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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · p. Seite 351

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
Seite 351 (sequence 3)
Language
German
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Dir Woche. Berlin, den 26. Juli. iese Rubrik ist in erster Linie dazu bestimmt, auf Ereignisse hinzuweisen, die der jüngsten Vergangenheit angehören. Aber sie berührt gelegentlich auch längst vergangene Geschehnisse, sofern solche durch neue Publikationen in Erinnerung gebracht werden. Darum und weil es mehrfach besprochen worden ist, sei an dieser Stelle eines traurigen Ereignisses gedacht, das schon 400 Jahre alt ist. Im Jahre 1510 fand nämlich in Berlin die Verbrennung von 38 märkischen Juden statt, die der Hostienschändung und des Ritualmordes bezichtigt waren. Die „Kreuzzeitung" hat diesen Tag erwähnt, nicht etwa um der historischen Wahrheit zu dienen, sondern um die Mitlebenden an Scheußlichkeiten zu erinnern, deren das ehrenwerte Blatt die Juden der Vergangenheit fähig glaubte und vielleicht auch jetzt noch für fähig hält. Demgegenüber ist es gut, wie Herr Dr. Ackermann dies in der Vossischen Zeitung vom 19. tut, sestzustellen: 1. Der Judenprozeß von 1510 war ein vom Adel und den Geistlichen angezettelter politischer Akt, dessen Spitze sich gegen den Landesherrn, den Kurfürsten Joachim I., richtete. 2. Die märkische Tragödie des Jahres 1510 hat mit einem Justizmord geendigt, dessen Schuld auf den Brandenburger Bischof Hieronymus zurückfällt. Für das Letztere ist nur folgendes zu bemerken: 1539 wollte der Kurfürst von Sachsen in ähnlicher Weise wie es fast 30 Jahre vorher sein brandenburgischer Kollege getan hatte, die Juden aus seinem Lande vertreiben. Da trat kein Geringerer als Philipp Melanchthon auf und wies glaubhaft nach, daß die märkischen Juden 1510 unschuldig den Feuertod erlitten hätten. Paul Fromm, der Hostiendieb, habein der Beichte seinem Vorgesetzten, dem Bischof Hieronymus, Mitteilung gemacht, um — es mar noch vor der Hinrichtung — einen Justizmord zu verhüten. Kraft seines Amtes jedoch habe der Bischof, dem Pfarrer Schweigen geboten. Der Pfarrer war 1539 noch am Leben unh wohnte im Württembergischen. Diese von Melanchthon den Fürsten unterbreitete und von zwei Edelleuten sowie Martin Luther bezeugte Tatsache übte auf die Fürsten eine gewaltige Wirkung aus, und sie ist wohl die Ursache für das auf« fallend judensreundliche Verhalten, das Joachim II. während seiner späteren Regierungszeit an den Tag legte. ' Herr Ackermann, der diese in wissenschaftlichen Kreisen bekannten Tatsachen der Allgemeinheit zugänglich macht, schließt seine Ausführungen mit folgenden Worten: Man sieht, der 19. Juli, wenn er als ein Gedenktag festge,halten wird, kündigt uns eines: die verbrecherische Selbstsucht derer, die dem märkischen Land und im besonderen der Stadt Berlin den Schandfleck jenes Prozesses aufhefteten — des Adels und der Geistlichkeit. Hätte der Historiker der „Kreuzzeitung" sich die Mühe genommen, der geschichtlichen, urkundlich bezeugten Wahrheit auf den Grund zu gehen, so hätte ihn wohl das Ergebnis seiner Forschung veranlaßt, vom 19. Juli zu — schweigen. * Wenn es gestattet ist. Kleines mit Großem zu verbinden, so sei dem Vorstehenden folgende Notiz angereiht: Es gibt immer noch Leute, die trotz Ahlwardts Verurteilung und der glänzenden Rechtfertigung der Löweschen Fabrik an die famosen Judenflinten glauben. Selbst diese Unbelehrbaren müßten durch folgende Notiz eines Bessern überzeugt werden. Ein kleines Blatt, die ,-Kreiszeitung für den Obertaunus" in Homburg v. d. H. bringt die nachstehende Mitteilung: China hat — wie die „Mil.-pol. Korrespondenz" hört ~ sehr erhebliche Mengen des nunmehr gänzlich ausrangierten Infanteriegewehrs M 88, der sogenannten „Judenflinten" angekauft, wohl, um damit neu aufzustellende Formationen zweiter Linie zu bewaffnen. Dies ganz zu Unrecht verlästerte Modell war, so schreibt ein alter Offizier, eine ausgezeichnete Waffe, von der man jetzt nur den Wunsch aussprechen kann, daß ihre früheren Träger die gute Wirksamkeit des langgeführten Gewehrs nicht dermaleinst am eigenen Leibe zu erfahren haben. — Bekanntlich fiel seinerzeit der antisemitische Abgeordnete Ahlwardt im Reichstage über die von der Firma Löwe hergestellten Flinten als „Judenflinten" her, weil sie angeblich mib Absicht so schlecht fabriziert wären, daß Deutschland im Kriegsfälle wehrlos dastünde. Es wurden damals im selben Sinne gehaltene Broschüren verkauft, die die Händler in der Friedrichstraße zu Berlin mit den Worten anpriesen: „Judenslinten, Judenflinten, schießen von vorne und von hinten." Und nun zeigt sich, daß das doch recht gute Gewehre gewesen sein müssen, wenn sie . nach beinahe zwei Jahrzehnten noch brauchbar sind! * Die modernen Judenfeinde haben es viel weiter gebracht, als ihre Vorgänger vor 400 Jahren. Sie brauchen kein Verbrechen zu konstruieren, ihnen genügt der Haß, die Beutesucht und die Mordlust. In Rußland begnügt inan sich schon lange nicht mehr mit bloßen Ausweisungen, man geht zu offenen Gewalttätigkeiten vor. Dem Hilssverein der Deutschen Juden wird aus Kiew gemeldet: Die Ausschreitungen der Berbändler in der Vorstadt Slobodka dauern an. Da bisher jedes Einschreiten seitens der Behörden gegen die Verbändler unterblieben ist, so mehren sich die Scharen, die aus Kiew nach Slobodka kommen. Ihr Auftreten wird immer gewalttätiger. Von Mißhandlungen der jüdischen Passanten gehen sie nunmehr auch zu Angriffen auf jüdische Läden über. Will wirklich die gebildete Welt aufs neue ruhig zusehen, wie in Rußland die entsetzlichsten Taten geschehen? Als durch ein Bild in der Münchener Ausstellung die Majestät des russischen Kaisers verletzt schien, da war, wie in der letzten Uebersicht erzählt worden ist, die bayerische Regierung sofort bereit, das Bild zu entfernen; ist keine Regierung, keine Volksvertretung oder wenn die Herren Parlamentarier in den Ferien weilen, sind nirgendwo edle deutsche Männer bereit, zu warnen und zu mahnen, die russischen Behörden anzugehen und recht zeitig zu hindern, daß wiederum wie früher die heilige Majestät des Volkes verletzt, daß durch die Beraubung und Tötung Unschuldiger zugleich auch das Gefühl für Wahrheit und Gerechtigkeit vernichtet wird?! ♦ Ueber Bemühungen, die Lage der Juden in Galizien zu bessern, wird folgendes gemeldet: Die Abgeordneten Dr. Gold. Dr. Kolischer und Dr. Löwenstein hatten vor einigen Tagen eine eingehende Besprechung mit dem Ministerpräsidenten Freiherrn von Bienerth über eine Reihe von Fragen, betreffend die geradezu verzweifelte wirtschaftliche Lage eines großen Teiles der galizischen Juden. In erster Reihe wurde darüber beraten,, auf welche Weise dem Elend jener sehr großen Anzahl jüdischer Familien, welche durch das Erlöschen des galizischeü Propinationsrechtes das bis dahin geübte Schankrccht verlieren und nunmehr ohne Erwerb bleiben, gesteuert werden könnte, wobei auch die Frage der im Herbst in Lemberg zu tagenden Enquete über das Judenelend in Galizien berührt wurde. Einer eingehenden Besprechung wurde weiter die Frag der Aufnahme der Juden in den Staatsdienst unterzogen, wobei von. seiten der Abgeordneten über das Vorgehen mancher Behördeü bet der Beförderung von Beamten jüdischer Konfession Klage geführt und um energische Abhilfe ersucht wurde. Auch über die in letzter Zeit zutagetretende Erscheinung der Zurücksetzung jüdischer Militärzertifikatiften wurde dem Ministerpräsidenten berichtet. Die Abgeordneten lenktey auch im Interesse der konservativen Judenschaft Galiziens die Aufmerksamkeit deS Ministerpräsidenten auf die mit Ende dieses Jahres wieder akut werdende Frage der orthodoxen Rabbiner. Schließlich wsivd^ der Ministerpräsident gebeten, dahin zu wirken, daß den erbeteyezr Namensänderungen der aus rituellen Ehen stammenden Juden bei' den Behörden keine Schwierigkeiten in den Weg gelegt werde: Ministerpräsident Freiherr von Bienerth, der sich mit großem Interesse von den Abgeordneten über alle diese Fragen informieren

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