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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-15 · Heft 28 (15.7.1910) · p. Seite 327

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
Seite 327 (sequence 3)
Language
German
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Feststellungen hab^n anderseits auch deinen Anhalt dafür gebracht, daß die Zugehörigkeit der genannten Einjährig-Freiwilligen zum Judentum auf die Militärische Beurteilung irgendwie von Einfluß gewesen sei. Ich möchte bei dieser Gelegenheit nicht unterlassen, darauf hiyzuweisen, daß in derartigen Fällen die Privatpersonen gegenüber aufgestellten Behauptungen mit großer Vorsicht aus» zunehmen sind. Häufig ist hier schon festgestellt worden, daß solche Behauptungen sich nicht aus Tatsachen gründen, sondern nur in erklärlichem Mißmut über vermeintliche Zurücksetzung erfolgt sein können. So z. B. steht bei S. aktenmäßig fest, daß die mit ihm vorgenommene Prüfung zum Reserveoffizier uach dem einstimmigen Urteil der Prüfungskommission folgendes Ergebnis gehabt hat: Praktisch: nicht hinreichend. Theoretisch: a) schriftlich: hinreichend, b) mündlich: nicht hinreichend. Schlußurteil: Prüfung nicht bestanden. Auch andere Angaben betreffs des p. S. sind unzutreffend. Die Ermittlungen betreffs. des nur einige Jahre zurückliegenden Falles K—n haben nachstehendes ergeben: K—n hat sich in und außer Dienst „sehr gut" geführt und zeigte auch Interesse für den Dienst, seine Leistungen als Soldat waren bei seiner für den militärischen Dienst persönlich guten Veranlagung auch gut. In seinem Auftreten als Vorgesetzter, wozu ihn der Kompagniechef heranbilden wollte, zeigte K-n jedoch wenig Beanlagung. Es fehlte ihm vor allem die Fähigkeit, seinen Willen dnrchzusetzen und.sich die unbedingt erforderliche Autorität zu verschaffen. Bei der Ende September 1906 abgehaltenen Offiziersafpirantenprüsung hat K—n nach dem übereinstimmenden Urteil sämtlicher Vorgesetzten nicht genügt, seine schriftlichen Arbeiten waren mangelhaft. Aus diesem Grunde konnte ihm die Befähigung zum Reserveosfiziersaspiranten nicht erteilt werden. Daß ihm die Geeignetheit zum Unteroffizjersaspiranten zugesprochen worden ist, beweist ein besouder.es Wohlwollen seiner Vorgesetzten, die annahmen. daß tf—n trotz seiner militärischen Schwächen noch ein verwendungsfähiger Unteroffizier des Beurlaubtenstandes werden könnte. Nach Vorstehendem muß als festgestellt gelten, daß die Zugehörigkeit des K—n zum Judentum in keiner Weise auf seine militärische Beurteilung von Einfluß.gewesen ist. Der Kriegsminister von Heeringen. Es versteht fich von selbst, so fügt die „Abwehrvereins- Korrespondenz" hinzu, daß die Feststellungen in diesen einzelnen Fällen nichts zu ändern vermögen au dem Urteil über das Gesamtverhalten der preußischen Heeresverwaltung, unter der seit drei Dezennien nicht ein einziger Jude zum Reserveoffizier befördert worden ist. £ In manchen jüdischen Blättern war in letzter Zeit viel von der Reise des türkischen GroßrabbinersHaimNahum nach Jerusalem die Rede; jetzt wird bekannt, daß es ihm gelungen ist, in Jerusalem vollständigen Frieden unter den Parteien herzustellen. Er hat in der Person des R. Jakob Meir einen Chachambaschi von Jerusalem gefunden; freilich ist nach einer Meldung der „Neuen Jüdischen Korrespondenz" die Annahme der Wahl durch den letzteren noch nicht völlig sicher. f Aus Rußland werden glücklicherweise keine neuen Greuel gemeldet. Der früher von uns berichtete Antrag von 166 Duma-Mitgliedexn, betreffend die Aufhebung des jüdischen Ansiedlungsrahons, hat die konservative Presse in Harnisch gebracht und ihr den Gedanken nahegelegt, das Volk zu Massenpetitionen nuszufordern, ja gegen die 166 „Verbrecher" einen Prozeß wegen Hochverrates anhängig zu machen. Dies ist um so auffallender, als nach einer Meldung der „N. J.K." dieser Antrag, obgleich er freiheitlich klang, gar keine freiheitliche Maßregel gewesen zu sein scheint: Das offizielle Organ der Oktobristenpartei „Golos Moskowy", bäS diese Gesetzesvorlage gern als Verdienst der Oktobristen hinstellen möchte, wiewohl von den 166 Unterschriften bloß 24 oktobristischen Abgeordneten angehören, begründet nämlich die Berechtigung dieser Vorlage dänrit, daß die Einschränkung der Juden in der Wahl - ihres Aufenthaltsortes die russische Bevölkerung dach nicht vor Ausbeutung schütze, da die ökonomisch stärkeren, und daher für die Russen im Konkurrenzkampf gefährlicheren jüdischen Elemente schließlich doch Mittel und Wege fänden, um jenseits des Anfiedlungsbezirkes einzudringen, die Einschränkung.also nur die arme jüdische Masse treffe. * Das Großfürstentum Finnland hat durch ein kaiserliches Gesetz, das auf Grund eines Beschlusses der Duma erfolgt ist, seine Unabhängigkeit verloren. Diese Vergewaltigung, die Entziehung lange genossener Rechte, ist aufs tiefste zu beklagen. Die Juden haben freilich, wie demnächst in einem Leitartikel auseinänderzusetzen sein wird, von der finnischen. Freiheit nicht viel genossen. Noch vor kurzem wurden durch den Polizeichef in Helsingsors 20 jüdische Familien ausgewiesen, die schon lange in der Stadt wohnten. Und v der Polizeichef schrieb an die Ausgewiesenen einen Brief, dessen sich ein völlig russischer Polizeichef gleichfalls nicht zu schämen brauchte. „Die jüdische Frechheit übersteigt alle Grenzen," schreibt der Polizeichef in seinem offenen Briefe an die ausgewiesenen Juden. „Immerfort wenden die Juden alle ehrlichen und unehrlichen Mittel an. um gegen den Willen der hiesigen Bevölkerung .am Platze zu bleiben. Allein auch die Polizei kann die jüdische Frechheit nicht mehr dulden." * Gegenüber solchen Barbareien ist es erfreulich, von der Intimität eines jüdischen Gelehrten mit einem deutschen Fürsten Hof zu berichten. In einem Artikel, der an das Buch der Königin von Rumänien „Mein Poetenwinkel" von Carmen Sylva, Frankfurt a. M., anknüpft, gibt R. S. in der „Vossischen Zeitung" ein anziehendes Bild der Beziehungen, der Fürstlich Wiedschen Familie zu Jakob Bernays. Nächst Arndt war der große Philologe Jakob Bernays ein vertrauter Freund des Wiedschen Hauses. Die Fürstin, die ernst religiös gestimmte Männer, gleichviel welchem Glauben sie ängehörten, besonders schätzte, hielt große Stücke auf den in sich gekehrten,, welt» abgewandten Gelehrten. Stundenlang konnte sie seinen Worten zuhören und von ihm lernen. Bernays war, wie bekannt, frommer Jude, der streng an den alten Gebräuchen und auch an den Speise^ gesetzen sesthielt. So hat er denn auch bei seinen fürstlichen Gastfreunden nie eine Einladung zum Essen angenommen. Bernays war einer der bibelkundigsten Leute, die es je gegeben hat; das Neue Testament war ihm ebenso vertraut wie das Alte; mit Ernst Renan war er eng befreundet und stand mit ihm in jahrelanger Korrespondenz. Er pflegte zu sagen: „die einzige Religion, die von jeglichem Fetischismus > frei sei. sei die jüdische." „Er hatte recht," sagt seine fürstliche, Hörerin hinzu, „denn das Christentum hat sich allem Fetischismus, den es in den verschiedenen Ländern vorfand, anbequemen müssen." Bernays, vielleicht der größte Gelehrte, den Bonn damals aufzuweisen hatte, konnte es als Jude nur mit Mühe zu einer außerordentlichen Professur bringen, man entschädigte ihn, indem man ihn zum Oberbifiliothekar der'Universitätsbibliothek machte. Seine übergroße Kurzsichtigkeit erschwerte ihmüberdies den Umgang mit Menschen. Hinterseiner dunklen Brille, mit dem ernsten Gesicht und den geradeaus , gerichteten Augen machte er manchmal der zehnjährigen Prinzessiy einen etwas unheimlichen Eindruck. Abends beim .Nachhausegehen ließ ihn die Fürstin aus ihrer am Rhein gelegenen Villa immer durch einen Diener mit der Laterne nach Hause bringen. .. Von seinen Gesprächen hat die jugendliche Prinzessin trotz ihrer , Frühreife natürlich nicht viel in sich ausgenommen, auch durfte jie . nur selten zugegen sein. Aber die Verehrung, deren sich der unge°.. wöhnliche Mann in der fürstlichen Familie erfreute, muß eine außer-, ordentliche gewesen sein. Stundenlang unterhielten sich der Fürst — der sich viel mit philosophischen und sozialen Problemen beschäftigte und auch literarisch in dieser Richtung herv-rrgetreten ist—

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