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Allgemeine Zeitung des Judenthums · 1910-07-01 · Heft 26 (1.7.1910) · p. Seite 3

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Journal
Allgemeine Zeitung des Judenthums
Volume
74 (1910)
Issue
Heft 26 (1.7.1910)
Date
1910-07-01
Page
Seite 3 (sequence 15)
Language
German
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■ü Dr. Stbssel nimmt sodann die württembergische Regierung gegen den Vorwurf in Schutz, daß der bekannte Erlaß eine Ausnahme- Maßnahme gegen die jüdischen Wanderer darstelle. Erchabe mit dem Ministerialrat Rücksprache genommen und könne feststellen, daß der Erlaß auf Grund von Beschwerden seitens der Gemeinden ergangen sei, keineswegs rigoros gehandhabt würde, sondern nur dann zur Anwendung komme, wenn dies von den Gemeinden verlangt wird. Professor Philippson weist daraufhin, daß München, Augsburg und Nürnberg-Fürth, ebenso Elsaß-Lothringen ihren Anschluß erklärt haben, nur von Baden läge noch kein Resultat vor. Stuttgart sollte daher nicht partikularistischer sein als' die anderen süddeutschen Staaten. Keine einzige süddeutsche Gemeinde habe eine besondere Zentrale verlangt; im Gegenteil, man habe sie direkt abgelehnt. Was die Verordnung der württembergischen Regierung betrifft, so habe sie bei den norddeutschen Juden den Peinlichsten Eindruck hervorgerufen, man habe sogar schon öffentlich dagegen Stellung nehmen wollen, da sie sich als eine Ausnahme- Maßnahme charakterisiere, weil sie sich nur gegen die ausländischen Juden, nicht gegen die Ausländer an sich richte. Herr Kadisch- Danzig berichtet über Westpreußen, wo die Provinzialkasse noch erst in der Bildung begriffen ist. Eine längere Debatte entspann sich dann über die Frage der^Behandlung der Kranken. Herr Sanitätsrat Dr. Feilchonkfeld-Berlin erklärte, daß nur ganz ausnahmsweise eine Berechtigung Vorlage, Kranke nach Berlin zu senden, meistens könnten sic in ihrem Heimatlande, sonst aber an der Grenze, in Königsberg und Memel abgefertigt werden. Gleichzeitig gab er die Erklärung ab, daß die Berliner Gemeinde ihr Fünftel zahlen werde, darüber hinaus aber noch einen Betrag nach Maßgabe des Bedürfnisses. Nachdem ein Antrag Dr. Rosenack-Bremen, daß Kranke unbedingt berücksichtigt werden müssen, zum letzten Punkt der Tagesordnung zurückgestellt war, erfolgte die Abstimmung über die definitive Konstituierung der Zentrale, und nachdem dies einstimmig beschlossen war, die Beratung der Statuten für die Zentralkasse. Herr Laskar-Hamburg erklärt, daß die schwersten Bedenken gegen. den Namen: Zentralkommifsion zur Beschränkung des Wanderbettels in weiten Kreisen beständen. Er schlägt den Namen: „Zentralkommission zur Organisation des Wanderarmenwesens" vor. Er will das Wort Wanderbettel nicht angewandt wissen. Es.wird schließlich die Bezeichnung „Deutsche Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge" gewählt. Nachdem dann noch zum § 4 eine Resolution angenommen war, daß während des Jahres 1910 und 1911 der Vorstand wegen des ein Fünftel-Beitrages nicht rigoros Vorgehen möge, wurden die Statuten angenommen und der Vorstand ermächtigt, etwaige formale Aenderungen, die der Registerrichter für erforderlich erachten sollte, bei der Eintragung d.es Vereins vorzunehmen. Als Termin der Wirksamkeit der Kasse wurde auf Antrag Laskar-Hamburg der 1. Oktober bestimmt. Die darauf vorgenommene Aorstandswahl hatte folgendes Resultat. Es wurden gewählt: Professor Philippson I, Vorsitzender, Sanitätsrat Dr. Feilchenseld-Berlin, stellvertretender Vorsitzender, Dr. Max Ginsberg, stellvertretender Vorsitzender, Kommerzienrat Benjamin Hirsch-Halberstadt, 1 Schriftführer. Generalsekretär Dr. Neumann. 2. Schriftführer, Herr Meisel, 1. Schatzmeister,. Herr Max Beer, 2. Schatzmeister. Zu Revisoren wurden die Herren Oskar Tietz, Direktor Leszynski und Sieg. Bergel gewählt. Nach der Frühstückspause gab dann Prof. Philippson noch die Anregung, daß jede Provinzialkasse eine Arbeitsstätte und Arbeitsnachweis einrichte. Es empfehle sich, in das Logenkomitee für Arbeitsnachweis auch einen Vertreter der Provinzialkasse zu wählen,, ferner sei Hauptgewicht zu legen auf die Gewinnung persönlicher Mitglieder, besonders für Provinzial- und Ortskassen, und schließlich wäre es wünschenswert, wenn die Gemeinden als solche durch eine Ortskasse ersetzt würden, der die Gemeinde 2 Prozent der Einnahmen überweise. Eine sehr lauge Debatte rief dann der Antrag Rosenack hervor, der aber schließlich einen harmonischen Ausgang nahm und zu einer völligen Uebereinstimmung führte, nachdem Herr Professor Philippson erklärte, daß den Grenzbureaus Vertrauensärzte attachiert würden, die die Kranken zu untersuchen hätten. Die als wirklich krank festgestellte Personen würden selbstverständlich die weitestgehende Unterstützung erfahren. Nach den üblichen Dankesworten wurde die Versammlung dann geschlossen. — Damit ist also eine Zentralisation der Wanderarmenfürsorge definitiv geschaffen, die hoffentlich segensreich wirken wird. £2 Berlin, 28. Juni. Im „Akademischen Verein für jüdische Geschichte und Literatur" hielt am 21. d. M. Herr Rabbiner Prof. Dr. E. G. Hirsch aus Chicago einen Vortrag über das Thema „Puritaner und Juden in Amerika". Wie sehr sich der Ruf des Herrn Prof. Dr. Hirsch durch seine Vorträge in der „Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums" verbreitet hatte, das bewies diese Veranstaltung, war doch das Vereinslokal in den „Einsiedler-Bierhallen", Neue Promenade 9/10, lange vor der festgesetzten Zeit schon überfüllt. Unter den Erschienenen bemerkten wir Herrn Geh. Regierungsrat Prof. Dr. Ludwig Geiger, das Ehrenmitglied des Vereins Herrn Prof. M. Philippson, die Herren M. Weiß vom Kuratorium und Dr. Pahuda vom Dozentenkollegium der Lehranstalt für die Wissenschaft des Judentums, Herrn Justizrat Dr. Plonsker vom „Liberalen Verein für die Angelegenheiten der jüdischen Gemeinde zu Berlin", sowie Vertreter von der „Freien Wissenschaftlichen Vereinigung" und dem „Akademisch- Wissenschaftlichen /Verein". Mr. Hill, der Botschafter der Vereinigten Staaten von Amerika, hatte in letzter Minute „zu seinem Bedauern" telegraphisch abgesagt. Um 1/%10 Uhr abends begann in dem in festlichem Schmuck prangenden Saal — die Wände waren mit den Vereinsfarben „grün-weiß-rot" geschmückt, die Chargierten in Wichs und die über dem Redner entfaltete Vereinsfahne erhöhten den äußeren Eindruck der Stunde — Herr Prof. Dr. Hirsch seinen Vortrag. Er schilderte die Frömmigkeit der Puritaner, ihren Arbeitseifer und ihre Sittenstrenge. Er wies nach, in wie reichem Maße diese Tugenden auch bei den Juden seines Heimatlandes zu finden seien, wie gerade das Judentum von seinen Bekennern deren Ausübung verlange, und so könne es nicht wundernehmen, daß Puritaner und Juden in Amerika in Frieden und Eintracht beieinander lebten und nichts wissen wollten von dem in Europa kultivierten Antisemitismus. Mit begeisterten Worten wies er auf die segensreiche Tätigkeit des jüdischen Liberalismus in Amerika hin, der allein durch seine aufklärende, den Zeitverhältnissen angepaßte Wirksamkeit den Juden ein einträchtiges Zusammenleben mit den Puritanern ermögliche. „Wir sind gute Juden, weil wir gute Amerikaner sind, und wir sind gute Amerikaner, weil wir gute Juden sind!" so schloß der Redner seinen mehr als einstündigen Vortrag, dem stürmischer, nicht endenwollender Beifall folgte. — Der Präside Herr eanä. med. S. London dankte dem Gast mit einem urkräftigen Salamander. Während des nunmehr zu Ehren des Herrn Prof. Dr. Hirsch veranstalteten Kommerses begrüßte der zweite Chargierte Herr cand. phil. Adolf Philippsborn die zahlreich erschienenen AH AH. Herr Philippson kam noch einmal in wirkungsvoller Rede auf die Bedeutung des Abends für die Vereinigung zurück, und Herr Rabbiner Dr. Hochfeld, „Alter Herr" des AJGV, dankte den Aktiven für den den „Alten Herren" bereiteten genußreichen Abend Nachdem noch einmal Herr Prof. Dr. Hirsch in launiger „Bierrede" für alle Ehrungen gedankt hatte, trennte sich nach Gesang und Scherz morgens um 2 Uhr die Kneiptafel. y. Königsberg i. Pr«, 24. Juni. Dem soeben ausgegebenen Rechenschaftsbericht der Pensionskasse für jüdische Religionslehrer und Kultusbeamte in Ostpreußen entnehmen wir, daß sich die Leistungen der Kasse zurzeit (1909/1910) auf sechs Witwenpensionen und zwei. Ruhegehälter erstrecken. Sämtliche jüdischen Religionslehrer und Kultusbeamte der Provinz Ostpreußen, soweit sie nicht von ihren Gemeinden selbst vertraglich eine höhere Pension zu erwarten haben, sind durch die Kasse in gesicherte Versorgung gebracht. Auch die finanzielle Entwicklung der Kasse zeigt, was bei ernstem Wollen der Gemeinden auf diesem Gebiete in kurzer Zeit zu erreichen möglich ist. Das Vermögen der Pensionskasse beläuft sich auf 806.57.80 Mark. Die einzelnen Zweige der Pensionskaffe weisen folgende Ziffern auf: Versicherungskasse über 476 Mark, Versorgungs" kosten 11691.72 Mark, die Zuschußkasse 7834.69 Mark und der Grundfond 1000 Mark. — Dortmund, im Juni. Am 18. Juli vorigen Jahres konnten wir endlich unter äußerst starker Beteiligung aus Westfalen und Rheinland und unter Teilnahme der provinzialen und örtlichen

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