Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Journal
- Allgemeine Zeitung des Judenthums
- Volume
- 74 (1910)
- Issue
- Heft 26 (1.7.1910)
- Date
- 1910-07-01
- Page
- Seite 2 (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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kürzere Zeit Vorsitzender der Allerversorgungsanstalt, Mitglied der Kommission zur Unterstützung der Synagogenvereine und Leiter des Platzevermietungsbureaus der Gemeinde, das er in seiner heutigen Gestalt organisierte. In dieser Tätigkeit war er es, der den Armen und .Unbemittelten auf entsprechende Wünsche Synagogenplätze verschaffte. Auch war' der Verstorbene mit einem Teile der Kassen- und Depositarangelegenheiten der Gemeinde betraut und lange Zeit Vorstandsmitglied des Vereins für jüdische Krankenpflegerinnen. Nach dem Influenzaanfall ließ er sich zunächst beurlauben, legte dann aber bald darauf sein Amt als Vorstandsmitglied der Gemeinde nieder. An seiner Stelle tritt jetzt Herr Sanitätsrat Dr. Wilhelm Veilchenseld in den Vorstand ein. — Bei der Beisetzung Julius Olivens auf dem Friedhofe in Weißensee hielt Herr Rabbiner Dr. Weiße die Grabrede. Er rühmte die große Pflichttreue des Ver» blichenen und sein inniges Familienleben, den besorgten Vater und Gatten, der nun den Seinen entrissen sei. Dann rief namens des Vorstandes der Gemeinde Herr Geheimer Justizrat Dr. Timendorser dem aufopferungsvollen, unermüdlichen Mitarbeiter in der Gemeindeverwaltung herzliche Worte der Anerkennung und des Abschieds nach, An der Beisetzungsfeier nahmen außer den Angehörigen des Verstorbenen und einer großen Zahl näherer Freunde auch eine Anzahl Repräsentanten und der Vorstand der Gemeinde teil. Berlin, 26. Juni. Unter dem Namen „Deutsche Zentralstelle für jüdische Wanderarmenfürsorge" ist heute hier in einer Versammlung von Verbandsvertretern und Vorständen bereits begründeter Provinzialkassen die Zentrale für jüdische Wanderarmensürsorge definitiv konstituiert worden. Aus allen Teilen des Reiches waren Delegierte erschienen. Die „Alliance Israelite“ hatte die Herren Dr. Markus und Max Beer entsandt, vom „Hilfsverein der Deutschen Juden" waren die Herren Dr. Paul Nathan und Dr. B. Kahn erschienen, die Großloge war durch Herrn Sanitätsrat.Dr. Maretzki und Dr. M. Gin sb erg vertreten, Hamburg hatte die Herren Paul Laskar und Levh, Bremen Herrn Rabbiner Dr. Rosenack, Sachsen Herrn Rosenthal-Leipzig, Kassel Herrn Landesrabbiner Dr. Doktor, die Berliner Gemeinde Herrn Sanitätsrät Dr. Feilchenfeld, Stettin Herrn Dr. Ehrenberg, Hannover Herrn Senator Fischer, Frankfurt a. O. Herrn Rabbiner Dr Salomonsky, Königsberg Herrn Justizrat Dr. Hirsch, 'Westpreußen Herrn Kadisch, Stuttgart Herrn Rabbiner Dr. Stöffel entsandt. Eine Reihe weiterer Herren waren gleichfalls zu der konstituierenden Versammlung erschienen, die von Herrn Prof. Dr. M. Philippson geleitet wurde. Eine Anzahl anderer Vertreter hatte ihre Zustimmung schriftlich erklärt, weil ein persönliches Erscheinen aus wichtigen Abhaltungsgründen nicht möglich war. Zu denjenigen, die sich entschuldigen ließen, gehörte auch Herr Kommerzienrat Benj. Hirsch-Halberstadt, der aber zugleich einen schriftlichen scharfen Protest gegen die verunglimpfenden Aeußerungen des „Israelit" erhob, die dieses Blatt gegen die Organisation in seinen letzten Nummern gebracht hatte. Ein näheres Eingehen auf diese „plumpen Verdächtigungen des „Israelit", wie sie Herr Professor Dr. M. Philippson bezeichnete, hielt die Versammlung in Uebereinstimmung mit dem Vorsitzenden nicht für erforderlich. Ferner brachte der Vorsitzende nach Begrüßung der Erschienenen ein Schreiben von Herrn Marx-Nancy zur Verlesung, der unter Hinweis auf die Wanderarmenplage, die sich bis Paris hin erstrecke und durch Empfehlungsschreiben der Wiener Alliance und auch deutscher Rabbiner besondere Förderung erfahre, die geplante Regelung des Wanderarmenfürsorgewesens besonders freudig begrüßt. Auch der bekannte Erlaß der württembergischen Regierung gegen die j ü d i s ch e n Wanderbettler, der sich als Ausnahmemaßregel charakterisiere und der möglicherweise anderswo Nachahmung finden könnte, gemahne, das Werk, das man vorhabe, nun zustande zu bringen. Schließlich brachte der Vorsitzende dann noch eine Zuschrift des Herrn Basch-München zur Verlesung, in welcher derselbe seine bisherige Opposition, die er im Logenblatt zum Ausdruck gebracht hatte, aufgibt und sich unter Mitteilung eines Arbeitsprogramms für die Kassen, das sich im wesentlichen mit dem deckt, das die Zentralkommission aufgestellt hat. auf den Standpunkt der Zentralisation stellt. Dann erstattete Herr Generalsekretär Dr. Neumann Bericht über den. Stand der organisatorischen Vorarbeiten. Das Wesentlichste ist in der letzten Nummer der Mitteilungen vom „D. I. G. B." enthalten und zusammengefaßt auch schon in diesem Blatte mitgeteilt worden. Ergänzend ist nur nachzutragen, daß vor etwa acht Tagen in einer Versammlung der pommerschen Gemeinden zu Kolberg einstimmig der Beschluß gefaßt wurde, eine Provinzialkasse mit dem Sitze in Stettin zu begründen, und daß dort auch das Statut einstimmige Zustimmung fand. Noch erfreulicher sei, daß am gleichen Tage in einer Versammlung zu Frankfurt a. O. auch eine Provinzialkasse für die Provinz Brandenburg und den Bezirk Bromberg dank den besonderen Bemühungen des Herrn Rabbiner Dr. Salomonsky - Frankfurt a. O. zustande gekommen sei. Die Provinzialkasse Posen werde heute in einer Versammlung, die in Posen stattfinde, wohl konstituiert werden, dagegen läge leider aus Elsaß-Lothringen wegen Erkrankung des Herrn Ha genauer noch kein positives Resultat über die Begründung einer Provinzialkasse vor, allein nach vorliegenden Mitteilungen sei die Begründung einer reichsländischen Kasse mit dem Sitze Straßburg in etwa drei Monaten sicher zu erwarten. Oberschlesien dagegen sei nicht der Organisation beigetreten, weil es sich mit den Vorschriften über den Grenzverkehr nicht einverstanden erklären wollte, hoffentlich werde Breslau dafür Ersatz schaffen. Leider sei ferner Frankfurt a.M. nicht erschienen, und Herr Hirschler, der eingeladen war, habe sich nicht nur entschuldigen lassen, sondern habe auch zugleich seinen Austritt aus der Zentralkommission erklärt. Zum Schluffe dankt der Berichterstatter besonders noch der Presse aller religiösen Richtungen, die dem Werke ihre wertvolle und anerkennenswerte Unterstützung und Förderung geliehen habe. In der sich an den Bericht anschließenden langen Debatte wurden zunächst eine Reihe von Wünschen über anderweitige örtliche Abgrenzung der Gebiete der Provifizialkassen laut. Herr Dr. Rosenack wünscht die Unterweserorte der Provinzialkasse Bremen einverleibt zu sehen, die jetzt zu Hannover gehören. Herr Weill-Magdeburg reklamiert Potsdam für die sächsische Provinzialkasse, während es anderseits für die Provinzialkasse Brandenburg bereits beansprucht ist. Während Herr Professor Philippson diese Fragen durch Verständigung der Beteiligten geregelt wissen will und einem Eingreifen der Zentrale nicht das Wort reden kann, wird von verschiedenen Seiten aus der Versammlung der Wunsch ausgesprochen, daß die Zentrale darüber Bestimmung treffen oder zumindest vermittelnd eingreifen soll. Dr. Ehrenberg-Stettin möchte wegen der Beitragsleistungen an die Provinzialkasse wie an die Zentralkasse Uebergangsbestimmungen getroffen sehen, da man jetzt in der Mitte des Etatsjahres nicht von den Gemeinden die vollen Beiträge verlangen könne, da es Schwierigkeiten machen würde. Herr Dr. Doktor-Kassel verweist aus die ratlose Situation, in der man sich in Hessen befinde. Da Hanau zu Frankfurt gravitiere, der Rabbiuatsbezirk Fulda aber wegen religiöser Differenzen sich von der Organisation fernhalte, so, blieben für eine Provinzialkasse nur die Bezirke Eschwege, Kassel, Marburg und Kirchhain. Man sei im Prinzip mit der Zentralisation einverstanden, aber man könne keine Provinzialkasse daraufhin begründen, und auch der angeratene Anschluß an die Kasse Sachsen-Thüringen sei undurchführbar, da man nicht die vier Fünftel dorthin abführen könne. Justizrat Hirsch teilte mit, daß die Provinzialkasse Ostpreußen im Prinzip gesichert sei. Für Ostprenßen kämen in der Unterstützungssrage hauptsächlich Kranke, die von Rußland herüberkommen, in Betracht und daher sei es wichtig zu erfahren, ob diese Kranken auch unter den Begriff der „Wanderbettler" fallen, das heißt auf die gleiche Weise, auch von den Grenzbureaus legitimiert werden müssen. Der Redner verlangt gleichzeitig eine Reform des Grenzbureaus in Königsberg, worauf sowohl Herr Dr. Kahn wie Herr Dr. Paul Nathan ihre Bereitwilligkeit dazu aussprechen, falls die Königsberger dabei Mitwirken- Herr Rabbiner Dr. Stöffel-Stuttgart teilt mit, daß man in Württemberg die Organisation mit großer Freude begrüßt habe und der Zentralisation sympathisch gegenüberstehe. Der Anschluß jedoch werde von drei Bedingungen abhängig gemacht, und zwar müßte man erst eine Landeskasse in Württemberg begründen, ferner müsse man für Süddeutschland eine besondere Zentrale errichten und dann mache Württemberg seinen Beitritt davon abhängig, daß auch die anderen süddeutschen Staaten mitmachen. ' Herr Rabbiner