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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-08 · Heft 27 (8.7.1910) · p. Seite 320

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 27 (8.7.1910)
Date
1910-07-08
Page
Seite 320 (sequence 8)
Language
German
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- 320 - WM m Heine schreibt: „Es wäre ungerecht, wenn ich bei dieser Gelegenheit nicht eines Pianisten erwähnen wollte, der neben Liszt am meisten gefeiert wird. Es ist Chopin, der nickt nur als Virtuose durch technische Vollendung glänzt, sondern auch als Komponist daS Höchste leistet. Das ist ein Mensch vom ersten Range. Chopin ist von französischen Eltern in Polen geboren und hat einen Teil seiner Erziehung in Deutschland genossen. Diese Einflüsse dreier Nationalitäten machen seine Persönlichkeit zu einer höchst merkwürdigen Erscheinung; er hat sich nämlich das Beste angeeignet, wodurch sich die drei Völker auszeichnen: Polen gab ihm seinen chevaleresken Sinn und seinen geschichtlichen Schmerz, Frankreich gab ihm seine leichte Anmut, seine Grazie, Deutschland gab ihm den romantischen Tiefsinn... die Natur aber gab ihm das Genie. Ja, dem Chopin muß man Genie zusprechen in der vollen Bedeutung-des Wortes; er ist nicht bloß Virtuose, er ist auch Poet. Er kann uns die Poesie, die in seiner Seele lebt, zur Anschauung bringen, er ist Tondichter, und nichts gleicht dem Genuß, den er uns verschafft, wenn er am Klavier sitzt und mprovisiert. Er ist dann weder Pole, noch Franzose, noch Deutscher, er verrät dann einen weit höheren Ursprung; man merkt alsdann, er stammt aus dem Lande Mozarts, Raphaels, Goethes, sein wahres Vaterland ist das Traumreich der Poesie." So urteilt ein Genie über das andere. Was Heine vielleicht nur als Improvisationen genossen, hat uns Chopin in seinen unsterblichen Werken hinterlassen, und so lange Klavier gespielt werden wird, bleibt das Wort unseres viel geschmähten, aber -trotzdem unsterblichen Heinrich Heine: „Sein Vaterland ist das Träumland der Poesie", ein unanfechtbar Wahres und das Zutreffendste, was je über Chopin gesagt worden ist. Friedr. Gernsheim. ^UltiLecoiy Me Klageweiber. Novelle von Joachim Friedenthal. III. ©ie sind — Sie sind sehr liebenswürdig," brachte da Recha heraus, während ihr erst der Atem vor Jubel stockte. — „Aber ich weiß doch nicht recht ob ich darf." „Warum denn nicht!" lachte er. „Ich glaub', es wird zu spät und zu dunkel in diesen Septembertagen für den Heimweg." "Aber ich bitte Sie, ich fahr' Sie natürlich selbst nach Haus. Kleinigkeit!" „Nein, nein!" fuhr sie mit plötzlicher Angst auf. „Nein, nur das nicht!" Da wurde sein Gesicht ganz finster und hart, daß sie erschrak. Eine jähe Grausamkeit kam in seine Züge. Rauh war das Lachen, mit dem er sprach: „Ah", man schämt sich wohl! Der Herr ist zu berüchtigt in der Stadt!" Doch ihr Blick lief schnell zu ihm und bat und streichelte: „O nein! Sie verstanden mich falsch. Ich sagte das nur wegen der Leute, die bald so häßlich bei solchen Dingen sprechen." „Sie haben recht," -- entgegnete er mit einem trotzigen Ruck des Kopfes — „ich verstand Sie falsch: mit Don Diego Raphael dürfen selbst Fürstinnen sich nicht schämen heimzufahren." Und weiter streichelte sie:; ' „Dann fänd' ich's auch so schön, wenn man nichts wüßte von unserer — unserer seltsamen Bekanntschaft. Nicht?—" Sein Auge blitzte auf, und er ergriff ohne Frage, schnell und festihre Hand, die sie zusammenschauernd ihm lassen mußte. - „Ich danke Ihnen, mein Fräulein! Gerad' so heimlich find'- ich es auch sehr schön." , Kleine Pause. Das Pferd stampft. Blätter wirbeln von den Bäumen. „Darf ich meine Bitte wiederholen? Wollen Sie trotzdem, ein kurzes Weilchen wenigstens, in mein Gewächshaus kommen? O. ich Hab' gerade eine neue Pflanzung wunderbarer Chrysanthemen anlegen lassen." „Ein kleines Weilchen gern," sagte sie und hätte sagen wollen: Eine Ewigkeit. „Nur — nicht wahr? Dann lassen Sie mich bitte allein nach Hause gehen." - „Aber wie Sie wünschen." Der Gaul stampfte und zerrte am Zügel. Und sie wandten-sich zum Gehen. Und gingen gemeinsam die kurze Strecke am Gitter entlang, sie auf dem schmalen Rasenrändel, er neben dem Pferd. „Ei," sagte er plötzlich zwischen den und jenen Worten, wie sie Fremde sprechen. „Hei!" sagte er, und seine Augen blitzten wie bei Cowboyjagden: „Statt im Sande zu gehest müßt' ich Sie zu mir in den Sattel nehmen und im tollen Ritte ins Schloß hineinreiten! Nein viel weiter . . .! Sie zitterte/ als hätte er's schon getan. Und sie sagte nur: „Ich kann nicht reiten." Obgleich sie doch sagen wollte: Das paßte sich nicht. An der Wegbiegung kam die große Ausfahrt, von der Landstraße her zum Schloß hin. An. der Freitreppe warf Don Diego dem erstaunten Mulatten die Zügel hin. Der war erstaunt, weil es keine Dame mit einem großen Hut und einem Seidenmantel war. Nein, ganz einfach, aber wunderschön, fand er sie und rollte ihr die Kastanienaugen nach, wie sie mit seinem Herrn, den Platanengang rechts zum überdeckten Palmengarten hinunterschritt. Nun standen sie beide im Gewächshaus vor den weißen und rosigen Chrysanthemen still, diesen großen duftlosen Blüten, die in ihrer starren duft- und leblosen Schönheit wie sehr schöne, aber seelenlose Frauen find. Sie hörte zu, wie er erzählte : in diesem sonoren, fast ans Renvmmistische anklingenden Ton, mit dem ein wenig amerikanischen, aber pikanten Akzent, in einer, beinahe erstaunlich, fließenden und gewandten Sprache. Wie er erzählte von all den fremdländischen Blumen ringsum und von fremden Ländern. Und der Duft all dieser fremdländischen Blumen, die hier und da und dort sich reckten und wanden und wiegend sangen in einer unerfaßten verwirrenden Farbensymphonie, der Zauber der fremden Länder, das jäh über den Weg gekommene Glück machten aus dieser kurzen Stunde ein köstlich seltsames Märchen. Fast nicht zu glauben war es: War sie denn wirklich noch die kleine Rabbinerstochter? Nein, Nein! Man mußte es festhalten dieses Märchen und nur in ihm leben, nur in ihm. Und es war, als ob sie es festhalten wollte in der Bewegung, mit der sie dem Don Diego die Hand zum Dank und Abschied reichte. Ihr ganz unbewußt preßten sich all ihr Jubel und ihre Zärtlichkeit und das Glück dieses Märchens in den Druck ihrer Hand. Und Don Diegos Auge flammte bei .diesem, hingebenden Drucke so auf, daß er selbst den allzu lauten und verräterischen Triumph seines Blicks spürte und sich schnell Ir

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