Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 27 (8.7.1910)
- Date
- 1910-07-08
- Page
- Seite 314 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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mit einer halben Million ein „Kolonisationswerk' großen Stiles nach modernen Prinzipien" in die Wege zu leiten, leuchtet ohne weiteres -ein. Was dabei an Erfolgen herauskommen kann, könntenur eine Bagatelle sein, die die Begründung einer neuen Organisation, die den großzügigen bestehenden Vereinigungen für das jüdische Hilfswerk Mittel und Kräfte entzieht, kaum rechtfertigen dürste; ganz abgesehen davon, daß dieser- Arbeitsplan der „Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Gesellschaft" in dem Rahmen der Aufgaben dieser großen Organisationen bereits mit enthalten ist. Aber auch die Basis, auf der das beabsichtigte „Kolonisationswerk großen Stiles nach modernen Prinzipien" gestellt werden soll, benimmt der Vereinsarbeit den Charakter des großen Stiles. -,Nach der einstimmigen Ansicht kompetenter Berater," so heißt es.in der Darlegung des Arbeitsplanes der „Allgemein Jüdischen Kolonisations-Gefellschaft, ,-kann die Tätigkeit der Allgemeinen Jüdischen Kolonisations-Gesellschaft nur darauf gerichtet sein, die Bedingungen zu schassen, unter denen die freiwillige Ansiedlung der nach dem Orient einwandernden Glaubensgenossen einen gedeihlichen Aufschwung nehmen kann." Und an einer anderen. Stelle heißt es: „Die Kolonisation muß daher in der Weise vor sich gehen, daß die Kolonisten sich tunlichst auf eigenes Risiko niederlassen, und die ganze Besiedlungsaktion von einer öffentlichen Institution, rvie die Allgemeine Jüdische Kolonisations-Gesellschaft, nur in weitausschauender Weise vorbereitet, geleitet und gefördert wird." Man will also jenen Juden, die freiwillig, aus eigenem Antriebe nach der Türkei gehen, etwas bemittelt sind und sich auf eigenes Risiko dort niederlassen, ein wenig das Fortkommen erleichtern. So sehr man den guten Willen und die edle Absicht der Initiatoren dieses Gedankens auch anerkennen mag. es fragt sich doch, lohnte es, daraufhin eine neue große Organisation zu schaffen und dadurch eine Zersplitterung der Kräfte und der Mittel für das wirklich große, bewährte und umfassende Hilfswerk, wie es von den bestehenden großen Vereinigungen verfolgt wird, herbeizu führen? Was kann man bestenfalls auf dem vorgezeichneten Wege und mit den in Aussicht'genommenen Mitteln erreichen? Vielleicht einigen ganz wenigen strebsamen jüdischen Leuten, die nach der neuen Türkei gehen, eine Förderung angedeihen zu lassen, die sie übrigens auch heute nicht ganz entbehren? Dem großen, gewaltigen Problem der leidigen Judenwanderung aber, das die besten unserer Glaubensgemeinschaft beschäftigt, wird man durch solche. Pläne nicht beikommen, sondern nur die Einheitlichkeit und das geschlossene Handeln irritieren, der Sache die Mittel entziehen, deren sie für wirklich großzügige Arbeit bedarf. Wir schätzen gewiß jede Arbeit zum Wohle der Judenheil, auch-dort, wo sie sich im Ziele und in den Mitteln irrt. Wer' sich l: in . den Dienst eines jüdischen Interesses stellt, hrmdett selbstverständlich nur aus guten Motiven. Aber es fragt sich doch/ ob. wir nicht zu weit gehen, wenn wir für jeden Zweck ein Dutzend Vereine und Institutionen. statt eines starken einheitlichen Zusammenschlusses schaffen. Das gilt schon für das Leben in der Einzelgemeinde, gilt aber in erhöhtem Maße in allen großen jüdischen Gemeinschaftssragen. Gewiß soll nicht geleugnet werden, daß auch die „Allgemeine Jüdische Kolonisations-Gesellschaft segensreich in kleinem Rahmen wird wirken können, wenn sich die günstigen Verhältnisse in der neuen Türkei>bewähren sollten, und wir wünschten es durchaus. Aber das. wird, sie erst zu zeigen haben, und inzwischen darf man: mit der sich ausdrängenden Skepsis nicht hinter dem Berge halten. . . , Modestus. Dir Woche. Berlin, den 5. Juli. - ie Minister reiten schnell in Preußen und im Deutschen Reich.. Auch heute müssen wir, wie dies in Nr.. 25 geschah, von der Entlassung zweier Würdenträger und der Berufung zweier neuer Meldung tun. Der preußische Finanzminister Herr v. RHeinbaben hat nach elfjähriger ministerieller Tätigkeit seinen verantwortungsvollen' Posten, der ihm namentlich durch.so schwere Angriffe seitens einzelner Herrenhausmitglieder recht ungemütlich gemacht wurde, aufgegeben und hat dafür das Oberpräsidium der Rheinprovinz übernommen. An seine Stelle, ist der bisherige Oberbürgermeister von Magdeburg, Herr Lentze, berufen worden. Mit ihm rückt in die Reihe der Minister ein Bürgerlicher, ein Mann, der sich im Verwaltungsdienste, freilich nicht im staatlichen, sondern im städtischen, bewährt hat, vor allen Dingen ein Beamter, der durch seine bisherige Tätigkeit als.Oberbürgermeister und seine Arbeit im Herrenhause gezeigt hat, daß er nicht der konservativen Partei an gehört, sondernden Nationalliberalen nahesteht. Auch der Staatssekretär des Auswärtigen, v. Schön, hat seine Stelle aufgegeben und ist dazu bestimmt, den deutschen Botschafter in Paris, Herrn v. Radolin, zu ersetzen, der seines Alters und seines Gesundheitszustandes wegen schon längere Zeit von seinem Posten zurücktreten wollte. An den Platz des Staatssekretärs ist Herr v. Kiderlen- Wächter, bisher Gesandter in Bukarest, berufen. Er gilt als tüchtiger Diplomat, von dessen Tätigkeit bisher nicht allzuviel die Rede war. Sein erstes Auftreten im deutschen. Reichstage, wo er mit einer gelben Weste erschien und auch in seinen Reden sich etwas nonchalant benahm, hat in den Kreisen der Parlamentarier ein ungünstiges Vorurteil gegen ihn erweckt. Wenn wir Juden von einem Finanzminister gleich wenig zu fürchten und zu hoffen haben — denn das Anziehen der Steuerschraube trifft uns nicht als Juden, sondern als Staatsbürger — so sehen wir mit Begierde und ein klein wenig Hoffnung der Tätigkeit des neuen Staatssekretärs des Auswärtigen entgegen. Er kommt aus einem Lande, in welchem barbarische Vorgänge gegen die Juden an der Tagesordnung sind, und hat hoffentlich neben einer genauen Kenntnis dieser Verhältnisse auch die Ueberzeugung gewonnen, daß eine Fortsetzung solcher mittelalterlichen Institutionen und. Gewohnheiten eine Schande für unsere Zeit ist. Es wäre zu wünschen, daß er infolge der genauen Kenntnis der Verhältnisse es für eine Pflicht des Leiters der auswärtigen Politik des Deutschen Reiches betrachtet, im Namen der Menschlichkeit und Gerechtigkeit, seine Stimme, in den Fällen zu erheben, in denen auswärts in ungerechter Weise Juden und Judentum behandelt werden. £ Daß und wie solches in Rußland geschieht, ist in diesen Blättern oft genug erörtert worden. Das vereinigte Komitee des „Jewish Board of Deputies“ und der „Anglo Jewish Association“ veröffentlicht folgende Einzelheiten über die Kiewer Judenausweisungen, die einem Privatbriefe aus Kiew entnommen sind: Bisher haben ungefähr 1000 Familien,.deren'. Seelenzahl sich auf etwa 6000 beläuft, die Aufforderung zum Verlassen der Stadt erhalten Die Ausweisungen begannen am 15./28. Mai. Der Modus der Ausweisungen ist nach der Kategorie, der die einzelnen ausgewiesenen Familien angehören, genau geregelt. Die Polizei unterscheidet nämlich drei Kategorien von auszuweisenden Juden. Zur ersten Kategorie