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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-15 · Heft 28 (15.7.1910) · p. Seite 335

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
Seite 335 (sequence 11)
Language
German
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Alle Nächte waren wunderlich traurig vom Glück der einen, die kommen sollte. Md es war, als ob sie ihre wunderliche Traurigkeit auch in düs Licht des Tages gössen, daß er ein einziges Nebelmeer wurde. Obgleich es noch gar nicht recht die Zeit der Novembernebel war. Unsäglich langsam schlichen diese Tage aus dem Nebel hervor und hatten quälend ernste Gesichter. Ihr war es, als ob jeder Tag das graubärtige, tiefgefaltete Gesicht ihres Vaters' hätte, oder das immer Noch ein bischen hübsche, aber vergrämte ihrer Mutter. Und jedes mahnte und mahnte und quälte so grausam mit seinem liebevollen Ernst, daß sie jeden Augenblick hätte aufschluchzen mögen. Ein Tag aber leuchtete mit den lockenden Augen ihres Don Diego. Das war der Tag. der kommen sollte... Und vor seinem schier gebieterischen Leuchten verkrochen sich alle mahnenden Nebelgesichter wie Hunde, die der Herr mit der Peitsche in der Hand kuschen läßt. Sie wußte von diesem Tag, der kommen sollte und sie mit ihrem Schwure zog, daß er zu einer Nacht, zu einer erschauernd wilden Hochzeitsnacht werden würde. Sie wußte es, ohne es denken zu können, wie Mädchen von Hochzeitsnächten wissen. Aber sie fühlte es als etwas Unabwendbares, unüberwindlich Starkes, dessen übermächtigem Zauberzwange sie nicht Kraft haben würde zu widerstehen. Nun fühlte sie es ganz in der Tiefe als ihr Schicksal, das in aller Süße eine lastende Schwere hatte. (Fortsetzung sogt.) Litersrilchr Mitteilungen. Weltgeschichte. Die Geschichte der Menschheit in Staat und Gesellschaft, in Kultur- und Geistesleben, herausgegeben von I. Pflugk- Hartüng in Verbindung mit 28 Universitätsprofessoren (folgen die Namen). Berlins Verlag von Ullsteinin Co. 6, Bände a 20 Mark. Einmonumentales Werkeigenartig in seiner Einteilung und der ganzen Art der Gestaltung, wunderbar gedruckt und ausgezeichnet durch eine Fülle der hervorragendsten Illustrationen, nähert sich feiner Vollendung. Band 2, ebenso wie 4 bis 6 sind längst erschienen. Sie behandeln das Mittelaller, die Neuzeit bis 1650, 1815 und von dem letzteren'Jahre bis auf die neueste Zeit. — Der kürzlich erschienene Band 1 gibt uns Veranlassung, aus das Werk einzugehen. So bedeutend und interessant auch alle einzelnen Abschnitte für den größten Teil unserer Leser sind, sowohl die Vorgeschichte der Erde von Johannes Walther, als die Entwicklungsgeschichte des Menschen von Ernst Haeckel oder die Anfänge menschlicher Kultur von M. Hoernes, ebenso die übrigen Abschnitte über die griechische und römische Geschichte — das wichtigste für uns ist der Beitrag von F. v. Luschan: „Rassen und Völker". Aus ihnen hebe ich nur zwei Sätze hervor. Der eine lautet: „Von dem großen Rassenaufbau kommt in Vorderasien nur das hetitische oder armenoide Element in Betracht; semitische und'nordische Einwanderer haben' es schon in früherer Zeit kulturell beeinflußt, aber somatisch nicht wesentlich verändert; so sind sogar unsere heutigen Juden zum größeren Teil die Nachkommen jener vorsemitischen', armenoiden Urbevölkerung, die in Palästina nur recht oberflächlich semitisiert worden waren/ Der zweite Satz, der Schlußsatz des ganzen Abschnittes, hat folgenden Wortlaut: „Nurein Laie kann heute von einer weißen Rasse sprechen; kein Fachmann würde es wagen, einen solchen Begriff ernsthaft zu definierend Soll man ihn auf die großgewachsenen blonden Langschädel unter den Angelsachsen und Skandinaviern beschränken oder will man ihn'auf alle Völker mit arischen Sprachen ausdehnen? Dann kann man Ungarn und .Tscherkessen ausschließen, muß aber so . gut wie die Griechen auch die Armenier und die Perser mit zu den AuSerwählten rechnen. Aber auch mit diesen wird man die Grenze noch nicht erreicht haben . . . Ein weiterer Zusammenhang sei hier noch angedeutet: die arischen. semitischen und die hamitrschen Sprachen find die einzigen, die ein grammatisches Geschlecht haben; keine einzige sonst in der ganzen Welt hat sich zu solcher Feinheit emporgerungen. Angehörige dieser drei Sprachgruppen sind aber auch Träger der drei großen Kulturen aus unserer Erde: der ägyptischem babylonischen und der europäischen." Aus dieser Aeußerung scheint hervorzugehen, daß Juden und Judentum unter die babylonische Kultur subsumiert werden, denn in Band 1 ist sonst nicht weiter von der Geschichte der Juden die Rede, obgleich bereits Griechen- und Römer dort behandelt sind. Wir sehen daher Band 2 des groß angelegten bedeutsümen Werkes mit großer Begierde entgegen. Dieser Band, der den Orient umfaßt, wird durch einen Abschnitt von C. Bezold: Die Kultnrwelt des alten Orients, Aegypten, Babylon, Judäa eröffnet werden. Der Band soll noch in diesem Jahre erscheinen; wir hoffen, unsere Leser bald davon unterrichten zu können. L. Gr. » Ewald G. Seeliger. Zurück zur Scholle. Roman, München Georg Müller. 1910. Ein gut geschriebener unterhaltender Roman in dem ohne aufdringliche Lehrhaftigkeit gezeigt wird, wie ein gänzlich verschuldetes verwahrlostes Gut (Majorat) durch die Tätigkeit des jungen Majoratsherrn, der freilich bald an einem Herzschlag stirbt, vor allem aber durch die unermüdliche Arbeit eines alten Inspektors, dem Ruin entzogen wird. Heitere Episoden wechseln mit ernsten und grausigen, satirische Ausfälle gegen das starre Kirchentum, gegen die nur nach Paragraphen handelnde Schulbehörde und gegen die konservative Regierung zeigen sich häufig. Auch mancherlei Liebeshändel. erfreuliche und unerfreuliche werden geschildert. -Daß ein ideal angelegter Volksschullehrer Moritz Gaffel (nicht etwa ein Jude) schließlich Ausficht hat, die anmutige und tatkräftige Tochter des Inspektors heimzuführen, die früher den Majoratsherrn geliebt hatte, von ihm erfolglos begehrt worden war und nun Mutterstelle an seinen Kindern vertritt, krönt als Heller Glanz das ganze Buch. Der Grund aber, der uns veranlaßt, das Werk hier zu nennen,' ist die Prachtgestalt des alten Abraham. Das ist ein kleiner Handelsjude, der sich durch Ehrlichkeit und Geschick emporgearbeitet hat, der rettende Engel des verschuldeten Majoratsherrn wird, die ungeheure Schuldenmasse, die sich bei den wucherischen Kumpanen Bartenstein und Levysohn aufgehäuft hatte, an sich zieht; wir gönnen ihm die Aussicht, daß er nach 12 Jahren die riesige Summe, die er in schönem menschlichen Vertrauen riskiert hat, zurückgezahlt erhält; Diese Figur des braven Juden, der keineswegs bloß ein gutmütiger Philanthrop, sondern ein gewiegter Kaufmann mit menschlichen Gefühlen ist, an seinen Ideen sesthält, von neumodischen Manieren und allgemeiner Bildung gar nichts weiß, aber das Herz auf dem rechten Fleck hat, ist so vortrefflich, ohne falschen Humanitätsdusel und ohne Spur von Sentimentalität gezeichnet, daß sie als eine wirklich vortreffliche gerühmt zu werden verdient. Das Buch darf als eine empfehlenswerte Lektüre bezeichnet werden. L. G. 5 röÜ DbV Homiletische Essays über zeitgemäße Fragen. Von Rabbiner Dr. Felix Kanter Frankfurt a. M. 1910. Verlag I. Kauffmann. Predigtsammlungen können im allgemeinen zu den Stiefkindern der jüdischen Literatur gezählt werden. Denn wer liest sie, oder wer kaust sie gar? Aber die „Homiletischen Essays" von Dr. F. Kanter haben mit den üblichen Previgtwerken nicht das mindeste gemein, und darum darf man hoffen, daß sie auch nicht das traurige LoS derselben teilen werden; Diü „Homiletischen Essays' sind gleichsam ein Midrasch in moderner Fassung. Geistvolle Deutung der Bibelverse auf Schritt und Tritt, ohne ihnen Zwang anzutun. Für den im jüdischen Schrifttum nur einigetzmüßett Bewanderten ist es eine wahre Freude, Wie hier gewissen Stellen der heiligen Schrift eine ganz originelle eigenartige Auffassung abgewonnen wird, und immer wieder wird man gefesselt von der Neuartigkeit der Auslegung, die aus dem einfachsten- Bilielsatze herausgelesen: wird. Dabei finden alle Fragen, die düs heutige Judentum berühren, ihre eingehendste Erörterung, namentlich das aktuelle Problem des Verhältnisses zwischer den

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