Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 29 (22.7.1910)
- Date
- 1910-07-22
- Page
- Seite 339 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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älteste der bestehenden jüdischen Zeitungen hat ihren hervor» ragenden Redakteur Gustav Karpeles durch den Tod verloren (21. Juli 1909). Karpeles war ohne allen Zweifel einer der führenden Journalisten unserer Glaubensgenossen. Er vereinigte eine leichte Feder, glänzenden Humor mit gründlicher Kenntnis jüdischen Lebens und jüdischer Literatur; sein Tod bereitet unserer Sache einen großen Verlust. Dieser Verlust wird von den Repräsentanten der amerikanischen Judenheit besonders schwer empfunden, weil sie in ihm einen sympathischen Freund und einen eifrigen Fürsprecher der liberalen Darlegung unseres Glaubens sah, die ex oft in Wort und-Schrift, sowie durch seine Bewunderung des amerikanischen Judentums und dessen Einrichtungen zum Ausdruck brachte." Nach der einstimmigen Annahme dieser Resolution erhob sich K. Köhler und führte folgendes aus: „Mir scheint, das; diese Resolution nicht genügend die Verdienste hervorhebt, die sich Karpeles um die Förderung der jüdischen Geschichte und Literatur erworben hat. Seine Bedeutung ist viel größer als die eines bloßen Leiters der Allgemeinen Zeitung des Judentums. In ganz Deutschland und Oesterreich wußte er das Interesse für Judentum und jüdische Literatur zu beleben. Seine „Geschichte der jüdischen Literatur" ist trotz mancher Fehler im einzelnen, besonders in den Anfängen, die er nicht klar genug überschaute, ein Werk, für das alle Gelehrte ihm dankbar sein müssen. Er verstand cs, für Laien und Fachleute die Literatur interessant zu machen. Durch seine Hingabe an das Judentum, durch seine Erkenntnis des fortschrittlichen Geistes der Religion erwarb er sich einen mächtigen Anteil an der Förderung des jüdischen Lebens und Denkens. Und ferner, er schrieb als Jude. Während der letzten zwei Jahrzehnte, in denen Heine durch den antisemitischen Geist selbst nach seinem Tode verfolgt ward, gehöhnt von hoch und niedrig, stellte er Heine stets in den Vordergrund und zwang das deursche Publikum das anzuerkennen, was Heine geleistet hat. Mit einem Wort: er hat Bedeutendes gewirkt, mehr als in der sonst löblichen Resolution anerkannt worden ist". 45^. Sir Woche. Berlin, 39. Juli 1910. *^4 m Anschluß an unsere Mitteckungen über die Jahres- Versammlung der „Jewish Colonisation Association" wird folgende der „Neue Jüdischen Korrespondenz" entnommene Nachricht willkommen sein. Die Ansiedlung der schwer bedrückten, nach einer neuen Heimat verlangenden Glaubensgenossen, kann gar nicht eifrig genug gefördert werden, hauptsächlich ist, wie es auch bei dem neuen Versuche geschieht, die Beschäftigung der Einwanderer mit Landwirtschaft anzustreben, und wie dies gleichfalls hier vorausgesehen wird, dafür Sorge zu tragen, daß ihnen nicht Geschenke, sondern Darlehen gegeben werden, mit der Verpflichtung, diese nach einigen Jahren zurückzuzahlen. Nur wäre es sehr gut, wenn auch diese neue „Propaganda der Tat" mit der bewährten „Jewish Colonisation Association" in nähere Verbindung gebracht würde. Die Nachricht selbst lautet: Einige in Texas ansässige reiche Juden, denen sich der bekannte Multimillionär Jakob Schiff zugesellt hat, haben zwischen Galveston und Houston 50 000 Acker Land gekauft, aus dem die aus Europa, namentlich aus Rußland ausgewiesenen oder ausgewanderten Juden angesiedelt werden sollen. Nach den Plänen des Ausschusses, der sich mit der Ansiedlung befaßt, soll jede jüdische Familie etwa 20 Acker .. ' S>/,V V-W . . » - - > . -;K , . , Landes, ein auf Kosten der Gesellschaft erbautes Häuschen, ein Pferd, eine Kuh und das nötige Arbeitsgerät erhalten. Im ersten Jahr erhalten, die Ansiedler auch die nötigen Vorräte; die Abzählung für den Wert des Gutes soll in 25 Jahresraten erfolgen. 4p Wird diese An siedlungsmöglichkeit den russischen Juden noch in viel reicherem Maße gewährt, als es bisher der Fall ist, dann dürfte der Uebertritt zum Christentum wenig Vorkommen. Bisher hat man nur in vereinzelten Fällen davon gehört, daß russische Juden, um in der Heimat bleiben zu können, ihren Glauben wechseln. Dies scheint aber doch in letzterer Zeit in größerem Maße der Fall zu sein, als dies unter uns bekannt ist. Während die spanischen, gewiß recht eifrigen Glaubensstreiter im fünfzehnten Jahrhundert gern ein Auge zudrückten wenn Juden den christlichen Glauben annahmen (Zeugnis dafür die Marannen), sollen die russischen Behörden versuchen, die christliche Gemeinschaft rein zu erhalten, wenn folgende Nachricht der „Frankfurter Zeitung" richtig ist, woran freilich bei den guten Informationen jenes Blattes kaum gezweiselt werden kann. Die. Zeitung schreibt: Das Departement des Ministeriums des Innern für nichtorthodoxe Konfessionen hat sich an das evangelisch-lutherische Generalkonsistorium mit der Mitteilung gewendet, es sei zur Kenntnis des Ministeriums gelangt, daß in letzter Zeit der Uebertritt von Juden zur lutherischen Kirche stark zunehme. Das Departement spricht die Befürchtung aus, daß der Massenübertritt der Juden nicht durch religiöse Motive veranlaßt werde, sondern dprch den Wunsch, sich die Rechte zu erwerben, deren sie als Juden entbehren. Das Departement schreibt dem Generalkonsistorium vor, ein Zirkular an die Pastoren zu erlassen, das die äußerste Sorgfalt bei Judentaufen empfiehlt. Es sollen nur Personen getauft werden, die fest in den Lehren der evangelischen Kirche sind. Zudem haben sich die Pastoren von den Motiven der Proselhten zu überzeugen. Während bisher der Uebertritt zu jeder Zeit möglich war. ist er nunmehr zur Konfirmationszeit, also einmal im Jahre gestattet. Manche Blätter wußten über Judenverfolgungen aus Bulgarien zu berichten. Demgegenüber wird aus Sofia gemeldet: Die „Agence Telegraphique Bulgare“ setzt den von Belgrader Blättern gebrachten Meldungen über angebliche antisemitische Verfolgungen und Auswanderungen jüdischer Familien aus Bulgarien das formellste Dementi entgegen. Ein Zirkular des Ministers des Innern, das diesen phantastischen Nachrichten vermutlich als Grundlage dient, konstatiert bloß zwei oder drei vereinzelt gebliebene Fälle, wo hergelaufene Individuen die Naivität des Volkes auszubeuten suchten, indem sie die Legende von der rituellen Verwendung von Christenblut durch die Juden wieder auffrischten. In Bulgarien bestehen keinerlei antisemitische Regungen. Im Anschluß daran sei mitgeteilt, daß der König von Bulgarien, der vor kurzem in Paris weilte, im Hause des bekannten Gelehrten und Publizisten Joses Reinach an einem Frühstück teilnahm und sich sehr begeistert über die dort verbrachten, unvergeßlichen Stunden aussprach. Hoffentlich entnimmt er dem Umgänge mit so ausgezeichneten Vertretern des Judentums eine gerechte Schätzung auch seiner jüdischen Untertanen. * Aus München wird uns geschrieben: In der Kunstausstellung 1910 im Glaspalast in München befand sich bis vor einigen Tagen ein Bild des Malers Stanislaus v. Fabijanski in Krakau, betitelt „Ein Pogrom in Kiew", ein Judenmassaker darstellend. Auf dem Bild pefand sich über den Leichen der Massakrierten eine Affiche in russischer Schrift mit dem deutlich