Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 319 (sequence 7)
- Language
- German
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319 und der Psychologe, der da weiß, wie gerade die Bibel manchen für sein Leben nicht los laßt, trotz aller innerer Ent- Wicklung, wird diesem Bekenntnisse Seumes mit einer gewissen Zweifelhaftigkeit gegenüberstehen. Allerdings wird damit an der Tatsache nichts geändert, daß aus dem jungen Bihelfanatiker ein fanatischer Bibelhasser geworden ist. Dieses Buch — und seine Wirkung — gehörten in erster Linie auf der Index der Aufklärnngsmänner. Das erklärt er mit einem Fanatismus, der demjenigen der Scheiterhaufenmänner durchaus nicht nachsteht. „So lange man als die reinste Quelle göttlicher Wahrheit und als die heiligste Norm der vollendetsten Moral ein Buch ausstellt, dessen Inhalt dunkel und widersprechend, selten auf das Leben bezogen werden kann und voll moralischer Inkonsequenzen ist, und dessen wahres, brauchbares Gute auf unhaltbaren Gründen eines finsteren, theosophischen Enthusiasmus beruht, wird die wahre, wohltätige Aufklärung weder in der Kirche noch im Staate feste Wurzel schlagen. Ich kenne selbst jetzt noch mehrere, deren bißchen Verstand über der prophetischen Theologie apokalyptisch zugrunde gegangen ist, und es ist kein leichterer und gewöhnlicher Sprung als vom Kardinal zum Atheisten; auch soll sich beides zuweilen recht gut vertragen, wie die Geschichte sagt. Lot trieb im Traubenrausch Unzucht mit seinen Töchtern: der war der frommste Mann seiner Stadt. Das mag noch gehen; denn die anderen wurden vertilgt wegen ihrer Bosheit. Abraham stieß seinen eigenen hoffnungsvollen Sohn mit der Mutter zum Raube der Angst und des Mangels hinaus in das Unwirtbare, um einen Sprößling zu verzärteln, dessen Abkunst sehr problematisch war. Das war ein Vater der Gläubigen. Jakob betrog seinen Schwiegervater um die Schafe und seinen wackeren, ehrlichen Bruder um die Liebe seiner Eltern. Der Bruder wuchs und gedieh durch die Größe und Reinheit seiner Natur und vergab großmütig dem furchtsamen Kriecher. Dafür ist dieser der Erwählte, und jener muß ausgerottet werden. Joseph, das schmeichelnde Schoßkind, ist das Muster der Delatoren und Thrannenhandlanger; ich weiß nicht, ob Narziß und Sehan ihm an Ränken gleich kamen, wenn ich die Wahrheit der Ueberlieferung annehme. Die löbliche Geschichte mit der DamePotiphar ist mancher Deutung fähig. Er ward Minister durch den Zufall oder durch das Talent, das er sich im Hause seines Vaters erworben und in der Welt ausgebildet hatte. Er legte in den guten Jahren Magazine an, eine sehr lobenswürdige Vorsorge, die heutzutage leider alle Fürsten und ihre Minister, vielleicht mit besserem Glauben an die Vorsehung, ausgegeben haben. Was tat aber der Minister Joseph mit den Magazinen? Rettete er das Land und ward sein Wohltäter? Mit einem Wort; er brachte es in Sklaverei. Erst zahlte man Geld für Korn, dann brachte man seine bewegliche Habe, dann verkaufte man seine Grundstücke, dann seine Person dem König zur Knechtschaft. Das nenne ich doch einen Fürstendiener, einen Finanzrat, wie er sein muß! Mir ist in den Analen der Menschheit kaum ein größerer Bube bekannt, und der wird aufgestellt vor anderen, der Jugend und dem Volke zum Vorbild. Saul, der hohe, gr oßmütige, königliche Mann wird verworfen, weil er menschlich war, weil er nicht in das schändliche Ausrottungsshstem des Pfaffen Samuel stimmen wollte. Freilich war der Knabe Jsais folgsamer und frömmer, der dann die Weiber verführte und ihre Männer im Hinterhalt morden ließ. Dafür ward er ein Mann nach dem Herzen Gottes. So geht es in Beispielen fort, die man dem gemeinen Menschenverstand, ich weiß nicht ob zur Bildung oder zur Verwirrung in die Hände gibt. . ." (Mein Sommer 1805, Hempel - Ausgabe Seite 58 ff.) Allerdings die großartignaive Objektivität der Bibel, die dem geschichtlichen Teil erst den unnachahmlichen Reiz verleiht, hat in den Köpfen "der Aufklärungsleute eine, bedenkliche Verwirrung angerichtet. Seumes Betrachtungen find ein klassisches Zeugnis für diesen Zustand, für die Gesinnung _ und Stimmung eines gewiß großen Teils seiner Zeitgenossen. Er ist von diesen Auffassungen nicht losgekommen. Die Größten seiner Zeit sind von ihnen unberührt geblieben. Die Ehrfurcht vor diesem er habensten Buche der Menschheit erfüllte Goethe und Schiller auch in den Zeiten, da die Aufklärungsstürmer dagegen tobten. Man kann es für wirkliche Besorgnis halten, daß der jugendliche Schiller den Spiegelberg sagen läßt: „Wenn Dentschland so sortmacht, wie es bereits auf dem Wege ist, und die Bibel vollends hinausvotiert, wie es die glänzendsten Aspekten hat, so kann mit der Zeit aus Deutschland was Gutes kommen." Den Blick dieses Sehers konnten verflackernde Wallungen nicht begrenzen ... tzrine und Chopin. ie geistreichen, hochinteressanten Berichte Heinrich Heines aus Paris sind heute mehr oder weniger in Vergessenheit geraten. Und doch, welch köstliche Gedanken, tiefsinnige Bemerkungen enthalten sie, wie plastisch treten die Gestalten, die damals im Vordergrund standen, hervor; es sind . Zeitbilder von hohem Wert, von köstlicher Frische, die nicht nur Politik und Gesellschaft, sondern auch die Kunst der damaligen Zeit behandeln. Ganz zufällig fiel mir vor einiger Zeit jener Bericht in die Hand, in dem von Liszt, Berlioz und Chopin die Rede ist, und da wir in diesem Jahre (22. Februar) den 100. Geburtstag Friedrich Chopins feierten, war es mir von ganz besonderem Interesse, wieder zu lesen, wie im Jahre 1837 Heine, den 27 jährigen Chopin beurteilt. So schreibt nur ein erlauchter Geist über seinen Bruder in Apoll. Einsame Seele. Original im Besitze der Nachkommen des Herrn Ludwig Mond. «sÄÄi-kMr'