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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · p. Seite 354

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 354 (sequence 6)
Language
German
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Maggi, hervorgehoben zu werden, der auch sonst sein Wohlwollen für eine Hilfsaktion zugunsten der Falaschas versichert hat. Die Alliance l8raelite wird nicht umhin können, ihre bisherige Stellung zu ^er Frage zu ändern. Es muß von der öffentlichen Meinung auf ihre Leitung ein ernstlicher Druck ausgeübt werden, daß sie ihr Verhalten einer sorgfältigen Prüfung unterzieht und sich der gebieterischen Sprache neu er Tatsachen nicht verschließt. Persönliche Stimmungen und Neigungen müffen hinter der großen Sache zurücktreten. . Es wird vielfach der Judenheit zum Ruhme angerechnet, daß sie unter Andersgläubigen nicht Mission treibt; ob diese Zurückhaltung berechtigt ist oder nicht, darüber kann man verschiedener Meinung sein. Das aber bleibt unbestritten, daß die Judenheit nicht ratlos und lässig zusehen darf, wenn Tausende ihrer Glaubensgenossen unaufhörlich von der Mission bedroht und ihrem Glauben entfremdet werden. Es ist eine Ehrenpflicht der europäischen und amerikanischen Judenheit, insbesondere ihrer großen .Organisationen, den Falaschas die von ihnen erbetene religiöse Hilfe zu gewähren! I. Elbogen. m? Dir Juden von Saloniki. Von Dr. R. A. Koernig. II. nd weiter: „Die arbeitende Klaffe, die ihr Brot bei schwerer Arbeit verdient, hat Anspruch aus besondere Beachtung. Selten dürfte man die Israeliten derart den schwersten Arbeiten sich widmen sehen; kein Brot ist ihnen zu sauer, keine Mühe zu schwer, sich und ihrer zahlreichen Familie tzje Mittel zum Leben zu beschaffen. Wir finden sie als Maurer, Erdarbeiter, Kanalputzer, Brunnenreiniger, als Bootsmann, Schiffsarbeiter, Fuhrknecht, Lastträger usw., abgesehen von der regen Teilnahme an allen Handwerken. Man sieht da schöne, kräftige Gestalten, welche bei der Arbeit weder ruhen noch , rasten, und die dabei äußerst sparsam leben. Die Mädchen finden in den Fabriken Beschäftigung, und man wird sie immer nett gekleidet zu und von der Arbeit gehen sehen. Es ist überhaupt ein Grundzug der hiesigen Israeliten, ihren Kindern bis zum erwerbsfähigen Alter größte Sorgfalt angedeihen zu lassen. Man spart und knausert ihnen zuliebe und hält große Stücke darauf, daß sie eine gute Schulbildung genießen." (Osmanischer Lloyd, 17. November 1909.) Daß die Juden von Saloniki alle Handwerke betreiben, hob schon im 12. Jahrhundert ihr Glaubensgenosse, der gelehrte Benjamin von Tudela hervor, ihre Schulbildung rühmte im 17. Jahrhundert der Türke Hadschi Halfa. Daß es damit noch heute gut steht, mögen einige Zahlen aus der Neuzeit beweisen. Seit Oktober 1873 -hat die Alliance Israelite auch in Saloniki moderne Schulen -gegründet, nicht ohne . daß streng gläubige Eiferer heftigen .Widerstand gegen die Neuerung zeigten. Heute wird keiner in der Gemeinde mehr den ungeheuren Nutzen bestreiten, den diese Schulen der ganzen Gemeinschaft gebracht haben, um deren Leitung vornehmlich Dr. Moses Allatini und David Morpurgo die größten Verdienste haben. Auf die Volksschule folgte 1881 eine Mädchenschule, 1882 eine Kinderschule, 1887 eine Gewerbeschule, 1897 drei weitere Volksschulen. Der Zudrang ist groß. Saloniki zählt jetzt sieben Schulen der Alliance mit 2300 Schülern, für die siebzig Lehrer wirken. Die Schüler erhalten durch diese fast durchweg im Auslande 'herangebildeten Lehrer eine ganz moderne Bildung und sind so geeignet zur Uebernahme jeder Stelle im Handel und in der Verwaltung.größerer Posten. Alle sprechen fließend französisch. Unter den ersten begeisterten Vorkämpfern einer freiheitlichen Verfassung der Türkei haben sich schon vor fünfzig und vor dreißig Jahren einzelne hervorragende Israeliten befunden. Heute stehen alle früheren Schüler der Allianceschulen zum jungtürkischen Verfassungsklub: Jttihad vre Terakih, Einheit und Fortschritt, jüdische Abgeordnete sind Mitglieder des Parlaments. Als der rasende Sturm, der von Sultan Abdul Hamid bezahlten Gegenrevolution das Verfassungswerk abermals zu vernichten drohte, wilde Soldatenbanden, nach rechts und links schießend, durch die Gassen tobten, war es der jüdische Abgeordnete vom Saloniki, der in unerschrockenster Weise — als der einzige — es wagte, im Parlamente feierlich die Absetzung des verbrecherischen Sultans zu fordern. Er mußte doch gewärtigen/daß ihn auf der Freitreppe des Parlaments die Bajonette der reaktionären Soldaten empfingen, wie sie tags zuvor den Syrer Arslan ausgespießt hatten. Die Neuzeit mit ihren Forderungen macht es erklärlich, wenn die Juden von Saloniki derzeit nicht mehr so strenge am Althergebrachten hängen, mehr und mehr auch die schöne altertümliche farbige Tracht verlassen, wie sie sich auch nicht mehr scheuen, am Sabbat „vor den Toren" zu lustwandeln, Kaffeehäuser zu besuchen usw.. Die große Mehrheit der Gemeinde hält sich doch noch strenge an die Vorschriften und besonders während der Festzeiten. Da merkt der aus der Fremde anlangende Ausländer sehr deutlich, daß der Arbeiterstand, Handwerker, Kaufleute vornehmlich Juden sind. Während der Ostertage und des Laubhüttenfestes — es sind das zugleich in der Stadt die allerschönsten Zeiten im Jahre! — stockt Handel und Wandel. Seltsam still ist's auf den sonst so lauten Gassen, am Hafen. Alle Läden sind geschlossen, kein Frachtwagen rasselt über das holperige Pflaster. Das Geschrei der Händler, die ihre Waren ausrufen, ist verstummt; die Schiffe im Hafen finden keine Auslader vor; die ankommenden Fremden, sonst bedrängt von 20 Bootsführern, müffen nacheinander von Matrosen an Land gerudert werden. An den letzten Abenden vor den Feiern gewährt zu solchen Zeiten die Stadt den Anblick eines irgendwie in Aufregung geratenen Bienenschwarmes: das Volk schwärmt und vermag keine Ruhe zu finden. Dem Markte zu, wo die Fleischhallen und Gemüsestände sind, weiterhin zu Tscharschi, dem großen, gedeckten Basar, ein Getümmel und Gewimmel. Das Ausrufen der Händler ist betäubend. Die Frauen und die Männer bemühen sich um den letzten Einkauf, die Händler wollen den Rest der Ware los werden, der ihnen sonst liegen bleibt und umkommt. Da heute jeder alles braucht, so haben sie zunächst den Preis ein wenig erhöht—aber einmütig, keiner unterbietet den Nachbar. Der Käufer zahlt ohne Murren, wofern er nur gut und schnell bedient wird, denn die Stunde drängt. Bepackt mit einem Dutzend Pakete drücken sich die Hausväter durch die schmalen, überfüllten Hallen und durch die engen Gaffen dem Hause zu. Allmählich wird die Menge dünner, der Lärm geringer. Die Verkäufer sehen mit Wonne ihren Vorrat sich verringern und fühlen, wie dafür die Ledertafche ihrer Pluderhosen sich bauscht von Piastern (Silber) und Metalliks (Kupfer). Schon ist es vier Uhr, die Sonne steht tief. Da erscheint eine ernstmahnende Gestalt, der Küster der Synagoge, der „Schuleklopfer" mit seinem dicken, eisenbeschlagenen Stocke, mit dem er dröhnend auf das Pflaster schlägt. Die Stunde des Gebetes ist nähe, und immer lauter ruft er und warnt und mahnt, indem er die Hallen durchschreitet.

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