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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-22 · Heft 29 (22.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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von der mündlichen Prüfung befreit werden. Unter den entlassenen Schülern widmeten sich 28 dem kaufmännischen Berufe, 1 Schüler wurde Architekt und 1 erwählte das Mufikfach. *.* Stuttgart, 15.Juli. Die Israelitische Waisenanstalt „Wilhelmspflege" versendet soeben den Bericht für das Jahr 1909/1910. Am Anfänge des Berichtsjahres befanden sich' 35 Zöglinge in der Anstalt; entlassen wurden 5, neu ausgenommen 3, sodaß 33 in der Anstalt vorhanden sind (darunter 3 russische Pogromwaisen). Der Gesundheitszustand war befriedigend. Ueber den Stand der Schule hat der neue »Schulinspektor sich sehr befriedigend ausgesprochen. Der Bericht weist wiederum darauf hin, daß die Errichtung eines neuen Anstaltsgebäudes notwendig ist; die schwebenden Vorhandlungen wegen Erwerbung eines geeigneten Platzes gewähren Aussicht ans einen günstigen Abschluß. Die Summe der freien Beiträge- Spenden und Sammlungen beträgt 12000 Mark; dabei ist die Wahrnehmung erfreulich, daß alljährlich auch aus nichtjüdischen Kreisen Spenden und Beiträge einkomnien. * Oesterretch-Angarn. Prag, 5. Juli. Unter überaus zahlreicher Beteiligung aller Kreise der deutschen Gesellschaft in Prag wurde am 3. d. M. Frau Dr. Emma Kaufmann, die Gemahlin des Vizepräsidenten der Prager Advokatenkammer Dr. Friedrich Kaufmann, zu Grabe getragen. Tie Verblichene, d.'e im 47. Lebensjahre stand, war eine der angesehensten und populärsten Damen der Prager Gesellschaft, die sich der größten Verehrung und Wertschätzung erfreute. Sie entfaltete eine vielseitige segensreiche Tätigkeit auf.humanitärem Gebiete; gemeinnützigen Unternehmungen und wohltätigen Vereinen stand sie allzeit mit Rat und Tat zur Seite, wobei sie stets bescheiden im Hintergründe blieb. Unzählige Arme und Notleidende verlieren in ihr eine hilfsbereite Wohltäterin. So war es nnr selbstverständlich, daß das Leichenbegängnis dieser hochherzigen Frau zu einer imposanten Kundgebung der Trauer, aber auch des Dankes sich gestaltete. Außer dem Rabbinate und dem Vorstände der Prager israelitischen Kultusgcmeinde und der. Vororte nahmen an dem Leichenbegängnis teil, die höchsten Spitzen der Behörden: der Vizepräsident der kaiserlich königlichen Statthalterei. der Oberlandesgerichtspräsident, der Pol>zer- Präsident von Prag, das Präsidium der Advokatenkammrr, Vertreter des Hochadels, der deutschen Universität, der Finanzwelt und fast aller israelitischen Vereine von Prag und Vororten. In der Zeremonienhalle des israelitischen Friedhofes widmete der Prediger der Geistgasse Dr. Schwarz der Verblichenen ehrende Worte der An. erkennung und des Dankes. Alle in Prag erscheinenden deutschen Blätter brachten aus Anlaß des Hinscheidens der Frau Dr. Emma Kaufmann längere Artikel, in denen sie den Verlust aller deutschen Kreise durch den Heimgang dieser vortrefflichen Frau schilderten. Die Kranzablösungsspenden, die zahlreichen Wohlfahrtsvereinen zugute kommen, bilden eine ansehnliche Summe. Dem tiefgebeugten Gatten und den Brüdern der Hingeschiedenen, die alle zu den hervorragendsten Persönlichkeiten der deutschen Gesellschaft in Prag gehören, gingen unzählige Trauerbezeugungen von nah und fern zu. — In den Vereinsräumrn des israelitischen Freitisch-Vereines fand am 26. Juni die feierliche Enthüllung einer Gedenktafel für den im Jahre 1904 verstorbenen Präsidenten Dr. Nathan Nobitschek statt. Der Festredner, Vereinspräsident Dr. Du schönes würdigte die großen Verdienste Dr. Robitscheks um die Entstehung und die segensvolle Wirksamkeit des Freitisch. Vereins, dessen Präsident Dr. Nobitschek seit der Gründung dieses überaus humanitären Vereins bis 1904 war. Er richtete auch an die zahlreich anwesenden Mitglieder, Festgäste und Schützlinge des Vereins den Appell, des verdienstvollen Mannes stets eingedenk zu bleiben. Hierauf fiel die Hülle von der marmornen Tafel, aus der mit goldenen Lettern die Widmung eingemeißelt ist — An der hiesigen deutschen Universität fand am 24. v. M. die Wahl des Rektors für das Studienjahr 1910/11 statt. Zunächst vereinigten sich die Stimmen der Wahlmänner auf den Kirchenrechtslehrer Hofrat Professor Dr. Singer. Dieser aber lehnte auf. Befragen die Wahl ab. weil seine Gesundheit erschüttert und er mit Arbeit überhäuft sei. Nun wurde der Mathe- Matiker Professor Dr. Pick gewählt, doch auch er nahm die Wahl, nicht au. Im dritten Wählgang ' wurde der Professor der semitischen, Sprache Dr. Max Grunert zum Rektor gewählt, der erklärte, daß er die Wahl annehme. Wie in akademischen Kreisen versichert wird,, lehnten die Professoven Singer und Pick die Rektorswürde mit Rücksicht auf ihre Zugehörigkeit zum Judentum ab. Da die überwiegende Mehrzahl der Prager Studentenschaft der deutsch-nationalen Partei angehört, zogen es die genannten Herren vor. auf die höchste akademische Würde zu verzichten, um Konflikte, die an der Prager deutschen Universität keine seltene Erscheinung sind, zu vermeiden. * England. z. London, 15. Juli. Vor kurzem fand unter dem Vorsitz des Herrn Frank I. Lyons die Jahresversammlung der Vereinigung zur Förderung des Unterrichts in Religion und Hebräisch statt. Von allgemeinem Interesse waren die Ausführungen des Herrn Norman Bentwi ch. Der Redner trat für die Unifikation des Religions-, Unterrichtes ein. Er führte aus, daß von den zirka 35 000 schulpflichtigen Kindern Londons höchstens zwei Drittel einen Religionsunterricht erhielten. Direkt gesundheitsschädlich sei der oft in Kellerräumen abgehaltene Religionsunterricht der Talmud-Thoraschulen des Eastends. Es sei daher ein dringendes Erfordernis, daß sich die verschiedenen Körperschaften Londons, die die Erteilung des Religionsunterrichtes zu ihren Obliegenheiten zählen, vereinigten, um ihn einheitlich zu gestalten. — Im jugendlichen Alter von 30 Jahren wurde am 17. Juni an Bord des Dampfers „Athenic" der hoffnungsvolle Krebsforscher Dr. Charles R. Kehser durch den Tod dahingerafft.' Ursprünglich Chirurg am St. Georges-Hospital hatte der Verblichene, nachdem er Prosektor am Königlichen Aerzte-College und Assistent am Kinderhospital in Chelsea geworden war. in so jugendlichem Alter den ehrenvollen Ruf an das Londoner Krebshospital auf Grund seiner wissenschaftlichen Arbeiten erhalten. Er war zu den größten. Hoffnungen berechtigt. — Im englischen Parlament kam kürzlich jene längst erwartete Bill zur Verhandlung, durch welche aus dem. Eide des Königs die katholikenfeindlichen Stellen entfernt werdöll sollten. Es war eine merkwürdige Ironie, daß auch Mr. Bellock. der einzige antisemitische Abgeordnete, bei dieser Gelegenheit in überschwenglichen Werten die religiöse Toleranz predigte. Das veranlaßte: Lord Primrose, den Sohn des gewesenen Premierministers Earl Rosebery und Enkel Lord Rotschilds zu einer bemerkenswerten Antwort. Wiewohl selbst als Protestant geboren, rühmte er sich seiner jüdischen Abstammung. Er bezeichnete es als Heuchelei, wenn Mr. Bellock sich auf den Apostel der religiösen Toleranz ausspielt und schloß mit einer Paraphrase jener berühmten Worte, die einst Lord Beaconsfield im englischen Oberhause für die Gleichberechtigung der Juden auf die Wagschale warf: „Als meine Urahnen gezwungen wurden, in der Knechtschaft Ziegel ohne Stroh herzustellen, da waren es die Urahnen meines geehrten Vorredners, die sie zu dieser Zwangsarbeit verhalten haben." Dieses freimütige Bekenntnis jüdischer Abstammung wird dem jungen Lord hoffentlich in seiner Karriere nicht schaden. In anderen Ländern pflegen selbst jüdische Aristokraten damit sehr vorsichtig zu sein. Sun Ash und ffrrn. — Prof Dr. Hugo Münsterberg von der Harvard-Universität, der als Austauschprofessor an der Berliner Universität Vorlesungen über allgemeine Psychologie und die Zivilisation in Amerika sowie über „Die Philosophie Fichtes" halten wird, istwie wir erfahren, bereits in Berlin eingetroffen. Prof. Dr. Münsterberg wird auch das neue Berliner Amerikanische Institut einrichten, das als „a Clearing house for the relations betvveen Germany and American culture“ gelten soll. Prof Münsterberg ist bereits zum offiziellen Direktor des Instituts ernannt worden, zu dessen Gründung die Bankiers James Speyer 500000 Mark und Jakob Schiff 250000 Mark beigesteuert haben. Das Institut genießt, wie schon früher mitgeteilt, die Unterstützung der deutschen Regierung. — Die in Gtogau verstorbene Witwe Luise Weisftein hat der Synagogengemeinde Glogau

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