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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-29 · Heft 30 (29.7.1910) · page 1

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 30 (29.7.1910)
Date
1910-07-29
Page
– (sequence 1)
Language
German
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Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. 74. 'LüüHWxMM Ein unparteiisches Organ für alles jüdische Interesse. Begründet von Nabbiner Dr. Ludwig Philipps»«. Unter Leitung des Geheimen Regierungs-Rats Professor Dr. Ludwig Geiger. Verlags-Lxpeältlon: verUn, Jerusalemer Strasse 46/49. Diese Zeitung erscheint' wöchentlich. Abonnements-preir: durch den Buchhandel oder die Post (in Berlin und vor. orten durch unsere vertriebsstellen) bezogen vierteljährlich 2 M. Alle Zusendungen fit Redaktion und Expedition sind an die Adresse: Verlag der »Allgem. Zeitung de» Judentums*, Berlin SW., Jerusalemer Straße HK/4S, zu richten. Verlag von Andolf Masse, Berlin. Jetzige Reichstags-Ersatzwahlen und Antisemitismus. — Die Woche. — Ignaz Goldziher. — Die Fataschas. Von I. Ellbogen. —Die Juden von Saloniki. Von Dr. A. Koernig. — Josephus als Apologet. Von Dr. Simon Vernseld. —- Feuilleton: Die Klageweiber.. Novelle von Joachim Friedenthal. — Literarische Mitteilungen. — Büchereinlaus. — Sprechsaal. Der Gemeindebote (Beilage zur .Allgemeinen Zeitung des Judentums*). Berlin, Elbing, Breslau, Hamburg, Straßburg, London. — Von Nah und Fern. Jetzige Reichstags -Ersatzwahlen und Kntikemitismus. o kurz auch verhältnismäßig noch die weitere Lebensdauer des derzeitigen Deutschen Reichstages sein wird,. es bieten doch die für diesen Rest der laufenden Legislaturperiode fälligen Ersatzwahlen mannigfachen reichhaltigen Stoff zur Beobachtung und Ueberlegung. Während die unlängst ausgetragenen Ersatzwahlen in Usedom-Wollin und Friedberg- Büdingen die hochbedeutsame. Frage der' Auseinandersetzung zwischen Rechts und Links nachdrücklich aufs Tapet brachten und der sozialdemokratische Eroberer der „lachende Dritte" wurde, müssen die zwei neuesten notwendig gewordenen hier unser Interesse erwecken, weil sie wieder einmal das antisemitische Problem entfesseln: es sind diejenigen für die Reichstagswahlkreise Zschopau-Marienberg (Königreich Sachsen 20) und Frankfurt a. O. (Brandenburg, Frankfurt. 4). Zur Erörterung über den Entscheid, wen . man ixx dem erstgenannten erzgebirgischen Bezirk als passenden Vertreter anzusehen habe, diene heute eine ausgesprochen authentische Darlegung: ein Blick in die Entwicklung seines bisherigen Reichstagsabgeordneten. Zum Tode diesesantisemitisch- „reformerischen" Parteihäuptlings Oswald Zimmermann, um deffen Nachfolge es sich handelt, seien nach den nekrologischen Zeitungsnotizen vom Juni aus seiner Vergangenheit ^von persönlich eingeweihter Stelle einige Tatsachen nachgetragen, die fast allgemein, sogar in den Kreisen.seiner engsten Anhänger, unbekannt und doch ungemein charakteristischsind. Zimmermann, ein 4859 geborener Schlesier, studierte 1879-83 in Breslau und Leipzig Philosophie und Volkswirtschaft, produzierte auf ersterem Gebiete eine gar nickt talentwidrige pessimistische Gedichtsammlung „Wonne des Leides" (1883) und verkehrte intim in den etwas arg dekadenten Leipziger Kreisen Leopold v. Sacher-Masochs —- für deffen moderngeistige Revue „Aus der Höhe" er 1885 eine Propaganda-Broschüre vorn Stapel ließ — und dessen damaliger Gattin Wanda, der Verfasserin der. 1tz08 Aufsehen erregenden Selbstbiographie. Entschiedener Demokrat, trat der 25 jährige examenlose Student aus Empfehlung eines bekannten freisinnigen Politikers und Nationalökonomen jüdischer Abkunft Dr. H. F. (der jetzt seit Jahren in Berlin lebt) deffen Nachfolgerschaft als Redakteur einer Leipziger ausgesprochen linksliberalen Vorort-Zeitung, des „Lindenau-Plagwitzer Wochenblatts", an, das er energisch gefördert durch den fortschrittlichen Führer Schuldirektor A Oswald Pache, den ausgezeichneten Vorkärnpfer des deutschen | Fortbildungsschulwesens (f 1907), mehrere Jahre leitete. j-’a Urplötzlich schwenkte Zimmerman, damals ein nachdrücklicher Bekämpfer des Antisemitismus, ins gerade entgegen- ■ gesetzte. Lager, übersiedelte nach Dresden, gründete 1886 mit großen Geldmitteln unaufgeklärten Ursprungs dort einerein antisemitische Partei und als deren Organ die Zeitung „Deutsche Wacht", beteiligte sich eifrigst an der wüstesten Raflenhetzerei der-vereinigten Deutsch-Sozialen und sogenannten „Reformer" im großherzoglichen Oberhessen und im preußischen Kurheffen ' und errang so auch 1890 das Mandat für Alsseld-Lauterbach. 1893 siegte er da wiederum, zugleich aber auch in seinem Wohnsitze und politischen Agitationsmittelpunkt Dresden, wo er sich vorsichtigerweiseebenfalls hatte aufstellen lassen' ' Es waren nämlich die4 judenfresserisch sanatisierten stock- V protestantischen hessischen Bauern dahinter gekommen, daß ihr .Abgeordneter — römisch-katholisch sei, eine Tatsache, die Zimmermann sowohl als jugendlicher freisinniger Stürmer in < Leipzig wie bei der antisemitischen Propaganda in rein- 1 lutherischen Gegenden stets völlig verschwiegen hatte! Zimmer- I mann aber, der Wandlungssähige, hatte inzwischen auch eine kirchliche Metamorphose durchgemacht: er war zu dem doch i gar nicht mehr recht zeitgemäßen Altkatholizismus übergegangen, nachdem er doch in der Hauptstadt des Luther- . - landes Sachsen als Kompromißkandidat des „Ordnungsmischmasches" als „Römisch-Katholik" unnlöglich gewesen wäre. Im Gegenteil: altkatholisch war dort unter Umständen ebenso sehr eine Empfehlung wie im oberhessischen Alsseld-Lauterbach 4 ein direktes Hindernis; denn hier gelang es 1893, 1898 und 1907 Zimmermanns Parteibruder Bindewald stets nur durch i die paar Hundert Zentrumsstimmen, die natürlich einem Altkatholiken nie zugefallen wären, die Nationalliberalen zu schlagen oder gar schon aus der Stichwahl zu drängen. Nun aberwaren die Sachsen doch „Heller", rochen den Braten und gaben dem politisch und.konfessionell schwankenden 4 Manne den Laufpaß. Weder 1898 noch 1903 konnte Zimmermann ein Mandat erlangen, in der „Deutschen Resormpartei" . krachte es in allen Fugen, indem die Geldmittel der einst so großspurigen Partei immer dünner wurden, die „Deutsche Wacht" und dann die „Deutsche Reform" mußten liquidieren, J und Zimmermann sah, obwohl., als „Direktor:" des letzt- | genannten Unternehmens lange unabhängig gestellt, eine tx.übe politische Zukunft .für sich Woraus, zumal, nachdem der

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