden — das bringt die schönste sittliche Uebereinstimmung unter den Menschen zustande. Wir sind die einzigen, bei denen man -keine sich widersprechenden Ansichten von Gott hört, wie solches vielfach bei den anderen Völkern der Fall ist, wo oft nicht nur der gemeine Mann seine unsinnigen Einfälle über die Gottheit verlauten läßt, sondern auch manche Philosophen das gleiche tun, indem die einen das Dasein Gottes üherhaupt zu leugnen sich erkühnen, andere wenigstens seine Fürsorge für die Menschen in Abrede stellen Auch in bezug auf die Lebensgewohnheiten sieht man bei uns keine Verschiedenheiten; vielmehr ist unser aller Tun ein gemeinsames, getragen von dem einheitlichen, dem Gesetze entsprechenden Bekenntnis, daß das Auge Gottes alles sieht." Die große Bedeutung des Judentums auf dem Gebiete der sozialen Gerechtigkeit hebt Josephus besonders hervor, indem er alle diesbezüglichen. Bestimmungen der Thora zusammenstellt. Bei dieser Gelegenheit unterläßt er es nicht, die Beziehungen der Juden zu der nichtjüdischen Welt nach der Sittenlehre Israels in ein Helles Licht zu rücken. Es sei bemerkenswert, meint er, wie der Gesetzgeber über die Pffichten der Juden gegen die Fremden gedacht habe. Wenn hin und wieder Anordnungen getroffen worden seien, die Israeliten von den Heiden im Leben abzusondern, so habe dies nur zum Zweck gehabt, daß die unter den Heiden eingewurzelte Sittenverderbnis nicht auch in das jüdische Volk Eingang finde. Sonst aber sei jeder Jude verpflichtet, auch dem Heiden stets hilfsbereit zu sein, jedem, der dessen bedarf- Wasser, Feuer, Nahrung zu verabfolgen; selbst dem Feinde im Kriege gegenüber milde zu verfahren. Ueberhaupt habe der Gesetzgeber den Juden so sehr Nächstenliebe und Güte zur Pflicht gemacht, daß er uns dies auch für das unvernünftige Tier befahl. „So hat er in jeder Beziehung sein Augenmerk auf Milde gerichtet, indem er die genannten Gesetze im Tone freundlicher Belehrung gab." Ein recht moderner Gedanke ist es, wenn Josephus (e. Ap. II, 31) sagt: „Nehmen wir nun an, unser Volk wäre nicht so allgemein bekannt, wie es jetzt ist- und man wüßte nichts von unserem Gehorsam gegen die Gesetze, sondern es würde jemand diese Gesetze, als selbst verfaßt, den Griechen vorlesen oder vorgeben, er habe jenseits der bekannten Crde Menschen getroffen, die eine solche erhabene Ansicht von Gott hegten und solche Gesetze seit Jahrhunderten treu beobachteten — würden da nicht alle darüber ... in Erstaunen geraten?" Es ist keine Frage, und Josephus hat dies richtig erfaßt, daß die meisten Angriffe auf das Judentum aus die unfreundliche Gesinnung gegen die Juden zurückzusühren sind. Deshalb bemühte sich Josephus überall, die gegen die Juden erhobenen Vorwürfe zu entkräftigen und die abfälligen Aeußerungen über das Judentum, welche aus Abneigung gegen die Juden getan wurden, als ungerecht zu kennzeichnen. Er tut dies, indem er den Verleumdern des Judentums ihre Unkenntnis und Böswilligkeit nachweist und die Lugenden der Juden hervorhebt. Er schließt seine Verteidigung mit den Worten: „Ich darf kühn behaupten, daß wir gar viele herrliche Tugenden bei anderen eingeführt haben. Denn nichts ist vortrefflicher als unwandelbare Frömmigkeit, nichts ein deutlicheres Zeichen der Gerechtigkeit als der Gehorsam gegen die Gesetze. Und was könnte es Nützlicheres geben, als gegenseitige Eintracht, daß es weder im Unglück zur Trennung noch im Glück zu übermütigen Zänkereien kommt, und als jene Gesinnung, die im Kriege Todesverachtung, im Frieden Lust am Handwerk und Ackerbau, überhaupt aber die Ueberzeugung bewirkt, daß Gottes Vorsehung alles in der Welt regiert? Wenn derartige Lehren bei anderen früher niedergeschrieben und treuer befolgt wurden als bei uns — gut, so sind wir als Schüler ihnen zu Dank verpflichtet; wenn sie jedoch, wie man sehen kann, bei uns am meisten das Leben beeinflussen, und wenn von mir dargetan wurde, daß auch ihre Entstehung uns zuzuschreiben ist, dann sind Menschen, wie Apion und Molon sowie alle, die am Lügen und Verleumden ihre Freude haben, als widerlegt zu betrachten." Es wäre in der Gegenwart eine in jeder Hinsicht sehr nützliche und dankenswerte Arbeit, aus Josephus Schriften das apologetische Material zusammenstellen und es in einem Volksbuch zu verarbeiten; es würde daraus für Juden und Christen viele Belehrung über das Judentum hervorgehen. Noch mehr aber wäre zu wünschen, daß nach dem Muster des Josephus eine volkstümliche Apologie der Juden und des Judentums geschrieben werde, welche die modernen Zustände zu behandeln hätte, und deren Hauptvorzug darin zu suchen wäre, daß sie viel gelesen werde und so die gewünschte Wirkung tue. MÜlLLeCnil Dir Mggrweibrr. Novelle von Joachim Friedenthal. VI. la, ich entsinne mich. Und Du wartest auf die Erlaubnis der Regierung." (Niedlich war's, wie so schnell eine Art hausfraulichen Interesses in ihr wach wurde.) „Ja, ich warte. Aber mir scheint's, ich kann lange warten. Dir kann ich's ja sagen: als jüdischer Grafschaftsbesitzer erhält man die Erlaubnis nicht so ohne weiteres. Aber ich werde sie doch erhalten. Im Grunde kann ich darauf auch pfeifen. Wir haben es wahrhaftig nicht gerade nötig!" So wie er jetzt — und manchmal, aber doch selten — zu ihr sprach, war es, als hätte er gewissermaßen Stiefel und Sporen und Kavaliersanzug abgelegt und stände im Hausrock vor ihr mit vertraulicher Behaglichkeit. Aber er legte nicht

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.