Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 30 (29.7.1910)
- Date
- 1910-07-29
- Page
- Seite 350 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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Riß zwischen seinem Nur-antisemitischen sächsischen Fähnlein von den in Hessen festeren, aber in Leipzig residierenden Deutsch-Sozialen agrarisch-ultrakonservativer Farbe (Richtung Liebermann von Sonnenberg) perfekt geworden war. Da nahm der rastlose Parlamentsstreber nochmals einen Anlauf, und es gelang ihm, 1904 ein Dresdener Mandat zur sächsischen Abgeordnetenkammer und in demselben Jahre in der Ersatzwahl für den rasch gestorbenen evangelischen — Sozialdemokraten Emil Rosenow, den Dichter der netten Komödie „Kater Lampe", den Reichstagswahlkreis Zschopau-Marienberg zu erkämpfen. Hier hat man bei dem neuen Zusammenstöße mit der Sozialdemokratie 1907 auch die im Königreich Sachsen populäre „Los von Rom"-Bewegung mitspielen lassen, und der Exkatholik siegte in dem zu 98 Prozent lutherischen Wahlkreise mit 14 732 Stimmen über 11281 sozialistische. Nun ist diese einzige Landtagssäule der sächsischen Reformer, der Vorsitzende ihres arg zusammengeschmolzenen Landesvereins, plötzlich dahingegangen, und ein Rückblick auf feine öffentliche Tätigkeit muß eigentlich die Grundsatzlosigkeit als seine Devise seststellen — als sein Leitmotiv antisemitische Hetzpropaganda in einem Lande, wo die Juden weder numerisch noch qualitativökonomisch jemals ernstlich irgend etwas bedeutet haben. Gegenwärtig regt es sich nun in den „Zimmermannschen" Wahlkreisen, im alten kurhessischen wie im neuen sächsischen, gegen das tendenziöse und einseitige Gebühren der sogenannten „Reformer". So berichtet der „Darmstädter Tägliche Anzeiger", ein rechts-nationalliberales Blatt, in Nr. 145 (vom 23. Juni) über den Rechenschaftsbericht, welchen Zimmermanns Nachfolger Bindewald in Schotten erstattet hatte: „Äm Schluffe seiner Darlegungen hob der Abgeordnete hervor, die Interessen seines Wahlkreises aufs beste vertreten zu haben. Der größte Teil der Versammlung war aber damit nicht einverstanden, und in der Debatte kam manche gegenteilige Meinung zum Ausdruck": das will etwas heißen bei der durchschnittlich ländlichen Bevölkerung dieser Gegend, überhaupt des ganzen Hessen-Cassel, die seit einem Menschen älter von radikal-antisemitischen Agitatoren wüst verhetzt worden ist. Noch Energischer muckt die Wählerschaft in Zschopau-Marienberg wider das antisemitische Joch auf, in einem Bezirk, der weit und breit die verruchten Ausbeuter mosaischen Bekenntnisses bloß vom Hörensagen kennt. Dor haben die verbündeten Reaktionäre — Konservative, Agrarier, Antisemiten — an die stäatserhaltende Gesinnung der gutmütigen Nationalliberalen appelliert und ihnen das Ansinnen gestellt, den Kandidaten des Rückschritts und der Volksverhetzung, den Leipziger Ingenieur Theodor Fritsch, einen eigentlich seit vielen Jahren abgetanen Mitbegründer der schärferen, sächsischen Spielart des deutschen Rassen-Antisemitismus, gemeinsam mit aus den Schild zu heben. Da muß es denn auch dem sozialisten-ängstlichsten Nationalliberalen gedämmert haben! Tenn deren Parteileitung entschied sich ohne Besinnen für ein inniges Kompromiß mit der Fortschrittlichen Volkspartei und unterstützte, zunächst den dieser angehörigen Landtagsabgeordneten Roch in Annaberg, seit dessen Rücktritt von der Kandidatur den ebenfalls freisinnigen Landtagsabgeordneten Brodaus, Landgerichtsrat in Chemnitz. Als gemeinsamer Kandidat sämtlicher Liberalen steht dieser nun für die auf 24. August anberaumte Reichstags-Ersatzwahl auf dem Plan. Das Unsinnige und Bösartige der reformarischen Agitation für den genannten Leipziger Hetzapostel Fritsch — den literarisch schlecht genug angeschriebenen Schriftsteller „Thomas Frey" — wird da seitens der Liberalen den Wählern jedenfalls gründlich zu Gemüte geführt und dieser wiederauferstandene Verfasser des von skandalösen Unwahrheiten strotzenden „Antisemiten-Katechismus" (über 25 Auflagen; nicht zu verwechseln mit der wertvollen — anonymen — „Deutschen Antisemiten - Chronik". Dr. Heinr. Fränkels, 1894) als bester Typus des „Nur-Antisemitismus", des Judenfressers in Reinzucht entlarvt werden. Anders und zwar viel weniger klar liegt der Aufmarsch der Parteien in Frankfurt a. O. Daselbst hat nach den Versicherungen der fortschrittlichen Presse die Kandidatenfrage durch die Aufstellung des Archivdirektors Dr. Georg Winter (Magdeburg), die eine gemeinsame Sitzung nationalliberaler und fortschrittlicher Vertrauensmänner vornahm, eine sehr glückliche Lösung gefunden. Diese Sachlage, ergänzt das leitende Organ der bayerischen Sozialdemokratie, die „Münchener Post", die größte süddeutsche Zeitung ihrer Partei, in ihrer Nr. 146 durch die bissige Notiz: „Dr. Winter soll natürlich auch, was neuerdings von allen liberalen Mischmaschkandidaten behauptet wird, auf dem linken Flügel der nationalliberalen Partei stehen und deshalb der Unterstützung aller Fortschrittlichen gewiß sein dürfen." Daraus aber macht sie folgende Enthüllungen: „Schon im Jahre 1907 produzierte sich Herr Winter als liberaler Sammelkandidat in Eisenach-Dernbach, wo er die Stimmen der Nationalliberalen und Freisinnigen auf sich vereinigte, trotzdem aber nicht in die Stichwahl kam. Damals waren auf den jetzigen Vertreter des Kreises, den Genossen Leber, 7875 Stimmen gefallen, auf den berüchtigten Antisemitenhäuptling Schack 6985, die Liberalen mit 6089 Stimmen gaben , den Ausschlag. Da war es der liberale Sammelkandidat, der „auf dem linkest Flügel der nationälliberälen Partei" stehende Dr. Winter, der die Parole für den Antisemiten ausgab und damit dem Reichstag zu einer Zierde voin Range des Herrn Schack verhalf. Etwa 3000 liberale Wähler gingen' unter Winters Führung in das antisemitische Läger überwährend eine viel kleinere Zahl, der die antisemitische Parole denn doch nicht paßte, kür den Sozialdemokraten stimmte. Soweit wäre die Geschichte nun nicht außergewöhnlich, denn was Herr Winter getan hat, taten ja bereits viele liberal-freisinnigen Kandidaten die in die gleiche Lage gerieten. Die Sache hat aber noch eine recht amüsante Seite, denn Herr Dr. Winter war zurzeit, als er die antisemitische Stichwahlparole ausgab-Vorstandsmitglied des Vereins zur Bekämpfung des Antisemitismus!! Damals war der vielgewandte Herr vor die Entscheidung gestellt, ob er seine Begeisterung für Herrn Schack dämpfen oder aus dem Vorstand des Vereins austreten wolle. Herr Winter entschied sich für Schack und wurde daraufhin veranlaßt, aus dem Vorstand des genannten Vereins „freiwillig" aüszutreten. Heute aber ist Herr Winter der liberale Sammelkandidat für Fränkfurt a. O. - Lebus." Mag man auch ganz gewiß im Interesse des Judentums undfeiner vollen bürgerlichen Gleichberechtigung gegen eine ausgesprochenZh^^nitische oder eine gleichsam jüdisch geeichte KandidÄür sich erklären — schon deshalb, weil eine solche in den allermeisten Fällen zweifellos nur mehr für die Sache des Judentums verderben würde als nützen — fo darf doch üiemand dem Bekenner des israelitischen Glaubens verdenken, wenn er in Kreisen wie Zschopau-Marienberg eine Persönlichkeit wie .den Verfechter der rabiat-antisemitischen Parole „Propaganda der Tat" mit allen nur zulässigen Mitteln schärfslens bekämpft und in einem Falle wie in Frankfurt a. O. den vorgeschlagenen „liberalen Sammelkandidaten" (so überschreibt hämisch das genannte sozialistische Tageblatt seinen schroffen Angriff) auf Herz und Nieren behufs seiner wahren Stellung zum Antisemitismus prüft, nachdem so schwerwiegende Verdächtigungen vorliegen. L. F.