Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 323 (sequence 11)
- Language
- German
- Belongs to
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Die Segallsche Arbeit ist daher wissenschaftlich und praktisch von bedeutendem Wert. Sie kennen zu lernen, wird für jeden erforderlich sein, der sich irgendwie mit der gegenwärtigen Lage der jüdischen Bevölkerung beschäftigt. * ----- Kollenfcher, M, vr. zur. et rer. pol. Rechtsverhältnisse der Juden in Preußem Textausgabe mit Einleitung, Anmerkungen und Sachregister. -Berlin 1910. (Nr. 45 der „Guttentagschen Sammlung preußischer Gesetze".) 16°. 199 Seiten. - Das Interesse für die in Preußen geltenden „Juderrgesetze* ist außerordentlich gewachsen. Sowohl die Erörterungen, die sich an das Volksschulunterhaltungsgesetz hinsichtlich der. jüdischen Volksschule knüpften, als auch die Bestrebungen der preußischen Judenheit, eine für alle Landesteile einheitliche Organisation zu erlangen, haben das Interesse für. das, was heute für die preußischen Juden rechtsgültig ist, gefördert. Es ist daher zu begrüßen, daß ziemlich gleichzeitig, mit einem bei Louis Lamm in Berlin erschienenen umfangreichen Buche von Dr. Michaelis die oben angegebene kurze Darstellung des Gegenstandes erschienen ist. Der Verfasser bringt den Text aller Judengesetze, die während des letzten Jahrhunderts in den zum heutigen Preußen gehörenden Gebieten erlassen wurden, also außer dem Edikt vom 11. März 1812 und. dem Gesetz vom 23. Juli 1847 auch die heute noch in Hannover, Kurhessen, Nassau, Frankfurt und Holstein geltenden besonderen Gesetze. (Schon der Vollständigkeit wegen hätten auch die für Schleswig und für die Israelitische Religionsgesellschaft-, in Frankfurt a. Main bestehenden Gesetze Ausnahme finden müssen. . Vergleiche Michaelis S. 428 und S. 431.) Durch Anmerkungen, die sich größtenteils an das Gesetz von 1847 anschließen und instruktive Hinweise auf spätere, das Gesetz aufhebende oder interpretierende Verordnungen enthalten, sowie durch ein Sachregister hat der Verfasser ein Nachschlagebnch geschaffen, das Juristen, Gemeindeverwaltungen und Gemeindebeamten vortreffliche Dienste leisten wird. i , ,, Bochum. Mai 1910. Dr. David. * ' * : . . ■■ . The jewish year boote. An annual record of maüers jewish 5670—71 (Ist January 1910 — 31 est December 1910). Edited by Isidore Harris, M. A. London, Creenberg & Co. 1910. 3 sh. 6 p. Ein sehr nützliches Buch, bei dem nur zu bedauern ist, daß wir ein ähnliches in Deutschland nicht besitzen; wenigstens ein derartig stattlicher Band von 500 Seiten ist über dergleichen Dinge bei uns noch niemals erschienen. Das Buch enthält ein Vorwort des Herausgebers, einen Kalender mit Angaben von Festen und den Ereignissen, die auf die einzelnen Tage fallen, sodann genaue Verzeichnisse der Gemeinde-Einrichtungen, zunächst in London, ferner in den englischen Provinzen und Kolonien; sodann statistische Mitteilungen der jüdischen Bavonets, der Beamten des Heeres usw., endlich Berichte von Parlamentsverhandlungen über Juden und ähnliches. Ein literarischer Teil gibt ein bibliographisches Verzeichnis vieler Bücher über jüdische Dinge. Ein Abschnitt „Jüdische Weltberühmtheiten" enthält einen verbesserten Katalog einer schon 1885 von Joseph Jacobs veranstalteten alphabetischen Liste bekannter Persönlichkeiten des 18., zumeist des 19. Jahrhunderts. Auch viele Deutsche sind darunter. Mit meinem Vater und meinem Vetter Lazarus paradiere auch ich in dieser Liste, ebenso wie meiye beiden Vorgänger Ludwig Philippson und Gustav Karpeles; der erstere als „jüdischer Dichter" bezeichnet. Außer solchen kurzen Charakteristiken ist bei den einzelnen nur das Geburtsjahr, bei den Verstorbenen auch das Todesjahr hinzugefügt. Dann folgt eine Liste der Männer und Frauen jüdischen Ursprungs, die zum Christentum übergingen, wobei unter den Deutschen z. B. Rahel, Henriette Herz, Dorothea Mendelssohn, Fanny Lewald, Philipp Jaffö erwähnt werdrn. Sodann solche, bei denen Vater oder Mutter von Juden herstammen, so daß auch Paul Hehse sich in dieser Reihe befindet. In einer längeren, schon oben erwähnten Einleitung werden die jüdische Dinge betreffenden Vorgänge des Jahres 1909 zusammengestellt. In dem Abschnitt „Deutschland" ist von Ordensverleihungen, von der Erklärung des Kriegsministers v. Einem, von den Verhandlungen über das Schächten, von den großen Versammlungen. des Deutsch-Jsraelitischen Gemeindebundes und von dem Berbandstage der deutschen Juden die Rede; auch die Entscheidung des Oberverwaltungsgerichts, daß die jüdischen Gemeinden verpflichtet seien, die Asche der Verstorbenen auf den Friedhöfen beizusetzen, wird erwähnt. Ein außerordentlich nützliches Buch. Der Abschnitt über London allein ist 150 Seiten stark. Alle Synagogen mit ihren Vorstehern, alle Beamten, sämtliche Vereine gleichfalls mit ihren Vorsitzenden, Krankenhäuser, Bibliotheken, Schulen, Wohltätigkeitsanstalten, Einrichtungen aller Art werden verzeichnet und mit einer kurzen Geschichte versehen. Ein derartiges Werk jährlich von der Berliner Gemeinde herausgegeben, vielleicht nur ans Berlin beschränkt, würde gewiß'ebensoviel oder mehr Nutzen stiften als das intendierte Gemeindeblatt, von dem in neuerer Zeit mehrfach die Rede ist. L. G. — S. Suß. Um zwanzig Gulden. Roman aus dem jüdischen Gemeindeleben. Mannheim, 1910. 193 S. Der Verfasser des vorliegendem kleinen Romans erweist sich als ein geschickter Erzähler, als ein guter Beobachter und Kenner der Menschen und versteht es, mit kurzen Strichen lebenswahre Personen hinzustellen. Der Inhalt des Werkes ist bald erzählt. Die beiden Brüder. Fuchs stellen an Meier Bär eine Forderung von zwanzig Gulden, die ihr Vater nach Ausweis der. Bücher noch bei seinem eben verstorbenen Vater gehabt habe. Meier Bar weigert sich, die Forderung anzuerkennen, nicht des Geldes wegen, sondern um das Andenken seines Vaters willen, der auf dem Sterbebette seinem Sohne aufgetragen Hatte, seine Schulden zu begleichen, unter diesen aber die Schuld von zwanzig Gulden nicht genannt hatte. Das ist die Ursache einer tiefgehenden Feindschaft, die den einen der beiden Brüder Fuchs veranlaßt, die junge Frau Meier Bars so schwer zu kränken, daß Meier Bär, der bisher in bescheidenen Verhältnissen lebte, den Schwur tut, nicht eher zu ruhen, bis er die auf ihren Geldreichtum pochenden „Füchse" gedemütigt habe — ein Motiv, das an Karl Emil Franzos' Novelle „Baroy Schmule" erinnert. Während aber ‘ in Franzos Novelle Baron Schmule wirklich seine Rache nimmt, siegt bei Suß das edlere menschliche, sagen wir ruhig jüdische Gefühl der Milde und Versöhnlichkeit. Am Schluffe klärt sich auf, wie es um die 20 Gulden-Forderung steht: Meier Rärs Vater hatte die Schuld abgezahlt, und der alte Fuchs, der beim Studium der Mischna sitzend, plötzlich sein Ende herannahen fühlte, hatte dies auf einem Zettel vermerkt, der erst jetzt nach vierzig Jahren bitterster Feindschaft wieder zum Vorschein kommt. Die neu besiegelte Freundschaft zwischen den beiden Häusern Bär und Fuchs wird dann durch die Bande der Liebe noch doppelt befestigt. — Also eine Erzählung, die keine großen Ansprüche an dichterische Begabung stellt. In der Tat glaube ich auch, daß die Geschichte zum größten Teile dem Leben abgelauscht ist. Darin beruht aber auch wieder ihr Vorzug, als deren größten ich die bereits erwähnte Schilderung von Personen hervorheben möchte. Der alte Westenberger, der noch auf dem Sterbebette den Groll und den Haß nicht fahren lassen will, Meiers Mutter, die in stiller, gottergebener Frömmigkeit ihren Sohn segnet und sich dann zum Sterben niederlegt, der weltfremde Gerson Baumburger in seinem Bemühen, Frieden zu stiften, und der Briefträger Bock der mit einer naiven Selbstverständlichkeit von dem Inhalt der Postkarten Kenntnis nimmt, bevor er sie den Adressaten aushändigt, sind prächtige Figuren. Das jüdische Gemeindeleben, die Poesie des Sabbats und der Festtage sind mit Wärme gezeichnet; auch eine Reihe lokaler Hochzeits-, und anderer Bräuche (die es übrigens Zeit ist, wissenschaftlich zu sammeln) sind geschickt in die Erzählung verflochten, Zitate aus der biblischen und jüdischen Literatur recht passend verwertet. Die Geschichte mit dem fingierten Telegramm ist allerdings unwahrscheinlich, ebenso, daß Blümchen Fuchs, die doch sonst ganz gutes Deutsch spricht, gerade die drei Worte „elend. Mensch. Charakter" so eigenartig ausspricht. Aber im übrigen ist die jüdische Erzähluugsliteratur um ein Merkchen bereichert worden das jedem, der gemütvolle Erzählungen liebt, einige angenehme Stunden bereiten wird. E. Rhein.