Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 28 (15.7.1910)
- Date
- 1910-07-15
- Page
- Seite 333 (sequence 9)
- Language
- German
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333 hinweghelfen, indem wirv unsere Zustimmung dazu erklären, daß seitens der staatlichen Behörden ein Dispens gegen einen gleichwertigen anderen Unterricht erteilt wird." — Die Verfaster der Petition und Denkschrift Haben hiernach kein Bedenken getragen, bei Andersgläubigen Schutz gegen angebliche, bisher völlig unbekannte und unbewiesene Religionswidrigkeiten von Lehrern ihres eigenen Bekenntnisses zu suchen, ohne der zur Aufsicht über den Religionsunterricht der fraglichen Lehrer berufenen Behörde, dem Oberrat, Kenntnis von den behaupteten Verfehlungen und Gelegenheit zur Abhilfe zu geben. Was. hätte der Abgeordnete Dr. Zehnter dazu gesagt,, wenn . Katholiken, wegen Nichtbesreiung katholischer Schüler vom Religionsunterricht eines katholischen Volksschullehrers, der am Freitag Fleisch genießt oder nicht regelmäßig beichtet — es soll solche geben — an das Parlament, und zwar an jüdische Abgeordnete, sich gewendet hätten, und wie würde er sich über. einen jüdischen Abgeordneten entrüstet haben, der an der obersten katholischen. Kirchenbehörde wegen ihrer Behandlung, solcher rein innerkirchlichen Dinge Kritik zu üben gewagt hätte? ,(Fortsetzung folgt ) Königin Lulle von Oreutzen und Mrndrlslvhns „Ohsdon" F^iele Stimmen werden sich erheben, um anläßlich der hundertsten Wiederkehr ihres Todestages am 19. Juli 1910 das Andenken , an die hochherzige Königin zu erwecken, die weinenden Auges und wehen Herzens, doch starken Glaubens und tapferen Mutes durch eine für das Vaterland trübe Zeit hindurchschritt, um leider die Zeit der Befreiung nicht mehr zu erleben. In dem trefflichen Zeit- und Charakterbild: „Königin Luise von Preußen" voü Dr.E. Mensch^) finde ich eine Stelle, die für' die deutsche Judenheit von ganz besonders hohem Interesse sein dürste. Königin Luise hat als jugendliche glückstrahlende Braut des Kronprinzen Friedrich Wilhelm von Preußen Mendelssohns epochemachendes Werk „Phädon" oder „Ueber die Unsterblichkeit der Seele" gelesen. Wie lebhaft sie sich von dem Buche angezogen fühlte, zeigt ein Brief an ihren Religionslehrer und Seelsorger Lichthammer in Darmstadt, dessen Nachkommen noch dort existieren. Die " junge, gemütvolle, von tiefer Religion durchdrungene Fürstentochter schreibt. „Ich reiße mich los von jenem herrlichen Buche, welches Ihre Güte mir vor einiger Zeit gab, um nicht bloß meinen Dank Ihnen noch einmal mitzuteilen, sondern ich füge die Bitte hinzu, mir das Buch Mendelssohns von der Unsterblichkeit .von Frankfurt kommen zu lassen. Sie können sich nicht vorstellen, wie sehr glücklich mich das Buch macht; die Lehren, die es enthält, sind so wahr; so treffend und gut, daß es mir ein wahrer Schatz für meine Seele geworden ist. Meine Seele wünscht außerordentlich sich zu bilden und sich nützliche Kenntnisse der Menschen, des Geistes der vergangenen Welten zu sammeln. Verhelfen Sie mir dazu. Ich bitte Sie. Ich beschäftige mich immer, aber was ist eine Monatsschrift, eine hübsche Zeichnung, eine schöne Sonate für den Geist? Es zerstreut ihn wohl, aber gibt ihm keine Kraft, denn so gut wie der Körper nicht vom Anschauen und Anhören leben : *) Verlag von Hermann Seemann Nachfolger. Berlin und Leipzig. . . kann, ebensogut kann die Seele keinen Fortschritt machen, wenn sie keinen Stoff zum Denken hat." . Möchten die deutschen Frauen. und Töchter jüdischen Glaubens diese goldenen Worte beherzigen, und vorzugsweise Bücher lesen, die ihnen „Stoff zum Denken" geben; nur wenige von ihnen werden Mendelssohns unsterblichen „Phädon" gelesen haben! Regina Reißer. IuLm als Lorrr. n seiner Erzählung: „Rodney Stone" schildert der bekannte englische Schriftsteller Conan Doyle das Londoner Leben im Anfang des 19. Jahrhunderts. Damals nahm der nationale Sport des Boxens die Aufmerksamkeit von jung und alt, hoch und niedrig fast mehr noch in Anspruch, als der Krieg gegen Napoleon. Es ist nun interessant, daß nach seinen, auf genauen Quellenstudien beruhenden Angaben dieser Sport, der doch gewiß hohe Anforderungen an körperliche Kraft, Gewandtheit und Mut stellt, unter den Juden eine ganze Anzahl berühmter Vertreter hatte. Er schildert eine Gesellschaft von Boxern, hebt einige besonders berühmte hervor und sagt dann weiter: „Ein halbes Dutzend anderer blasser Hebräer zeigte, wie energisch die Juden von Houndsditch und Whitechapel sich dem Sport ihres Ädoptivvaterlandes gewidmet haben, und daß sie auf diesem wie aus viel wichtigeren Gebieten menschlicher Anstrengung wohl den Vergleich mit den Besten aushalten konnten." Eine Anerkennung, die um so wertvoller ist, als Conan Doyle nichts weniger als Philosemit ist. : Dr. Kantorowicz-Hannover. ^guUiuetfö/7 Bit Klageweiber. Novelle von Joachim Friedenthal. IV. ^^a kam der Sturm plötzlich und gerade über ihren Weg. Saß aber auf einem Pferde und war der Don Diego Raphael. Und der Sturm lachte vom Pferde herunter: „Hab" ich Sie endlich eingefangen, mein liebes Fräulein Leon. Na, es ist wahrhaftig auch Zeit! Haben uns lange genug nicht gesehen! Und ich dachte. Sie würden fast täglich zum Schloß Lupkowitz kommen." . Die Hand reichte er ihr herab und hielt ihre fest, die zitterte. „Ich, ich konnte nicht," bebten ihre Lippen. Und sprachen die Wahrheit: sie konnte doch wirklich nicht. Aber Don Diego sagte: „Was! nicht können! nicht gewollt, mein kleines stolzes Fräulein." „Doch!" sprang ihr Herz auf die Zunge, schämte sich aber schnell, purzelte an den gehörigen Ort zurück und machte bei dieser Aufregung die Backen rot. Und ehe noch ihre Zunge wieder gelenkig war. und also zum Lügen frei, lachte der Don Diego so schallend über ihre köstliche Offenheit auf, daß ihr Herz , sich noch mehr aufregte und die Backen noch röter machte. „Zum Küssen rot!" rief er im letzten Auslachen.