Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- Seite 355 (sequence 7)
- Language
- German
- Belongs to
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Ja, wo er mißliebige Gesinnung und Nichtachtung findet, da droht er sogar mit Kirchenstrafen. Dem aber setzt niemand sich aus. Bald rasseln die blechernen Rolläden hernieder, die Läden werden geschlossen, die Händler verlassen ihren Warenstand und altes eilt nach Hause, Um sich festtäglich herzurichten. Dann geht es mit den dicken Gebetbüchern nach den Synagogen. Im schönsten Lichterglanze erstrahlt der Tempel. Das Fest hat begonnen. Anderen Tages welche Ruhe, welche Feierlichkeit. Festtagsstimmung. Durch die Straßen sieht man die Männer, in Gespräch vertieft, langsam spazieren, angetan mit der schönen, malerischen Tracht des frühen Mittelalters. Sie tragen wie ihre Vorväter inAlt-Castilien einen langen,buntseidenenKastan,dersast bis zumBoden reicht, oft Prächtig mitPelz verbrämt. Darunterein tuchestes, leichtes, ebenfalls buntes, meist blaues, lichtbraunes, gelbliches wallendes Gewand — wie die. Soutane katholischer Priester, deren Zuschnitt ja auch aus dem frühen Mittelalter stammt, wie die bekannten Ordenstrachten der Mönche. Ein bunter, gelber, roter oder gestreifter Seidengürtel umschließt es. Wird der Kaftan nicht getragen, so tritt an dessen Stelle eine kurze, bestickte Jacke. Kopfbedeckung ist jetzt der Fes. In den Händen bemerkt man vielfach „Rosenkränze" aus Bernstein und Holz. Diese farbige Tracht hat Raffael in seinem Gemälde „Verlobung Mariens" (Sposalizio) so schön verwertet. Die Frauen träger: eine eigentümliche Kopfhaube, die hinter: in einem handbreiten, dicken, papageigrünen, goldbestickten Bande endet. Das bunte, gestickte, spanische Miederjäckchen ist tief ausgeschnitten, das weiße Leibchen darunter läßt vielfach die Brust weit frei. Die flatternden Seidenschürzen sind grellbunt. Die Frauen sind meist stattlich, auch die älteren oft noch schön, die jungen Mädchen meist hübsch, viele von blendender Schönheit. Nachmittags werden die Kinder mitgenommen und spazieren geführt. In den Kaffeehäusern gibt es Leckereien, die kleine Gesellschaft ist daher sehr vergnügt. Die Knaben tragen noch, wie die türkischen, lange Faltengewänder und erscheinen mit ihren großen, schwarzen, langbewimperten Augen wie kleine Mädchen. Diese sind jetzt fast durchweg modern gekleidet und wie Puppen allerliebst geputzt, eine wahre Freude bei der lieblichen Artigkeit, mit der sie sich benehmen. So wie Ostern, Passah, im Monate Tischri Neujahr und Versöhnungsfeft, so wird dann im Oktober (30. September bis 7. Oktober) Laubhüttenfest (Lukkotb) gehalten mit allgemeiner Ruhe und großer Feierlichkeit. In Saloniki wird meistens schon amAbend des Versöhnungsfestes das flache Dach des Hauses — ach, oft ist es eine armselige Holzhütte eines Tagelöhners — hergerichtet. Mit den einfachsten Mitteln wird hier oben die Lukkab erbaut, die Laubhütte. Ein paar Pfähle, ein paar Bretter als Dach, um die Pfeiler gewundene Rosenranken, Bohnenlaub, Baumzweige, Feigen äste und Oliven, alles geputzt mit bunten Papierfähnchen und Tüchern. Die Reichen haben Palmenzweige kommen lassen. Bunte Papierlaternen schmücken ihre prächtig ausgestattete Sukkah. Von der Decke hängen Granatäpfel, Flaschenkürbisse, duftende gelbe Quitten, Trauben, als Erinnerung an die Früchte des gelobten Landes. Ueber das Geländer der Laubhütte hängen Teppiche, für den Tisch hat die Hausfrau ihr feinstes Linnen, ihr schönstes Geschirr hergegeben. Hier in der Hütte wird der Tag mit Gebet begonnen und beschlossen, hier werden alle Mahlzeiten genommen, die zahlreichen Besuche empfangen. Da die Abende und Nächte der Türkei im Herbste und besonders an der Küste des Gplses von Thermae köstlich sind, so entwickelt sich auf den Terrassen nach dem Nachtmahle lustiges Leben. Die Besucher kommen, frohes Gespräch, heiteres Lachen vernimmt man, die Mandolinen tönen, Lieder erklingen bis in bie, späte Nacht. Ta geht wohl auch von gar.manchem der Jünglinge ein heißer Blick suchend hin und her, und große feurige Mädchenaugen geben beglückende Antwort. Manch ein Bund, ganz stille geschlossen in der Weihenacht der Laubhütte, wird dann bald im Tempel besiegelt. So arbeiten, so feiern die Juden von Saloniki. Iolrphus alsDpoiogkt. Von Dr. Simon Bernfeld. ie schriftstellerische Tätigkeit des Geschichtschreibers Flavius Josephus stand ganz im Dienste der Apologie für das jüdische Volk und das Judentum. Es gebührt ihm die Anerkennung, daß er dabei nach einem bestimmten Plan gehandelt hat: er war darauf bedacht, der gebildeten griechischen und römischen Welt Verständnis für die ihr fremdartig erscheinende jüdische Religion beizubringen und ebenso Angriffe auf das Judentum, die aus Unkenntnis oder aus Böswilligkeit entstanden waren, wirksam zurückzuweisen. Josephus ist zweifellos noch heute das Muster eines Apologeten für Juden und Judentum. Nicht nur in seiner Verteidigungsschrift gegen Apion verfolgte er seine apologetische Tendenz, sondern auch in der „Geschichte des jüdischen Krieges" und in den „Jüdischen Altertümern", welche Bücher er ebenfalls zunächst für die heidnische Welt geschrieben hat. Josephus wußte genau, was er wollte, als -er seine unleugbar große schriftstellerische Begabung in den Dienst der Ehrenrettung für .sein Volk und die jüdische Religion stellte. In dem Jahrhundert, das der Entstehung des Christentums vorangegangen war, hatte sich in der Heidnischen Welt neben mancher Anerkennung des Judentums und Hinneigung zu ihm, vielfach auch Haß und Abneigung gegen alles Jüdische gezeigt. Infolge des Krieges, den die Juden mit so vielem Mut und so großer Erbitterung gegen die Römer geführt hatten, war in den Städten und Ländern, in denen eine zahlreiche jüdische Bevölkerung zwischen Griechen und Römern lebte, eine überaus gereizte und gehässige Stimmung gegen die Juden entstanden, der jüdische Krieg in Palästina und tu den benachbarten Ländern zu einem schrecklichen Rassenkampf ausgeartet, dessen Folgen noch Jahrzehnte zn spüren waren. Der Haß gegen die Juden kam verschiedenartig zum Ausdruck. Während die ungebildeten Massen gegen die Juden rohe Beleidigungen und Gewalttätigkeiten verübten, gefielen sich die gebildeten Römer und Griechen in literarischer Verspottung der jüdischen Religion und der jüdischen religiösen Gebräuche. Auch das jüdische Volk wurde in der öffentlichen Meinung herabgesetzt, als barbarisch, abergläubisch, menschenfeindlich und grausam verhöhnt. Die Juden selbst, deren politische Lage damals eine so schwierige war, konnten zwar, wenn man vielleicht von den Gemeinden in Kleinasien, Aegypten und Griechenland absieht, in ihrem Glauben an die ererbte Religion nicht irre gemacht, werden, aber das Bedürfnis nach einer wirksamen Verteidigung gegen so viele gehässige Angriffe mußte sich gewiß in den gebildeten Kreisen sehr fühlbar gemacht haben. : Josephus übernahm diese Verteidigung aus eigenem Antriebe, ohne jeden Auftrag. Er war dazu, wie selten-einer, geeignet. Die griechisch-römische Kultur war ihm gut bekannt.