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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · p. Seite 353

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 353 (sequence 5)
Language
German
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< 4 ' - / ■V <~r- Gewiß wird jedermann mit Aufmerksamkeit und Vergnügen ein Buch lesen, das flott geschrieben) vorzüglich ausgestattet, mit zahlreichen Bildern von Land und Leuten geschmückt, eine ferne Gegend und ihre Bewohner schildert. Zumal wenn dieses Land so wenig erforscht und so selten beschrieben wurde, wie es beim Reiche des NeguS der Fall ist. Und ganz besonders, wenn dieses Land so zahlreiche wirtschaftliche und politische Möglichkeiten bietet, die in absehbarer Zeit zur Verwirklichung gelangen werden. All das sichert dem Reisebericht des Dr. Faitlovitch die allgemeine Beachtung.. Uns aber fesselt mehr daran. Sein Bericht bringt die erste eingehende, durch persönliche Beobachtung gewonnene Kenntnis von der großen Schar der treuen und wackeren Glaubensgenossen jenseits der schwarzen Berge Äthiopiens. Es ist fast ein Jahrhundert her, daß Ludwig Markus durch feine Studien, die ihm von seiten seines Freundes Heinrich Heine den Spottnamen eines Königs von Abessinien eintrugen, die Aufmerksamkeit auf jenen unabhängigen jüdischen Stamm in Abessinien lenkte. Seitdem ist wiederholt, namentlich im Zusammenhänge mit der Tätigj feit der christlichen Mission und dem Fanatismus der Vorgänger Meneliks auf dem Throne, der Falaschas gedacht , worden. Es wurde auch wiederholt die Notwendigkeit einer Hilfsaktion für sie betont. Aber noch ist kein Reisender so tief ins Innere zu ihnen vorgedrüngen wie Faitlovitch bei seinem zweimaligen Aufenthalte. Niemand hat wie er monatelang unter ihnen geweilt, sich ihr Vertrauen erworben, ihre Vertreter aus allen Teilen des ausgedehnten Landes kennen gelernt, mit ihnen gelebt, Feste gefeiert und Gelegenheit gehabt, sich in ihr innerstes Denken und Fühlen zu vertiefen. Zu verwundern ist es nicht, daß die Forschungsreisenden sich bisher von jenem Lande fern gehalten haben. Gibt es doch auf dem Wege ungewöhnliche Schwierigkeiten zu überwinden. Es ist ein Land ohne jede Verbindung, ohne geebnete Straßen, abgeschlossen von der Außenwelt, durch keines der vielen modernen Verkehrsmittel mit ihr vereinigt. Es gilt, sich auf dem Maultier einen Weg zu bahnen im Hochgebirge, das von 2500 zu 3500' Metern anfteigt. Sengende Glut, Fieberlust, alle Beschwerden tropischer Gegenden quälen den Reisenden, ohne daß er eine der Annehmlichkeiten derTropenlandschaft vorfindet, ohne ihre herrliche Vegetation, ohne ihren erfrischenden Schatten, ohne ihre labenden Früchte. Die Wege sind überdies unsicher. Diebe und Räuber bilden eine ständige Gefahr für den Reisenden, und die Dorfbewohner treten ihm häufig mit Mißtrauen entgegen und verweigern die dringend notwendige Aufnahme. Die Expedition des Dr. Faitlovitch hatte noch mit ganz besonderen Schwierigkeiten zu kämpfen, weil er bei Beginn der Regenzeit reisen mußte. Die Nässe und die damit verbundenen fieberhaften Ausdünstungen haben mehrfach feine und seiner Mitreisenden Gesundheit gefährdet. Die Judenheit ist daher Dr. Faitlovitch zu tiefem Dank verpflichtet dafür, daß er die unsäglichen Mühen der Reise, die Beschwerden des langen Aufenthaltes in jenen unwirtlichen Gegenden nicht gescheut, daß er sich keine Mühe verdrießen ließ, genaue und sorgfältige Nachricht über die Falaschas nach Europa zu bringen. Die Falaschas haben berechtigten Anspruch auf das Interesse der weitesten Kreise unserer Glaubensgemeinschaft. Seit vielen Jahrhunderten von jeder Verbindung mit der Judenheit abgeschnitten, Haben sie sich ihre Festigkeit im Glauben gewahrt, trotz aller Gefahren treu zur alten Religion gestanden. Es verdient sogar alle Achtung, wie die Falaschas es verstanden haben, ihren Glauben rein und ungetrübt zu erhalten. Die Religion ist auch die einzige Vermittlerin der'Kultur unter ihnen; Ihr verdanken sie es, wenn sie, wie - es scheint, fast; allgemein wenigstens in der Bibel zu lesen verstehen.Ihre materielle Lage ist nicht gerade glänzend, sie leben. als Handwerker, als Schmieds als Töpfer,, als Maurer, oder sie bebauen den Nest des Bodens, der ihnen noch verblieben ist. Ihr Erwerb ist dürftig, aber ihre Bedürfnisse sind gering, und sie; sind zufrieden mit dem, was sie haben. Jedoch schwer zehrt an ihnen die moralische Not,- die Qualen, die sie um ihres Glaubens willen erleiden müssen. Die Häuptlinge des Landes treiben Mißbrauch mit ihren Befugnissen, legen ihnen Zwangsarbeiten auf und verletzen -dabei ihre religiösen Anschauungen. Aber noch ärger nagt an ihnen die ständige Wühlarbeit der protestantischen Mission, die mitten unter ihnen eine Station errichtet hat, die Planmäßig gegen sie vorgeht, und deren Zähigkeit im Laufe der Jahre leider Zehntausende zum Opfer gefallen sind. Gerade unter diesem Gesichtspunkt ist die Expedition des Dr. Faitlovitch von hervorragender Wichtigkeit gewesen. Die Missionare bedienten sich der unwahren Behauptung, daß in Europa alle Juden sich zum Evangelium bekehrt hätten, und daß auch die Falaschas diesem Beispiel ihrer gebildeten Glaubensbrüder folgen müßten. Daher das Mißtrauen der Falaschas gegenüber jedem Europäer, auch gegenüber solchen, die sich als Juden bekennen, denn sie argwöhnen in einem jeden Fremden einen Missionar. Auch Faitlovitch hatte auf seiner ersten Reise mit diesem Mißtrauen zu kämpfen, aber er hat es überwunden und hat es verstanden, den gequälten Falaschas den Glauben an den Bestand des Judentums wiederzugeben. Seit seiner ersten Anwesenheit sind die Falaschas den Predigten der Missionare völlig unzugänglich geworden. Diese senden an ihre europäischen Genossen in der Seelenfängerei die beweglichsten Klagen und haben in den letzten Jahren auch nicht mehr den geringsten Erfolg zu verzeichnen. (Vergleiche die Zitate aus den Missionszeitschristen auf Seite 75 bis 77 unseres Werkes.) Befreiung von den Schlingen und Schlichen der Missionare, Stärkung ihres Glaubenslebens durch Beschaffung von Bibeln, von Religionsbüchern und Religionslehrern, das ist es, was die Falaschas in einem Sendschreiben von ihren europäischen, Glaubensgenosien erbitten, und es muß als selbstverständlich gelten, daß ihre Bitte Gehör findet. Der Erfüllung dieser Bitte ist — an dieser bedauernswerten Tatsache kann hier nicht vorübergegangen werden — ein unerwartetes Hindernis entstanden in dem Bericht, den eine von bei; Alliance IsraSlite entsandte Mission zu den Falaschas während Faitlovitchs Abwesenheit erstattet und verbreitet hat. Im vorliegenden Buche werden Tatsachen angeführt, welche das Vorgehen jener Mission-in recht merkwürdigem Lichte erscheinen lassen. Wer die Ereignisse unmittelbar verfolgte, mußte darüber staunen, daß die Abgesandten der Alliance mehrere Monate in der Hauptstadt Addis Abeba verweilten, während sie sich für die Studien bei den Falaschas nur gerade so viel Zeit ließen, wie für die bloße Reise unentbehrlich war; die Daten des Berichts lehrten, daß sie den Weg durch längeren Aufenthalte in den Falaschadörsern unmöglich unterbrochen haben konnten. Kein Wunder, wenn Faitlovitchs Bericht zu wesentlich anderen Resultaten gelangt wie die Alliancemission. Es gilt, zu diesen Resultaten Stellung zu nehmen. Dr. Faitlovitch beruft sich auf Gewährsmänner, die nicht unerreichbar sind, und deren Aussage schwer ins Gewicht fällt. Insbesondere verdient die mehrfach zum Ausdruck gebrachte Gesinnung des Gouverneurs der erhthräischen Kolonie, Marchese. Sälvago

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