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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-15 · Heft 28 (15.7.1910) · p. Seite 326

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 28 (15.7.1910)
Date
1910-07-15
Page
Seite 326 (sequence 2)
Language
German
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326 irgendein vernünftiger Kritiker, der dem Judentum entstammt, die Bedeutung der beiden letzteren geleugnet und gewagt hätte, die ersteren über die letzt Genannten zu stellen. Eine grenzenlose Aebertreibung begeht Herr Bartels, wenn er meint: auf sechs deutsche Dichter käme ein Jude. Vielleicht tzarf man ahm Recht geben in seiner Behauptung, daß die Juden in der sogenannten Heimatkunst weniger bedeutend seien, als in der jetzt beliebten Aesthetenkunst, auch darin, daß die gelesensten Bücher der letzten Jahre „Jettchen Gebert" und „Königliche Hoheit" sind — aber seine Angabe, daß auch der letztere Roman jüdischen Geist atme, ist eine gänzlich unbegründete Phrase. . Obgleich Bartels an keiner der angeführten Stellen das Märchen von der Vorherrschaft der Juden in der deutschen Literatur bewiesen hat, spielt er den Haupttrumpf nach dem Referat des seinen Berichterstatters mit folgenden Worten aus: „Die Vorherrschaft des Judentums ist tu vieler Beziehung gefährlich für die Deutschen. Mancher begabte deutsche Dichter wird durch sie zurückgedrängt, der Charakter unserer Literatur wird vollkommen geändert, Geschäftsrückfichten werden hineingezogen und so wird sie schlechter. Auch wird ihre ruhige Entwicklung unterbrochen; die Juden sind neuerungssüchtig und bringen einen unruhigen Geist hinein; sie suchen sexuelle Wirkungen und verderben dadurch die Menge. Durch die jüdische Literatur wird das ganze Bild unseres nationalen Lebens gefälscht. Wir sind nicht so, wie die Juden uns in ihren Romanen und Schauspielen schildern. Die Literatur kann ihre Ausgabe, uns klar zu machen, wohin wir treiben, nicht erfüllen, wenn si.e in Judenhänden ist." Jeder Satz in diesen Ausführungen ist falsch. Eine Vorherrschaft existiert nicht, sie kann also auch nicht gefährlich werden. Es ist eine unerhörte Insinuation, daß die deutschen Schriftsteller durch die Juden zurückgedrängt worden seien, man denke nur .an Clara Viebig, G. Frenffen, v. Ompteda, Liliencron, Rainer Maria Rilke, von Wolzogen und andere Lieblinge des deutschen Lesepublikums. Es ist eine Geschichtsfälschungwenn jüdischen Schriftstellern, wirklichen Dichtern und Historikern Geschäftsrücksichten zugeschrieben werden, als wenn..nur einer von ihnen anders schüfe und arbeitete, als in der Absicht, seine Ideen zu vertreten. Es ist eine grobe Unwahrheit, wenn den Juden Schuld gegeben wird, sexuelle Wirkungen zu suchen;, hat denn Bartels niemals, um nur ein einziges Beispiel zu nennen, von Otto Julius Bierhaum und seinemPrinzKuckuckgehört? Es ist die ärgste Fälschung, die uns die Schanrr.pte, ins Gesicht treibt, nicht etwa weil wir uns getroffen fühlen, sondern weil wir über den fanatischen Eiferer im Dienste einer schlechten Sache trauern, wenn er es auszusprechen wagt, daß durch die jüdische Literatur (soll heißen: durch die von Juden herrührenden Werke) „das ganze Bild unseres nationalen Lebens verfälscht wird". Nicht ohne die stärkste Entrüstung kann man diesen Satz wiederholen. Wir, die wir uns bemühen, die Großtaten deutscher Geschichte und Literatur in ihrer Gewalt und Bedeutung für die Zukunft darzulegen, wir sollen Fälscher sein!? Hat denn Bartels nie daran gedacht, daß unter all den Werken, .die über Lessing handeln, den man einen Judenfreund nennen muß, kaum ein einziges von einem Juden herrührt, daß die großen Ausgaben seiner Werke von Christen veranstaltet sind, daß dagegen so außerordentlich viele Arbeiten über Goethe, 'der gewiß kein Judenfreund in dem eigentlichen Sinne des Wortes, war, von Juden gemacht sind: Editionen, populäre und wissenschaftliche Darstellungen, eindringende Forschungen. Wäre an Bartels Behauptüng auch nur der leiseste Schimmer der Wahrheit, d. h. käme es den Juden auch nur entfernt in den Sinn, Literatur und Geschichte nach jüdischem Sinne darzusteüen, so würden sich doch die Juden bemüht haben. Lessing zu erheben und Goethe herabzusetzen, während alle Schriftsteller jüdischen Ursprungs, die sich unter Goethes Fahne Leihen, den Meister in seinem wahren Werte zu erkennen und zu preisen sich bemühen. Den- Vorwurf der Fälschung' könnte Herr Bartels viel eher den protestantischen und katholischen Pfaffen entgegenhalten als den Juden. Wir werden uns mit ehrlicher Entrüstung gegen alle solche niedrigen Beschimpfungen, wie sie m Bartels Vortrag ausgesprochen werden. Gewiß gibt es auch jüdische Autoren, die im Schmutz wühlen, gewiß auch solche, die das Hohe begeifern, aber, .sie tun es nicht als Juden, sondern weil ihr niedriger, menschlicher Instinkt sie dazu treibt. Der deutsche Schriftsteller jüdischen Glaubens, der dieses* Namens wert ist — und es gibt deren glücklicherweise gar viele — hat stets eine Ehre darin gesehen, deutschen Geist zu erkennen, zu würdigen und zu verbreiten. Er ist ein Deutscher und hat keine Faser undeutschen oder antideutschen Wesens in seinem Geiste, er leidet mit den Deutschen, kämpft.mit ihnen, leiht ihnen seine Unterstützung, unbekümmert um ihre Neigung, selbst um ihren Haß, er redet und denkt deutsch, eben weil er ein Deutscher ist. Dir Woche. Berlin, den 12. Juli. wei Gegenstände, über die den Lesern schon mannigfach Bericht erstattet worden ist, sind auch in den letzten Tagen wieder ausgcrollt worden: die Br.itzer Krankenhausaffäre .und die- Frage über die Befähigung der Juden zum Offiziersdienst. Was die erstere betrifft, so hat jetzt der Oberpräsident der Provinz Brandenburg dem Vorstand der Berlin-Brandenburgischen Aerztekammer auf dessen Beschwerde wegen der bekannten Zurückweisung eines jüdischen Praktikanten im Britzer Kreiskrankenhaus einen Bescheid zukommen lassen. Ter Vorstand hatte aus diesem Anlaß an den Reichskanzler' und den Kultusminister eine.Eingabe gerichtet. Der Oberpräsiddnt teilt nunmehr dem Kammervorstande mit, daß dem Anträge, dem Kreiskrankenhause in Britz während der jetzigen Leitung das Recht zur Annahme von Medizinalpraktikanten abzuerkennen, nicht stattgegeben werden könne. Der in der Eingabe erwähnte Vorgang liege außerhalb der Erwägungen: und Gesichtspunkte, die für . die Ermächtigung des Krankenhauses zur Beschäftigung von Praktikanten und folgeweise auch für dereu Wiederentziehung maßgebend sind. Doch' spricht der Oberpräsident aus, daß die Begründung der betreffenden Abweisung allerdings zur Beanstandung Anlaß biete, zumal aus dem'amtlichen Verzeichnisse der zur Annahme von Praktikanten ermächtigten Krankenanstalten nicht hervorgehe, daß das Kreiskrankenhaus in Britz rein konfessionellen Charakter hat. Was die letztere angeht, so ist. folgendes zu melden: Reichtagsabgeordneter Dr. Müller-Meiningenhat.wie er der „AbwehrvereinS - Korrespondenz" .mitteilt, vom preußischen KriegSminister das folgende Schreiben vom 28. Juni erhalten: Euer Hochwohlgeboren teile ich unter Bezugnahme auf die mir Übergebenen Beschwerden über angebliche Zurücksetzung jüdischer Einjahrig-Freiwilligen bei ' der Ausbildung zum Reserveoffizier ergebenst nachstehendes mit; Die Fälle M., R., E>- G. und K-^N liegen bereits eine größere Reihe, von Jahren — his 189.4 — zurück. Die angestellten. Erhebungen haben wie bei zahlreichen ähnlichen Beschwerden, die der Abgeordnete Kopsch hier zur Sprache .gebracht hat, zu dem Ergebnis geführt, daß nach so langer Zeit , mne einwandfreie Aufklärung infolge des bei den beteiligten Truppenteilen inzwischen eingetretenen Personenwechsels und. Hgngssls^ausführlicher aktenmäßiger Aufzeichnungen nicht mehr möglich ist^ Ditz

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