Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- Seite 334 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
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Und kaum, daß er selbst recht wußte, was er tun wollte — und sie schon gar nicht — beugte er sich Lief vom Pferde herab, den linken Arm um' den HalS des Pferdes geschlungen, den rechten um ihre Taille schlingend. Ein Griff. Ein Schwung. Wie mit einem Federball. Hoch hält er das Mädchen vor sich im Arm. , Da bäumt sich das Pferd. In die Luft schlagen die Hufe. Ein jähes atemloses Schweigen. Kein Schrei, kein Wort. Ihr Kopf fällt über seine Schulter. Nun aber — im selben Augenblick — ein einziger wilder Ruck: Don Diegos Knie sind Eisenspängen, sein linker Arm ist eine Zentnerwucht. Alle Gedanken stehen still und ballen sich zu einem kalt zitternden Willen. Hin saust das Pferd! Vom Weg in den Wald, auf den schmalen Reitweg hin, flitzt der Rappe wie ein abgeschnellter Pfeil. Instinktiv hat sie krampfhaft beide Arme um Don Diegos Hals geschlungen: die Weiten verflimmern, die Sonne wird Blut im Sinken, der Wald wird Nacht, purpurne Nacht. Und ihre Seele jauchzt zum Ersticken in der plötzlichen krampfhaften Umarmung. Sie schwebt ja im bluttollen Rausch der Bewegung ... Taumel ist alles, wirbelnder Taumel- Ganz kühl und straff hält sie sein rechter Arm. Alles Leben liegt in seiner linken Hand, alle Kraft: erst die Zügel fest,, erst den Rappen in der Gewalt! Nun hat er ihn in der Kandare, fest, fester. Ein Druck, noch ein Druck und Ruck. Zitternd steht der Rappe still. Aber nur einen Augenblick, .Jetzt braust Don Diegos Leben auf: ist Sinnenkraft, ist Jubel, ist Erobererlust. Und er lacht — lacht — lacht; voll Sinnenkraft, voll Jubel, voll Erobererlust. Und im Lachen schon gehen dem Rappen die Sporen in die Weichen. Die Zügel läßt er schießen, aber nur zum kurzen Trab. Oh jetzt hat er ihn wieder ganz in der Gewalt, mit dem leisesten Wink. Es ist kein Dahinrasen mehr, nur ein Wiegen ist es ... Und er lacht, wie er jetzt in aller Süße des Mädchens junges Leben bebend an seiner Brust fühlt. Jetzt hat er Gewalt über alles. Also weiter, dem Pferd die Sporen in die Weichen! Und wiegen soll es — Sie erwacht aus der purpurnen Nacht bei seinem Lachen. Und fragt: „Warum halten —?" . „Darum!" Und preßt seine Lippen auf ihren nahen Mund wie eine erstickende Siegerfaust. Um sie ist wieder purpurne Nacht. Und durch diese Nacht braust mit vielfachem Wiederhall wie ein inbrünstig andächtiger Choral Salomonis Hohe Lied der Liebe in all seinen hinschwellenden unsäglich süßen Rhythmen. . Nun ein Atmenholen, tief, ganz tief. Und mit neuer Kraft, noch höher, noch jauchzender braust Salomonis Lied : Ledir basewrim. . . jischukeni: Er küsse mich mit seines Mundes Küssen —--- Da weitet sich der Wald. Der Rappe wiehert. Er wittert den Stall. Fröhlich blinkt aus dem Dämmer das Schloß. Bei des Rappen Wiehern schaut Don Diego auf. Er besinnt sich. Und mit jener furchtbaren Manneskühle im tollsten Rausch wägt er: jetzt? So hineinreiten? Bor allen Knechts¬ und Mägdegesichtern! Ah! warum nicht! Sie ist mein Triumph! — Doch ruhig, nein — Aber wie eine schluchzend angstvolle Mädchenklage wacht wunderbar bang ihre Stimme aus und fleht: „Bitte! Bitte! Lassen — lassen Sie mich!" Er hält das Pferd. Und heimlicher Befehl ist sein ToN „Aber DU liebst mich ja. Du schönes; kleines Mädchen! Du bist mein! Bist mein!" „Ja, ja! (und mit inbrünstiger Demut); Ich — ich liebe Dich!" „Hab' ich's nicht gewußt! Also mein bist Du, mein!" Und wieder schwellen Lippen äuf Lippen zu Salomonis sinnenfrohem Liede. „Komm mit mir! Komm ins Schluß! Runter vom Pferde!" Wie packend heiße Arme sind feine Worte. Mit einem Schwung läßt er sie auf den Waldboden, fast gleichzeitig nachspringend und sie am Gelenk dabei haltend. Und ihre Mädchenklage schluchzt noch angstvoller: „Nein, laß, laß mich! Ich muß heim! Laß mich! Nicht so! Nicht so!" Jene furchtbare Manneskühle des tollsten Rausches wägt schärfer: Sie hat recht: sie muß jetzt heim. Sonst der verfluchte Skandal. Und mit dem einem Mal ist sie mir verloren. Und dazu ist sie zu schön und zu lieb. „Aber Du kommst zu mir! Nicht wahr. Du wirst Dich nicht mehr suchen lassen? Du kommst!" „Ich komme." „Ganz gewiß?" „Ich komme, so wahr ich lebe, so wahr ich Dich liebe." Wie einen Schwur sprach sie die Worte. „Und Du wirst mich nicht warten lassen, Du wirst mich bald wieder besuchen? Ich sage:" bist Du nicht in vierzehn spätestens, nein, in acht Tagen zu mir gekommen so — so so glaube ich nicht an Deine Liebe? „Du — Du — wie kannst DÜ' das sagen!" Ein wehes Schluchzen ists. Da fühlt er es als ein Jubeln und als ein Glück und umfaßt sie uNd schwingt sie in die Höhe wie ein Kind, das äüfjuchzen soll. „Ich Hab Dich ja lieb, mein kleines, wunderhübsches Lieb! Meine — (mit einem lachenden Besinnen): Wie heißt Du?" „Recha!" — jubelt sie jetzt wie ein Kind, das seinen Namen wie eine Offenbarung zu sagen weiß. „Meine Recha!" ruft er und hält sie noch küssend hoch. Der Rappe wiehert und schlägt mit den Hufen. „Laß mich jetzt! Laß mich! Ich muß heimgehen." „Allein?—" „Ja bitte : allein! Bitte: sei nicht bös!" „Nein, nem!" Er weiß sich ja so sicher... Und noch einmal erbraust der Choral des Hohen Liedes in ihrer Seele mit hallenden Akkorden, und noch einmal — dann taumeln ihre Schritte: einer, noch einer, schneller. Er sitzt schon im Sättel und winkt. Und wmkt — und verschwindet: da noch eine Hand, da wieder der Köpf zwischen den Bäumen, etwas Dunkles noch. Nun nichts Und im Abend verklingt durch den Wald Salomonis - Hohe Lied der Liebe als eine süße betörend bange Mädchenklage ... * * * Alle Nächte, die kamen und in ihre, hübsch gezierte Mädchenstube traten, hatten tiefe tränenleuchtende Augen und schliefen nicht: vor Glück, vor zitternder Erwartung, vor Bangigkeit. Alle Nächte der jungen Recha Leon hüllten hundert schwarze Schleier um deren bebende leuchtende Nacktheit. Aber die bebte und leuchtete.