Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 347 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Litersrilchr Mitteilungen. S. Luß - Mannheim. Schamsche. Roman aus dem -jüdischen Gemeindelebem Mannheim 1909. 262 Seiten. 3-Mark. Auch, in dieser Erzählung — die früher erschienen ist als die zuerst angezeigte Schrift des Verfassers — zeigt sich Luß als gewandter Erzähler und Charakterschilderer. Ter Inhalt zeigt viele Aehnlichkeit mit dem Roman „Um zwanzig Gulden". Schamsches Vater, ein Trunkenbold, der das seit Jahrhunderten seiner Familie gehörige Recht, den RawdolohWein in der Synagoge zu spenden, hat aufgeben müssen, weil er nicht mehr in der Lage war. die Kosten dafür aufzubringen, hat seinem Sohn einen unauslöschlichen Haß gegen Gabriel Gelbgießer, der sich das von Schamsches Vater aufgegebene Recht erworben hat, eingepflanzt und ihiu den Schwur abuommen, nicht eher zu ruhen, bis er dieses alte Recht wieder an seine Familie zurückgebracht hat. Mit eiserner Ausdauer verfolgt Schamsche dieses Ziel — von einem armen Burschen, der sich von anderen Knaben schlagen ließ, nur um seiner betrübten Mutter einige Heller nach Hause bringen zu können, steigt er zum reichen und geachteten Kaufmann auf; aber fein Ziel erreicht er nur durch die Macht der Liebe. Das alles ist interessant und ohne Uebertreibung geschildert. Die einzelnen Figuren treten nicht so scharf hervor wie in der andern bereits erwähnten-Erzählung; immerhin verdient die Figur des selbstherrlichen Parnes, der aber doch während seiner ganzen Amtstätigkeit den Frieden seiner Gemeinde zu erhalten weiß, neben der des Helden der Erzählung genannt zu werden. Hübsch ist auch die kurze Rede, welche der Lehrer bei der Verlobung Schamsches und Miriams hält. — E. Rhein. fr „The Jewish'Review," Vol. 1, Nr. 1. London, G. Roulledge and Sons, 1910. Eine neue wissenschaftliche jüdische Zeitschrift ist immer mit Freude zu begrüßen; es gehört Mut dazu, bei der geringen Opfcrfreudigkeit, die unsere Glaubensgenossen im Gegensatz zu ihrer sonstigen Spendenslust wissenfchaftlicl en Arbeiten entgegenbringen, ein derartiges Unternehmen zu wagen. Wenige solche Versuche haben bisher Glück gehabt, wenn sie nicht, wie die „Revue des Etudes Juives" ober die „Monatsschrift für Geschichte und Wissenschaft des Judentums" große Gesellschaften hinter sich haben. Als Herausgcker des neuen Blattes neunen sich Normann Bentwich und Dr. Josef Hochmann. Die neue Zeitschrift soll alle zwei Monate erscheinen; der jährliche Abonuementspreis ist 7 Schilling. Die Zeitschrift ist nach englischer Sitte vornehm ausgestattet. Das erste Heft hat 96 Seiten. Der Charakter der Zeitschrift soll international sein, denn auch Deutsche, wie I. Elbogen, arbeiten daran mit. Ihr Wesen könnte man mit den Worten „Wissenschaft und Leben" bezeichnen; das Interesse für die Gegenwart und ihre Bestrebungen überwiegt. Denn gegenüber einem Aussatze A. Büchlers „Griechischrömische Kritiken einiger jüdischer Gebräuche und Glaubensmeinungen" stehen sechs größere, modernen Zeitfragen gewidmete Artikel: Ueber die Pogroms; Pragmatik der Religion; Reform des Judentums auf nationaler Basis; Die freie jüdische Organisation (bic sogenannte Mittelpartei); Ueber die territorialen und über die zionistischen Bestrebungen. (Es wäre nicht gut, wenn die neue Zeit schrist auch ferner mit so breiter Ausführlichkeit den Zionismus behandelte) Meinem speziellen Interesse steht ein Brief Heines nahe, den H. Adler herausgegeben hat. Ter Herausgeber hätte nur bestimmter sagen müssen, daß von dem Briefe das größere Stück, rein geschäftlichen Inhalts, ungedruckt, dagegen der kleinere, aber interessantere Teil, über des Schreibers religiöse Gesinnung längst bekannt ist, vor allem hätte er darauf Hinweisen müssen, daß K. E. Franzos und andere über die im Briefe behandelte Angelegenheit sich sehr ausführlich ausgesprochen haben. Ter Brief Heines ist an den alten Lassalle, den Vater Ferdinand Lasalles, gerichtet und vom 30. April 1850 datiert. Dem neuen Unternehmen, dem wir nur eine etwas stärkere Betonung der. eigentlichen Wissenschaft des Judentums raten möchten, ist ein guter Fortgang zu wünschen. L. G. Der Existenzkampf. Soziale Bilder aus der Gegenwart von Siegfried Bloch. Turnus-Verlag, Zürich, Bolleystraße 34. 1910. Eines jener gutgemeinten Bücher, bei denen man nicht böse werden soll, wenn man auch ihre Notwendigkeit nicht einsieht. Der Verfasser plaudert über: „Der moderne Verkehr, Arbeit. Familiäre Beziehungen. Handel, Vereinswesen, Wohnungswesen. Kirchenwesen, Politik und Verwaltung" in kurzen Sätzen. Er stellt Eigenes und Angeeignetes, Neues und recht Altes, Wahres und Unwahres zusammen. Dem Namen nach ist der Verfasser ein Jude. Doch sucht er selbst in dem Abschnitt „Kirchenwesen" durchaus allgemein zu bleiben. Ter Spruch: „Jüdischer Mittelstand. Unter sich sind viele Juden Antisemiten" mag wahr sein; der andere: „Großstädtische ad majorern dei gloriam. Die Christen singen jetzt im Shnagogenchor, die Juden im Kirchenchor mit" ist zum mindesten übertrieben. Auf manche unserer Großgemeinden mag der Satz passen: „Eine größere Gemeinde hat das ganze Jahr an ihren Geistlichen etwas auszusetzen; kommt die Gelegenheit, ihre Antipathie zu zeigen, so erhält er unter Gehaltserhöhung stets ein Vertrauensvotum." Man sieht schon aus diesen drei Sprüchen, ein Buch voll derartiger Gemeinplätze war nicht nötig. Besonders nützlich ist es gewiß nicht; man kann höchstens sagen, daß es nicht viel Schaden anrichten kann. ' L. G. * Jean EJou.irJ Spenle, Professeur a I’univeFsile d’Aix-Marseille. Rah'el Mme Varnhagen von Ense. Histoire d’un Salon Romantique en Allemagne. Paris. Librairie Hachette & Cie., 79 Boulevard Saint Gennain. 1910. 263 Seiten Großoktav, 7.50 Francs. Wir wollen uns die berühmte Rahel Levin, später verehelichte Varnhagen trotz ihrer Taufe als einen unserer Ruhmestitel nicht nehmen lassen, und jedes Buch, das über sie handelt, ist auch für unseren Kreis interessant. Das Werk, das hier angezeigt werden soll, ist ein echt französisches Buch mit allen den Vorzügen und wenigen Mängeln dieser Art von Werken. Zu den Vorzügen gehört die glänzende Darstellung, die die Lektüre des Buches zu einem besondern Genuß macht; de,: Mangel oberflächlicher Schilderung, den man manchmal ziemlich ungerecht den Franzosen schuld gibt, spürt man durchaus nicht. Denn das Werk ist gründlich gearbeitet und durchaus den Quellen entnommen. Als Mangel könnte man die Nichtberücksichtigung des jüdischen oder vielmehr die nicht genügende Hervorhebung dieses Elementes anführen. Gewiß wird bei Rahel und bei manchen ihrer Freunds Gans, David Veit, der übrigens wohl ungerecht als Typus eines Philisters geschildert wird, der jüdische Ursprung erwähnt, aber einerseits wird das mannigfach Jüdische in Rahels Wesen nicht genügend dargetan, anderseits werden ihre begeisterten Anssprüche über Judentum und jüdische Religion nicht in der Weise hervorgehoben, wie dies hätte geschehen müssen. Und das ist doch eigentlich das psychologische Problem bei Rahel und den meisten Frauen jüdischen Ursprungs aus jener Zeit nicht: daß sie zum Christentum übertraten, sondern, wie sie zum Judentum standen, was sie von ihm empfangen hatten, wie sie darunter litten, und wie sie doch anderseits stolz auf den Glauben ihrer Väter und ihre Abstammung waren. Ein erschöpfendes Buch über Rahel könnte nur von einem Juden geschrieben werden, der mit deutschem Wesen und deutscher Kulturgeschichte völlig vertraut ist. L. G. &H.- Mcheremlsuk. Besprechung der Bücher Vorbehalten. Zurücksendung der Bücher findet in keinem Falle statt. Die Sünden der Päpste im Spiegel der Geschichte. Eine Modernisten-Antwort auf die BorromäuS-Enzyklika von Dr. Th. Engert. Leipzig, Krüger & Co., 1910. 8 Lieferungen ä 0,75 Mark. Die Killeberger. Nach der Natur ausgenommen von Onkel Siegfried (Siegfried Mühsam). III. Auflage. Fünftes und sechstes Tausend. Leipzig 1910. M. W. Kaufmann. J. Singer. Preliminary Announcement of a library of postbiblical literature: Hebrew text, commentary, english translation, introduction. New York 1910.