Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 322 (sequence 10)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 96% known words query
- IRI
…/3224737-3228907-3228935--66644-3278791- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
Mentioned entities
OCR text
einen Kindes fast mit ihrem eigenen erkauft hatte. Und nun hing sie alle ihre Liebe, die nur noch allein von Mutterliebe wußte, an ihre Tochter und hätte immer noch etwas dazu hängen mögen, nicht gerade aufdringlich, nein, rührend sogar, aber dgch übermäßig viel, schier erstickend viel. Und Recha ging oft nur deshalb so viel allein spazieren, um sich von irgend etwas frei zu machen. Etwas, was auf ihr lastete — sie hätte nicht sagen können: woher und warum — wie ein dumpfer allzu warmer Hauch, der in seiner ewigen Gleichmäßigkeit einschläferte. Sie hatte manchmal das geradezu körperliche Bedürfnis nach einem wilden, brennenden oder eisigen Sturme, nur wild und stark mußte er fein. Wenn er sie auch mitriß und tüchtig herumzauste! Und es war' auch das, was sie in diesem September, dessen Tage eine seltsam gespenstische Ahnung vom Frühling waren und dessen Nächte eine zitternde Ahnung vom Winter, auf den Waldwegen suchen ging. Manchmal wußte sie es als eine Gewißheit: daß ein Sturm kommen mußte, der ihre Tage, die-doch so hochgespannt waren, weit in die Höhe reißen würde, zu einer wilden wahnsinnigen Fahrt. — Aber sie würde schweben, fessellos schweben . . . - . (Fortsetzung folgt.) Lltrrsrilchr Mitteilungen. --Dr. Peter Thomsen, Palästina und seine Kultur in fünf Jahrtausenden. Nach den neuesten Ausgrabungen und Forschungen dargestellt. Mit 36 Abbildungen. („Aus Natur und Geisteswelt", Sammlung -wissenschaftlich-gemeinverständlicher Darstellungen, 260. Bändchen.) Leipzig 1909. 108 Seiten. 1 Mark, geb. 1.25 Mark. Das Merkchen gibt zuerst einen kurzen Ueberblick über die Geschichte der Ausgrabungen in Palästina, mit denen man erst gegen Ende des vorigen Jahrhunderts, lange, nachdem man sbereits in Aegypten und Mesopotamien gegraben hatte, begonnen hat, und bespricht-sodann die Mittel zur Datierung der Funde, welche die Ausgrabungen zutage förderten. In sechs auseinanderfolgenden Kapiteln behandelt es darauf die vorgeschichtliche, die vorisraelitische, die Uebergangszeit, die israelitische, die nachisraelitifche und die römischbyzantiscke Zeit. Der Bedeutung entsprechend nehmen dabei die vor« israelitische und die israelitische Zeit einen größeren Raum ein. Verzeichnisse der wichtigsten Literatur und der Abbildungen bilden den Schluß. — Es ist dem Verfasser gelungen, eine gediegene Darstellung von dem bisher in Palästina. Geleisteten zu geben, für die ihm doppelter Dank gebührt, weil wir bisher noch keine zusammenfassende Uebersicht über dieses Gebiet..besaßen. Zu loben ist auch das besonnene und ruhige Urteil des Verfassers, der allzu gewagte Schlüsse, vermeidet. S. 96 ist von dem Palaste des Chasmonäers Simon die Rede, dessen Identifizierung Macalister auf Grund des Kalksteines, der den Fluch des Pampras enthält, die Rede. Vermißt habe ich einen Hinweis auf die Synagogenruinen in Palästina, deren Aufdeckung der Deutschen Orientgesellschast gelungen ist, und die dem Publikum dieser Zeitschrift bekannt sein dürften durch eine Skizze, welche O. Eberhard im VIII. Jahrgang von „Ost und West" (1908) veröffentlicht hat. — Zum Schluß noch zwei Zitate aus dem Kapitel „Die israelitische Zeit": „Zunächst ist die Tatsache bemerkenswert, daß kein Jahwe-Bild gefunden worden ist. Das stimmt zu der schon dem Moses zugeschriebenen Bestimmung: Du sollst Dir kein Bildnis noch irgendein Gleichnis machen" usw. (2. Mos. 20,4, 34,17) S. 70. „Je mehr das Volk in diese ihm ursprünglich fremde Kultur und damit notwendigerweise in die mit der Kultur verbundene Religionssorm hineinwuchs, desto mehr muß man die Propheten bewundern, die von der Natur und ihrem Dienste wegwiesen und den predigten, der Herr der Natur und der Geschichte war. Durch sie und ihre aufopfernde Tätigkeit wurde eine neue Stufe der -Religion erklommen; in geschichtlichen Ereignissen erkannte man jetzt das Walten der Gottheit, und damit wuchs und vergeistigte sich die Gottheit selbst." S. 71. , Dr. N. M Nathan. ■ $ 7 — Dr. 066. publ. Jakob Seg all. Dir Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in München 1875. bis 1905. (Veröffentlichungen des Bureaus für Statistik der Juden, Heft 7.) Berlin 1910. Verlag des Bureaus für Statistik der Juden/ 108 Seiten. Preis 3 Mark. Während das Bureau für Statistik der Juden in seinen Veröffentlichungen bisher einzelne Länder zum Gegenstand der Untersuchung gemacht hat (Rußland, Oesterreich, Rumänien, Hessen), geht es jetzt daran/ die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in den Großstädten, wie Berlin, Frankfurt, Breslau, Hamburg, einer eingehenden Betrachtung zu unterziehen. Als erste Arbeit auf diesem Gebiete liegt ein Werk Dr. Jakob Segalls, eines Schülers des Kaiserlichen Unterstaatssekretärs z. D. Professor Dr. v. Mahr, .,,Die Entwicklung der jüdischen Bevölkerung in München 1875 bis 1905" vor. Diese Arbeit verdankt ihr Entstehen einer Anregung des Vereins für Statistik der Juden in München, welcher sie auch herausgegeben hat. Aus zweierlei Gründen ist die jüdische Bevölkerung Münchens zum Ausgangspunkt für die Serie von Arbeiten gemacht worden, welche die Entwicklung der jüdischen Großgemeinden zum Gegenstand haben. Einmal sind in München mehr als in anderen kommunalstatistischen Aemtern die statistisch erfaßbaren Verhältnisse der einzelnen Konfessionsgrnppen behandelt worden. Schon aus diesem Grunde ließ sich hier eine ziemlich erschöpfende Bearbeitung geben. Dann aber sind gerade die Münchener Verhältnisse in vielfacher Beziehung typisch für die großstädtischen Juden in Deutschland. Die Münchener jüdische Gemeinde verdankt nämlich ihr starkes Wachstum in den letzten 20 Jahren zwei Erscheinungen, die wir als charakteristische Merkmale der Gegenwart bezeichnen können, dem Zuge vom Lande in die Stadt und der Einwanderung vom Auslande. In der Zusammensetzung der jüdischen Bevölkerung selbst hat sich während dieser Zeit eine Veränderung von tiefgreifender Bedeutung vollzogen. Während in den Jahren 1875 bis 1880 und 1880 bis 1885 die ortsgebürtigen und die aus dem sonstigen Bayern gebürtigen Juden den Kern der Gemeinde bildeten, begann Ende der 80er Jahre mit dem wirtschaftlichen Aufschwung Münchens der Zuzug der sonst im Deutschen Reich gebürtigen Juden, namentlich aus Württemberg und Preußen, stärker zu werden, und es erfolgte eine erhebliche Einwanderung von Ausländern. Die Folge dieser Umgestaltung der inneren Gliederung der jüdischen Müsse ist einerseits starker Männerüberschuß, Abnahme der Kinderzahl und Zunahme der höheren Altersklassen, Zunahme der. Ledigen über 15 Jahre und Abnahme der Verheirateten, anderseits ein starkes Nachlassen in dem natürlichen Wachstum der jüdischen Bevölkerung infolge Sinkens der Geburten- und Fruchtbarkeitsziffer. Die Sterblichkeit, vor allem die Säuglingssterblichkeit, ist überaus günstig. Die^Eheziffer ist niedrig und konstant; im hohen Prozentsatz der Mischehen steht München den größten jüdischen Gemeinden Deutschlands gleich. Die erwähnte Zunahme der jüdischen Bevölkerung Münchens (in gleichem Schritt mit der christlichen) hat nicht darin ihren Grund, daß die eingesessene jüdische Bevölkerung sich auf dem natürlichen Weg der Fortpflanzung entsprechend (das heißt in gleichem Schritt mit der christlichen) vermehrt habe, sondern in der Einwanderung fremdgebürtiger Juden nach München, besonders aus dem Ausland und ganz besonders in den letzten Jahrfünften. / Da die deutschen Juden zum größten Teil Städter sind, so dürfte es möglich sein, durch Erforschung und Darstellung der Bevölkerungsverhältnisse der Juden in einer Anzahl deutscher Großstädte, deren statistische Aemter die konfessionelle Gliederung der Bevölkerung eingehender berücksichtigen, als dies in der Reichs- und Landesstatistik geschieht, unsere Kenntnis der Bevölkerungsverhältnisse der deutschen Juden überhaupt wesentlich zu fördern. Dies ist tatsächlich schon durch die vorliegende Arbeit, deren Hauptergebnisse wir kurz hervorgehoben haben, teilweise erreicht