Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- Seite 356 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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uüd er wußte auch ihren hohen Wert zu schätzen. Gr gehörte nicht zu den Juden, die sich in ihrer festen Ueberzeugung von der Vorzüglichkeit des Judentums von der Außenwelt völlig abschlossen und das klassische Heidentum als ein wüstes Götzentum verachteten. Josephus, der das Judentum in seiner ganzen Bedeutung erfaßt hatte, besaß auch weitgehendes Verständnis für die Vorzüge und die Bedeutung der griechischrömischen Kultur. Allerdings verstand er auch recht gut ihre Mängel, ihre sozialen und sittlichen Gebrechen. Er unterschätzte nicht diese Kultur, wie viele seiner Volksgenossen in Palästina, aber er überschätzte sie auch nicht, wie so viele Juden in Aegypten und Kleinasien, die sich nach und nach dem Judentum entfremdet hatten. Zu seiner großen Belesenheit im jüdischen und im griechischen Schrifttum kam noch die angeborene schriftstellerische Begabung, sein Temperament und sein ausgezeichnetes Geschick in der Wahl des Ausdruckes und in der Anordnung seiner Ausführungen. Das erste Buch, das Josephus geschrieben hat, ist bekanntlich seine „Geschichte des jüdischen Krieges". Der literarische Und wissenschaftliche Wert dieses Buches braucht hier nicht besprochen zu werden. Aber Josephus trat schon hiermit Bewußtsein apologetisch auf, indem er vor allem zeigen wollte, mit welcher Ausdauer und mit welchem Mut das jüdische Volk sich gegen die römische Uebermacht vier Jahre lang verteidigt und um seine nationale Unabhängigkeit gerungen Hatte. Die Niederwerfung des jüdischen Volkes wäre nach seiner Darstellung noch viel schwerer geworden, wenn die jüdischen Freiheitshelden nicht nur todesmutig zu kämpfen sondern auch im Kampfe Eintracht unter sich zu wahren verstanden hätten. Den Vorwurf der Feigheit, den griechische Marktschreier den Juden zu machen pflegten, wies Josephus entschieden zurück. Aber er begnügte sich nicht damit, er ging vielmehr auch auf die Ursachen des greuelvollen Krieges zurück, der hauptsächlich durch die Habgier der römischen Beamten und durch die schlechte römische Politik verschuldet war. Die Unterstützung, welche die Römer der herodeischen Dynastie zu teil werden ließen, hatte es hauptsächlich bewirkt, daß das jüdische Volk in Palästina niemals zur Ruhe kommen konnte. Josephus selbst gehörte nicht zu den Menschen, die überall und stets mutig und selbstbewußt für ihre Ueberzeugung eintreten. Aber er zeigte in diesem Buch doch großen Mut, als er den römischen Machthabern so deutlich die Wahrheit sagte. Als er die Geschichte des jüdischen Krieges schrieb, kam ihm zum Bewußtsein, daß die griechisch-römische Welt noch immer die Vorgänge in Judäa nicht würde verstehen können. Ihm lüg aber so sehr daran, daß die gebildeten Heiden; die Juden und das Judentum kennen und achten lernten. Er schrieb daher später die „Jüdischen Altertümer", eine vollständige ^Geschichte des jüdischen Volkes von Urbeginn bis zu der Epoche, in welcher der jüdisch-römische Krieg spielte. Es war dies ein großes Unternehmen, dessen Bedeutung man heutzutage kaum in ihrem ganzen Umfange erfassen kann. Nachdem im dritten vorchristlichen Jahrhundert durch die griechische Uebersetzung der Thora der erste Versuch gemacht worden war, die Griechen in die Welt des Judentums einzuführen, nachdem ferner ein Menschenalter vor Josephus der Alexandriner Philo eine Darstellung des Judentums auf Grund griechisch-philosophischer Weltanschauung zu geben unternommen hatte, trat Josephus mit feiner geschichtlichen Beschreibung des Judentums aus. .Man kann ohne Uebertreibung sagen, daß Josephus mit diesem Buch, abgesehen von dessen wissenschaftlicher Bedeutung, alle seine Vorgänger (die Thoraübersetzer,' Hekatäus, Pseudo-Aristeas, Philo nsw.) ' bei weitem Übertrag Denn eine einfache Uebersetzung'' der Thora in eine, fremde Sprache kann aufden Leserkreis, für den sie bestimmt war, auch sehr befremdend. wirken. Die griechische Thoraübersetzung war eigentlich -zunächst gar nicht für'die heidnische Welt bestimmt, und griechische Leser standen diesem Buch zweifellos zuerst fremd gegenüber. Und was die religionsphilosophischen Schriften des Philo betrifft, so wird man bei aller Anerkennung für das geniale Wesen dieses Mannes doch zugeben müssen, daß Philo vom Judentum nur 1 wenig wußte, und alles, was er darüber der griechischen Welt zu sagen hatte,' nur ein fades Gerede istein Idealbild--das mit der Wirklichkeit recht wenig übereinstimmt. Josephus hat in seinem Geschichtswerk für griechisch-römische Leser sozusagen den Kommentar für das biblische Schrifttum geschaffen; er hat ihnen das Judentum, und zwar das richtige Judentum, wie es sich geschichtlich entwickelt hat, klar und faßlich geschildert. Nicht nur das biblische Judentum, sondern auch dessen pharisäische Form rückte er dem Verständnis der heidnischen Welt nähe; er führte sie in das geistige Leben des jüdischen Volkes ein, zeigte ihr sein inneres Wesen und sein Schaffen. Aber er ist sich dabei bewußt, daß er Fremden Einblick in das intimste Leben seines Volkes gewährt; er ist darauf gefaßt, daß diese Fremden alles mit neugierigen Blicken verfolgen, vieles aber mißverstehen und deshalb auch mißachten würden. Indem er sie nun, weil dies in seinem apologetischen Zwecke lag, in die jüdische Welt einführt, bemüht er sich einerseits, ihrem Blick das zu entziehen, was sie doch nicht verstehen und daher nur mißdeuten würden, und anderseits ihnen das Enthüllte zu erklären, auf ihre Weise zu erklären. Darin zeigte Josephus ein bewunderungswürdiges Geschick. Es ist durchaus unbillig, wenn man ihm deshalb Mangel an Aufrichtigkeit oder gar Unwahrhaftigkeit -vorwirft. Denn tatsächlich hat er nur die Dinge richtig behandelt. Hätte er einfach alle Erscheinungen im Judentum in griechischer Sprache der heidnischen Welt vorgeführt, so würde diese vom Judentum, weil ihr alles unverständlich geblieben wäre, eine falsche Vorstellung erhalten haben. Eine sklavisch wortgetreue Uebersetzung isb immer eine falsche Uebersetzung, weil durch sie der Sinn des Originals verloren geht. Josephus hat sich in seiner Darstellung des Judentums kleine Aenderungen erlaubt, er hat an ihm kleine Retuschierungen vorgenommen, aber gerade dadurch ist es ihm gelungen, den gebildeten Heiden ein richtiges Bild von dem geschichtlichen Leben des jüdischen Volkes zu geben, von seinem geistigen Schaffen und von den inneren Vorgängen in ihm. - Gegen Ende seiner schriftstellerischen Wirksamkeit, gegen Anfang des zweiten nachchristlichen Jahrhunderts, wahrscheinlich, nachdem er in seiner Selbstbiographie die Feder zu ,seiner eigenen Verteidigung geführt hatte, schrieb Josephus seine bekannte Verteidigungsschrift, die er gegen den eitlen, demagogischen und händelsuchenden Apion gerichtet hat. Dieses Büchlein, das bereits über achtzehn Jahrhunderte alt ist, liest sich noch jetzt, als ob es in der Gegenwart entstanden wäre. Es bleibt immer aktuell. Dabei kommt es nicht darauf an, ob alle geschichtlichen Tatsachen, die Josephus zur Verteidigung des jüdischen Volkes und des Judentums anführt, richtig seien — die Faseleien des Apion, die dieser für bare Münze ausgibt, sind es ja noch viel weniger. Wir bewundern bei Josephus seine Methode und, bei aller Erbitterung gegen seinen Gegner, auch die Ehrlichkeit, mit der er die gemeinen Schmähungen des aufgeblasenen Judenfeindes beantwortet. Josephus war kein Geschichtskritiker, er übernahm manches als geschichtlich wahr, dessen Richtigkeit wir heutzutage anzweifeln oder gar zurückweisen würden. Aber was er aus eigener Anschauung und eigener Kenntnis sagt, ist immer richtig. Den Lügen und