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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · p. Seite 321

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 321 (sequence 9)
Language
German
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bückte, um ihr eine kostbare Blüte, eine violette Orchidee, zu brechen.. ' . „Nicht wahr?" sagte er noch beim Abschied am Parktor, „ich darf hoffen) daß Sie Ihr Spaziergang noch recht häufig zum Schloß Lupkowitz führt. Meine Diener erhalten Auftrag, Sie zu melden, wenn sie Sie nur sehen." . - „Ich weiß es nicht," entgegnete sie schon im Gehen, „aber es ist mein Lieblingsweg." Und sie ging mit Schritten, die so hastig waren, als müßte - sie nach Hause fliehen und laufen durch die Wälder. Aber die schlichten deutschen Laub- und Tannenbäume hingen alle voll betörender, fremdländischer Düfte . . . Nun wurde ihr Lieblingsweg ein Weg der Liebe, heimlicher Liebe, uneingestandener. Wie hätte sie auch ihre Liebe denken oder gar aussprechen können; nein fühlen mußte man sie als ein Schicksal und tun, sie erfüllen als eine Tat. Und sie fühlte sie — dumpf, mit der wundersam lastenden Dumpfheit erwachender Seelen — als ihr Schicksal. Aber sie scheute jede Tat. Die saß draußen, außerhalb ihrer Seele, irgendwo in den Wäldern ihrer traumstarken Jugend, ganz versteckt sicherlich und träumte von sich selbst. Gewiß schlief sie nur. Denn leben mußte sie ohne Zweifel, irgendwo draußen aber. Und gewiß war es nur der Dornröschenschlaf hinter wunderwilden Hecken und Rosen. Und es mußte nur einer kommen, sie suchen und den Mut haben, sie zu wecken, gerade wenn die Zeit sich erfüllt hat. Dann wachte sie auf und war schön wie dieses allerschönste deutsche Königskind . . . Es geschah ihr wohl, daß sie die in den Wäldern suchen ging, sie aber nicht finden konnte hinter all den Hecken und Rosen. Denn ihre Spaziergänge die Pappelallee entlang, durch den Tannen- und Laubwald wurden immermehr irgendein Suchen. Wonach, wußte sie selbst nicht so klar. Wer weiß so bestimmt von schlafenden Königskindern! Aber man ahnt sie doch. Sicher fühlte sie aber immer tausend neue Hecken, die sich türmten und ihr den Weg ins Schloß versperrten. , Sie konnte manchmal schon ganz nahe sein, eigentlich schon ganz darinnen: mit allen Gedanken, allem bebenden Leben — da stach sie plötzlich ein Dorn aus den unsichtbaren Hecken und sagte, recht schmerzhaft zu fühlen: Nein! Noch nicht! — Rucks! blieb sie stehen und wandte sich, langsam, zögernd, aber doch. Einmal war es eine jähe, heimliche Mädchenscham, die stach. Einmal ein fragendes Besinnen. Einmal irgendein dummes, tolpatschiges „Warum?" — Alles aber in ihr war eine zitternde Scheu, so recht , eine Mädchenscheu, die große, wunderhübsche, doch dummel Rehaugen macht und nicht weiß, was man sagen soll. O, der Don Diego war der weitgereifte, vielerfahrene Mann, der schon so viele.schöne Damen in seinen Armen hielt. Nein, das konnte sie nicht ganz zu Ende denken, daß er schon so viele in den Armen hielt. Obgleich sie es eigentlich sehr reizvoll fand und alles andere eher als einen Vorwurf ihm daraus hätte machen können. Er war doch ein Mann! Und'ein Eroberer! GeraM solch einer, der bloß auf sein Pferd zu steigen brauchte, auf dem er immer so kraftvoll, so stolz und hinreißend trotzig saß; ja, bloß auf sein Pferd brauchte er zu steigen und durch die Stadt zu reiten — dann durfte er in wildem Abenteurermut nur hier und da ein schönes Weib aufgreifen, geraM im Vorbeireiten so, und es folgte ihm . . . Ja, kraftvoll war er und stolz und wie ein Fürst, mochte er tausendmal ein Bastard sein, von einer geringen Frau. . Was galt das! Was konnte er dafür! Galt es nicht um so mehr, daß er trotzdem es soweit gebracht durch taufend Abenteuer und Nöte! Man mußte ihn achten darum, sehr achten, viel mehr als die anderen, die auf den behaglich breiten und ausgetretenen Wegen zu ihrem Lebensziel tmmdern. Was taten sie anders, als sich auf die geschickteste und be» quemste Art in die gemachten Betten zu legen? Aber bei ihm war alles unsäglich schwerer Kamps gewesen, Kampf und Sieg. O man mußte ihn bewundern! Man mußte es, wenn einem noch der Sinn hochflog, wenn man noch Blick hatte für sich selbst durchsetzende Kraft, für imponierende Energie. Und wie ihr der Sinn hochflog! So hoch flog er ihr, daß er. den Don Diego unter seinen Fittichen ohne Wissen noch viel höher mitnahm, als der eigentlich von selbst gekommen wäre. Und daß jener auf solche Art der König wurde, dem sie eine scheue Dienerin war. Eine Dienerin ganz vom Stamme jener Asra, die da sterben, wenn sie lieben . . . Also brauchte er tun: zu kommen und zu winken, geraM so über den Weg zu reiten und sie zu nehmen . . . Still! man konnte das nicht denken. Man durfte das nicht denken! Aber sie dachte es immerfort, alle Tage dachte sie es. Alle diese Tage waren so ungefüllt mit solcherlei Gedanken, daß sie ganz straff wurden, rund und straff und wie schwebend. Sie machten alle ihre Bewegungen richtig schwebend. Denn ihre Tage, die ein wenig leer waren, wurden nicht anders wie Luftballons, die sich füllen und nun hochschweben wollen, weit hoch. Und sie ziehen einen mit, immerfort ziehen sie, und vielleicht, daß sie einen wirklich über alles Niedere forttragen . . . Aber man muß lenken können. Sonst zerschellt man... Das kleine Rabbinerstöchterlein konnte aber nicht recht lenken. Es war unbedingt etwas Taumelndes in ihren Bewegungen. etwas Unsicheres. Wohl auch ein klein wenig Komik: mit einer leisen Erinnerung an jene Gestalt mit den Dutzenden Kinderspielballons in der Hand, die den Menschen zerren und ein wenig taumeln lassen, statt fliegen. Und vielleicht war nur darum diese leise Komik, weil ihre Tage doch vorerst noch von der Kraft der Dutzenden Kinderballons waren. — Ihr Vater mußte irgendwie von dem Gefühl ihrer Unsicherheit wissen. Denn er nannte sie ein paarmal in diesen Tagen flatterhaft. Flatterhaft nannte er sie, weil er ihre ruhige Sicherheit vermißte. Und das zeigte sichfür ihn eben schon darin, wenn er von ihr — wie er es in seiner bequemen, väterlich zu allem heranziehenden Art liebte — etwa Me Genesis gereicht verlangte, und sie das Buch Exodus brachte. Dann konnte auf seine hohe Stirn die etwas schiefe Falte von links nach rechts kommen, mit einem nachdenklichen und doch heimlich lächelnden Blick auf sie konnte er sich seinen grauen Bart zupfen und etwa sagen, langsam, im Predigerton: „Das Buch Genesis als die Schöpfungsgeschichte, meine gute Tochter Recha, beginnt damit, das zuerst war alles. Finsternis. Hast Du mir das falsche Buch darum gebracht, weil in Dir noch alles Finsternis ist, daß Du herumtappst und irrst? Es werde Licht in Dir, meine Tochter, und bring mir das Buch Genesis." Also sprach sein etwas dürftiger Predigerton, sein väterlicher aber sagte manchmal einfach: „Flatterhaft!" Doch wußte sie, daß seine Strenge gütig war und von einer heimlichen Milde, und auch von einer heimlichen Zärtlichkeit für sie. Von einer ganz anderen Zärtlichkeit wie die ihrer Mutter, die sich immer halb und halb weinerlich äußerte, wie von einer schwächlichen Frau, die weiß, daß sie das Leben dieses

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