Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 340 (sequence 4)
- Language
- German
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tesbaren Namen Zar Nikolaus'II: Das Bild würde eines Tages aus dem Glaspalast entfernt, nachdem man schon vorher den Versuch gemacht hattet die ominöse Affiche mit einer Art Draperie zu verdecken. Ein hiesiges Blatt berichtete, daß die Entfernung durch staatliche. Anordnung erfolgt sei, nachdem eine Intervention der-, russischen- Gesandtschaft bei der bayerischen Regierung vorausgegangen war. - Diese Darstellung wurde alsbald dahin richtiggestellt, daß nicht die russische Gesandtschaft die Anregung, gegeben hätte, sondern die. bayerische Staätsregierung die Entfernung' für angemessen gehalten hätte, nachdem sie gehört hatte, daß die Hiesigen russischen Kreise sich durch die politische Tendenz des Gemäldes verletzt fühlten und in ihm eine Majestätsbeleidigung gegenüber dem Zaren erblickten. In der Anbringung der Affiche wäre die Tendenz gefunden worden, als ob der Zar die Massakers billige oder die Behörden vom Eingreisen zurückhalte;. die bayerische Regierung müsse hierin aber die Beleidigung eines befreundeten Souveräns sehen. Die hiesige sozialdemokratische Zeitung „Münchener Post" brachte' über die Entfernung einen lesenswerten Artikel, in welchem sie darauf hinwiesdaß in einer Reihe von auswärtigen Städten das Bild zur Ausstellung gebracht worden sei, ohne daß die Beleidigung eines befreundeten Monarchen befürchtet worden wäre; unsere bayerische Regierung, die ja auch einen besonderen Auslieferungsvertrag mit Rußland hat, dessen Fortbestand schon einmal im bayerischen Abgeordnetenhause in nicht gerade günstiger Weise erörtert wurde, scheine also besonders feinfühlig gewesen zu sein. Interessant aber ist es, zu konstatieren, daß, weil die hiesigen russischen Kreise sich verletzt fühlten, die Entfernung eines Bildes erfolgte, das nach seiner ganzen Darstellung nicht die Tendenz hatte, den Zaren zu beleidigen, sondern Mitgefühl zu erregen für unsere Glaubensgenossen, die in den von Pogromen bedrohten Gegenden Rußlands sich. befinden. Interessant ist es feststellen zu können, daß die bildliche Darstellung von Greueln unterdrückt werden kann, welche jeder Gebildete verabscheuen muß, es für die gebildete Welt aber kein ausreichendes Mittel gibt, die Unterdrückung dieser Greuel durch die Staatsgewalt in: Rußland zu erreichen. Difficile est üsw. Zur Ergänzung dieses Briefes diene folgende Depesche des „Berk. Tagebl/ (16. Juli): In der heutigen Si^ung der bayerischen Abgeordnetenkammer gab bei der Beratung des Kültusetats Staatsrat v. Loeßl im Namen des beurlaubten Ministerpräsidenten Freiherrn v. Podewils folgende bemerkenswerte Erklärung ab: „Das Bild des polnischen Malers Fabjanski „Der Pogrom in Kiew" ' stellt ein Jüdenmassaker dar. In der Zusammenstellung des oorgesührten Blutbades mit dem Namen des Zaren kann man wohl kaum eine andere Tendenz finden, als daß dadurch dem Kaiser von Rußland die Verantwortung für das dargestellte Gemetzel zugeschoben wird. Das Bild mußte deshalb als ein tendenziöser Angriff auf einen Souverän eines befreundeten Staates aufgefaßt werden, welche Auffassung schon dadurch bestätigt wird,' daß das nach dem Ausstellungskatalog mit dem Namen „Der Pogrom in Kiew" benannte Bild nach. den Zeitungsberichten auch den Namen „Aus dem Reiche des Zaren" führt. Das Bjld hat denn auch bei allen monarchisch gesinnten. Russen den größten Anstoß erregt. Als derzeitiger Vertreter des-Mäatsministers des Aeußeren habe ich, als ich von dem Charakter'des Bildes hörte, es besichtigt und habe hierbei die UeberzeugNng geivonnen, daß das Bild aus-Gründen der internationalen Courtoisie - in einer Ausstellung, die in einem Staatsgebäude untergebracht ist, - nicht belassen werden kany. Ohne erst eine formelle Beschwerde der > russischen Eesandtschast 'abzuwarten, habe ich mich an die bei der Verwaltung des Gläspalästes als eines staatlichen Gebäudes mitbeteiligten Ministerien des'-Innern und des / Kultusministeriums gewandt und habe ' auch,. nachdem diese Ministerien der von mir beabsichtigten Anordnung der Entfernung des Bildes nicht entgegengelreten warenan die Ausstellungsleitung die Aufforderung gerichtet, das Bild zu entfernen. ^Dieser- Aufforderung hat die Ausstellungsleitung denn auch, entsprochen. Ich glaube, daß das Bild von der Ausstellungsleitung von vornherein nicht zu gelassen worden wäre, trenn man dessen politisch anstößigen Charakter gleich erkannt hätte. Nicht Schwäche 'ist es, die den Künstlern Münchens die bekundete Zurückhaltung diktiert hat, sondern gesunder Sinn für die Wirklichkeit des Lebens. Ebensowenig wie auf die Künstlerschaft, ebensowenig kann dieses bedenkliche Wort auf das Vorgehen der Regierung angewendet werdendenn das Vorgehen war nur eine notwendige Folge der Rücksicht, die befreundete Staaten aufeinander zu nehmen haben. Von einer Demütigung -kann deshalb keine Rede sein. Ich möchte bei dieser Gelegenheit auch noch besonders darauf Hinweisen, daß der Kaiser von Rußland gerade dadurch, daß er zahlreiche ihn» gehörige und äußerst wertvolle Kunstgegenstände, die bisher noch niemals Moskau verlassen hatten, der hiesigen mohammedanischen Ausstellung überwies, der Kunststadt München dadurch eine außerordentliche und ungewöhnliche Aufmerksamkeit erwiesen hat, und daß München dem Zaren darum zu besonderem Dank verpflichtet ist." Nach der Rede Loeßls richteten mehrere sozialdemokratische Redner heftige Angriffe gegen den Staatsrat v. Loeßl und bezeichneten sein Vorgehen als eine Blamage, wofür der Präsident ihnen eine Rüge erteilte. Staatsrat v. Loeßl wies die Angriffe zurück und betonte, er würde es bedauern, wenn er mit diesen Rednern einer Meinung sein müßte. Er teilte schließlich mit, er habe auf eigene Verantwortung gehandelt, Minister v. Podewils habe von der Angelegenheit nichts gewußt. Aus Wien wird uns geschrieben : Am 14. Juli wurde der langjährige Vizepräsident der Wiener israelitischen Kultusgemeinde der k. k. Baurat Wilhelm Stiaßny mit außerordentlichen Ehren in einem von dem Vorstand bewilligten Ehrengrad beerdigt. (Er ist am 11. Juli gestorben.) Das Leichenbegängnis gestaltete sich zu einer imposanten Trauerkundgebung. Wilhelm Stiaßny wurde am 15. Oktober 1842 in Wien geboren, im Hause seines Vaters, eines Kaufmanns, von Dr. Eduard Schwarz erzogen, absolvierte die Normalschule auf der Landstraße, kam als Fünfzehnjähriger auf die technische Hochschule und verließ sie mit 19 Jahren. Er wurde Architekt und ist der Erbauer einer außerordentlich großen Zahl von Wohnhäusern, Fabriken, Schulen, Krankenhäusern und Palästen. Er errichtete das Rothschild-Spital und das Blindeninstitut auf der Hohen Warte, ferner das israelitische Altersversorgungshaus in der Seegasse, das Rothschild-Spital in Smyrna, das Seehospiz in Rovigno und vor allem zahlreiche Synagogen. Fast sämtliche Synagogen, die in den letzten zwei Dezennien in den größeren Gemeinden und der österreichischen Monarchie errichtet wurden, sind das Werk des Verstorbenen. Als eines der schönsten Gotteshäuser, die Stiaßny erbaut hatte,' mag der neue Tempel in den königlichen Weinbergen bei Prag angesehen werden. Stiaßny war ein außerordentlich tätiges Mitglied des Vorstandes der Wiener Gemeinde, Gründer und Präsident der Gesellschaft für Sammlung und Konservierung von Kunst- und historischen Denkmälern des Judentums, des Vereins zur Unterstützung israelitischer Handwerker sowie Mitglied vieler anderer humanitärer und Kultürvereine, Einen der schönsten Abschnitte im Leben des Verstorbenen bildete .sein Wirken als Mitglied, des Wiener Gemeinderates, dem er durch nahezu 30 Jahre angehört hatte. Mit seiner