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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-22 · Heft 29 (22.7.1910) · p. Seite 338

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 29 (22.7.1910)
Date
1910-07-22
Page
Seite 338 (sequence 2)
Language
German
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Beifalls wegen. Was das Lob des Publikums wert ist, weiß ich. und wissen auch Sie ganz genau." In einem Briefe äüs Karlsbad vom Jahre 1894 schrieb er mir: „Mag unser lieber Spaßvogel Kaßriel Pessachsohn auch ferner zum Gaudium gewisser Leute seine Witze reißen und getrost behaupten, daß die geraden Nummern der grünen Zeitung liberal, die ungeraden orthodox seien. Das läßt mich kalt und ist für mich weniger deprimierend als die heute hier empfangene Nachricht, daß "der „gute Jüd" aus Hussyatin, den ich im vorigen Jahre in einem Karlsbader Brief persifliert habe, in das für besser geltende Jenseits berufen worden ist. Mein Vorsatz steht nun k fest: Ich will gegen keinen Menschen mehr schreiben! Bei jedem Versuch, die Feder in Galle statt in Tinte zu tauchen, wird die blasie Gestalt des toten Hussyatiner Rabbi vor meinem geistigen Auge auftauchen, und davor kann weder eine deutsche noch eine jüdische Brille mich schützen. Grüßen Sie Kassriel Pessachsohn und sagen Sie ihm, daß ich über seinen neuesten Witz herzlich gelacht habe." So streng und kritisch Karpeles gegen sich selbst war, so nachsichtig, milde und wenig nachtragend war er gegen andere, selbst, wenn er ihnen zu grollen, begründete Ursache hatte. . Noch, ist es nicht an der Zeit, ein erschöpfendes Bild des Verewigten zu zeichnen, obgleich ich reichliches Material hierfür besitze. Er war nicht frei von Fehlern und Schwächen, wie sie der menschlichen Natur eigen sind — sein größter Fehler war seine übergroße Gutmütigkeit, aber er besaß so unschätzbare Tugenden, die selbst der Neid und die Mißgunst seiner wenigen Gegner ihm nicht abzusprechen vermochten. Eintracht und Friede, getragen von unendlicher Liebe, Verehrung und Bewunderung für das Judentum, seine Geschichte und Literatur in ihrer - tausendjährigen Entwicklung bildeten die Devise seines arbeitsreichen Lebens, die Zauberkraft seines erfolggekrönten literarischen Schaffens und Wirkens, dessen Richtlinien ihm, wie er wiederholt betonte, von dem unvergeßlichen Leopold Zunz vorgezeichnet waren. „Unabweisbar," schrieb dieser 1832 in seiner Vorrede zu den „Gottesdienstlichen Vorträgen der Juden" — „ist das freie belehrende Wort. Alle seine Güter hat sich das Menschengeschlecht durch die mündliche Belehrung, durch die das ganze Lebensalter hindurch währende Erziehung erobert. Zu allen Zeiten ist auch in Israel das Wort der Lehre von Mund zu Mund vernommen worden, und jedes fernere Gedeihen jüdischer Anstalten kann nur dem Einsicht und Erkenntnis ausgießenden Worte entströmen." Diese Anschauung diente Gustav Karpeles als Maxime für seine öffentliche Tätigkeit. „Die Wissenschaft des Judentums," äußerte er mir gegenüber schon in der ersten Zeit unserer Bekanntschaft, „hat bereits eine Höhe erreicht, auf die wir mit freudiger Genugtuung blicken dürfen, aber es ist traurig und zugleich beschämend für uns, daß gerade die große Masse der deutschen Juden heit nicht die leiseste Ahnung davon hat." Darum ergriff er mit jugendlicher Begeisterung die von mir und unserem gemeinsamen Freund Willy Bambus seligen Angedenkens gegebene Anregung, Vereine für jüdische Geschichte und Literatur ins Leben zu rufen, die frei von allen religiösen und politischen Tendenzen, einzig und allein den Zweck verfolgen sollten, die Wissenschaft des Judentums zu popularisieren, durch Veranstaltung von öffentlichen Vorträgen die große Masse unserer Glaubensgemeinschaft mit den wechselvollen Begebenheiten unserer Geschichte und den reichen Schätzen unserer Literatur -vertraut zu machen. Mit welcher Begeisterung Gustav Karpeles das begonnene Werk propagierte, möge folgender Auszug aus seinem Schlußworte zu der ersten Nummer der Mitteilungen aus dem Verbände der Literäturvereine bekunden: „Mit freudig bewegtem Herzen rufen wir all unseren deutschen Glaubensbrüdern zu: Sehet, teure Brüder, hier ist ein Werk unternommen worden, das, wenn ihm Gottes gnädiger Schutz und Eure warmherzige Teilnahme gesichert sind, sich zu hoher Bedeutung entwickeln und für die Zukunft des deutschen Judentums von entscheidendem Einfluß werden kann! Draußen tobt der Sturm der Feinde gegen uns, wir aber haben, wie einst unsere Ahnen, mit der einen Hand uns zur Abwehr gerüstet und mit der anderen den Bäu des großen Werkes begonnen, welches das Heiligtum unserer Wissenschaft bergen soll. In unseren Literaturvereinen wird sich die Zukunft des Judentums entscheiden,^, wenn sie wirklich zu der Entfaltung gelangen, welche der verheißungsvolle Anfang erhoffen läßt^ Hierher komme, wer seinen Gott verloren hat im Gedränge der Zeit, und er finde ihn wieder, in den heiligen Urkunden unserer Glaubensgemeinde; hierher komme, wer in den Stürmen dieser Zeit an der großen Zukunft unseres Stammes verzweifeln möchte, und er lerne aus den Büchern unserer erhabenen Geschichte die große, gottesfreudige Sendung Israels kennen; hierher komme, wer Trost sucht in Leiden, wer geistige Nahrung finden will auf rauhem Lebenswege, wer seinen Kindern Schutz und Schirm gewähren will für die Tage, die da kommen werden! O, daß sie alle kämen, Greise und Männer, Frauen und Jungfrauen, vor allem aber die Jugend unseres Stammes, und daß sie an den großen Beispielen unserer glorreichen Geschichte sich aufrichteten, daß sie dort Mut und Widerstandskraft fänden für alle Stürme der Zeit, daß sie aus der Erkenntnis unseres weitverzweigten Schrifttums die Freudigkeit des Glaubens und den Stolz auf ein Bekenntnis schöpften, das allem Wechsel der Zeiten widerstanden und über Blut und Völker, über Tränen und Throne hinweg den Weg sich gebahnt hat bis in diese neue Zeit, um auch in dieser heißbewegten Epoche ein Zeuge zu sein für den Glauben an einen einzigen Gott und für die ethische Triebkraft der Lehre Israels." Diese Worte sind nicht bloß eine Abspiegelung seiner unerschütterlichen Glaubenstreue, sie sind auch der Reflex der Wünsche und Hoffnungen, die ihn auf seinem Lebensweg begleiteten und zum unermüdlichen literarischen Schaffen und Wirken ermutigten. Noch ist das schöne Ziel, das ihm und allen Freunden der Literaturvereine bei deren Begründung vorschwebte, nicht ganz erreicht, aber es ist nicht zu leugnen, daß sein im Jahre 1894 an die deutsche Judenheit gerichteter Appell die erhoffte Wirkung nicht verfehlt hat. Wir dürfen es getrost aussprechen: Wenn die Renaiffance des Judentums in den beiden letzten Jahrzehnten wesentliche Fortschritte gemacht hat, so war und ist es nicht zuletzt das Verdienst unseres unvergeßlichen Gustav Karpeles, der den von ihm zum Segen der deutschen Juden geschaffenen Vereinen für jüdische Geschichte und Literatur die größten Persönlichen Opfer gebracht und viele Jahre seines Lebens gewidmet hat. Heute, an seinem Todestage, können wir seiner nur mit den Worten des Dichters gedenken: „Auf des Lebens höchstem Throne Thronet ewiglich der Geist, Und die Nachwelt legt die Krone Auf die Gräber, die sie preist." Nachschrift. Im Anschluß, an den vorstehenden Artikel mag der folgenden Karpeles-Ehrung gedacht werden: Die amerikanische Rabbinerkonferenz beschloß in ihrer Sitzung vom 19. November 1909 folgende Resolution: Die

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